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! man nennt oft d e n einen Seher, der ohne zu sehen sich einbildet, dass er sehe. Das sind Sie, mit Ihrer erlaubnis, über diese Lehre. Dem Glauben ist das Wünschen angemessen. Wünschen kann ich also, beten aber nicht!

P a s t o r . Wünschen Sie sich nicht, was Sie von oben herab beten, was Sie von Gott bitten?

H e r r v. G. Recht, Pastor! allein ein Wunsch ist nicht ein Gebet. Lassen Sie uns ins gemeine Leben gehen. Wenn ich in Gesellschaft sage, ich wünsche herzlich, dass Gott meiner Schwester helfe; wer findet diess nicht wohlanständig, wer nicht brüderlich? Sie wissen doch, meine arme Schwester kann sich nicht nach dem Wochenbette erholen. Ich fürchte, ich fürchte! – Das Söhnlein christlicher Eltern ist vorausgegangen und die Mutter wird ihm folgen!

P a s t o r . Eine würdige Frau.

H e r r v. G. Ein gutes Weib, gelt! Wenn ich, sagte ich, wünsche von meinem ganzen Herzen, dass Gott meiner Schwester helfe: Sie würden mit wünschen, Pastor.

P a s t o r . Von Herzender liebe Gott helf' ihr!

H e r r v. G. Wenn ich aber in einer grossen Gesellschaft die hände falte und wie aus der Pistole anfange: lieber Gott! du hilfst, wenn nichts mehr helfen kann; ich bitte dich, hilf meiner Schwester, der armen Kranken, die dir schon ihren Sohn geopfert hat. Sie liegt da in deiner Gewalt! Ich wette, es steht alles auf oderoderoder

P a s t o r . Woher und warum? Vielleicht, weil wir nicht gern mit dem lieben Gott in Gesellschaft sind? Weil wir, wenn ich so sagen soll, manchmal unter uns sein wollen? Ei in der Kirche?

H e r r v. G. Das nämliche, Pastor! Euer einer kann zwar für meine Schwester beten, aber sollte ich's in meinem Kirchenstuhl? – Pastor, das nämliche! auf ein Haar das nämliche! Es geschieht zuweilen, dass einer von der Gesellschaft in Privatäusern sich auf einmal gerade stellt, ein Paar Handschuh anlegt und a l l e r s e i t s anfängt, wie es bei meinem Schwager v. W. nichts neues ist; allein wie ist Ihnen dabei? – Wenn aber dieser Redner feierlich eben hereintritt und seine Rede fein züchtig anhebt? – Man schämt sich, wenn man eben ein Glas in der Hand hat, man stellt es unvermerkt an einen entlegenen Ort des Zimmers, sobald man a l l e r s e i t s hört, man sieht den geputzten Redner, wenn man ihn auch noch so gut kennt, für einen Fremden an und hat nicht das Herz sich geradehin, sondern ehrfurchtsvoll an ihn zu wenden. Dem Vater geht's so mit dem eheleiblichen Sohn. Der Sohn wird Vater, der Vater Sohn, wenn der Sohn redet und der Vater hört. Man sieht den Saal als eine Kirche an und den Sohn auf der Kanzel. Der Redner hat's vollbracht, allein man trägt noch Bedenken, sogleich ein Glas Wein mit ihm zu versuchen. Man ist im Handgriff, den Hut vors Gesicht zu halten, womit man in unserer Zeit den Anblick eines heiligen Orts bezeichnet.

P a s t o r . Also nur Anstand ins Zimmer gebracht, nur heilige hände, und Sie können für Ihre würdige Schwester beten, die Sie ein gutes Weib zu nennen beliebten.

H e r r v. G. Pastor! wenn ich ganz rein heraus sagen soll, dass Euch das öffentliche Gebet kleidet, fliesst aus dem frommen Vorurteil, dass Ihr in Gottes Dienst seid. – Man glaubt, Ihr seht Gott den Herrn, wenn Ihr die Augen verdreht, Ihr seht ihn, wie man sieht. – So lange wir aber Gott nicht sehen, wie man sieht, sollten wir mehr als wünschen.

P a s t o r . Redet man im Eifer nicht mit sich selbst?

H e r r v. G. Mit sich selbst zwar

P a s t o r . Auch mit andernsogar mit leblosen Dingen.

H e r r v. G. Im Eifer, oder in Redefiguren?

P a s t o r . Auch in Entzückung, in Verlegenheit. Christus verschliesst daher das Gebet ins Kämmerlein, weil uns da niemand hört. Die idee ist sehr natürlich, dass, wenn uns kein Mensch hört, Gott uns höre. – Dein Vater, der ins Verborgene sieht, spricht Christus, wird sich öffentlich an dir offenbaren. Das Gebet bringt uns den Glauben, dass Gott sei, fast bis zum Schauen. Das Gebet ist der Spiegel, durch welchen wir am dunkeln Ort Gott sehen! – Ihn sehen! – Wenn aber kommt das Vollkommene, wird das Stückwerk aufhören. Wenn mein Gebet eintrifft, ist's mir so, als war ich entzückt bis zum Unaussprechlichen. – Es ist die probe, dass mein Glaube an Gott richtig gerechnet und die wahre Summe herausgebracht. Christus, der Herr, kam unserer Schwachheit zu hülfe. Auch was ohne unser Gebet geschehen wäre, wenn es auf unser Gebet geschieht, hilft unserer Schwachheit auf. – Kurz, das Gebet setzt den Menschen mit Gott in Verbindung! – Wer