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e G e d u l d , wenn es mit ihren Tücken nicht recht fort will. Die Beständigkeit in ihrer Heuchelei. D i e E i n t r ä c h t i g k e i t , da sie alle eines Sinnes sind, diejenigen, die nicht von ihnen sind, zu verleumden, zu schänden, zu verfolgen. D e r G e h o r s a m , den sie ihren eigenen Lüsten leisten."

Es war allerliebst anzusehen, wie sich Herr v. G. und mein Vater bei dieser Verlesung geberdeten.

A l s o b , sagte mein Vater. J a w o h l , antwortete Herr v. G. Es ward bei dieser gelegenheit eine geschichte folgenden Inhalts eingeschaltet.

Eine person weiblichen Geschlechts, die ihrer gesegneten Umstände wegen Gewissensschmerzen empfand, und eben darum in den andächtigen Erquikkungsstunden nach Trost liebäugelte, weil sie Pein in dieser Flamme litt, hörte in diesen pietistischen Zusammenkünften ohne ende' und Ziel vom v e r k e h r t e n H e r z e n reden. Sie kam nieder, und siehe da! ein Kind mit einem verkehrten Herzen.

Es hat dieses Kind (nach dem Bericht des Candidaten, der diese verkehrte Herzensgeschichte von Universitäten mitgebracht) nur drei Tage gelebt. Seine Mutter folgt' ihm, und zwar ebenfalls nach drei Tagen, von diesem Todestage an gerechnet. Sie verbat indessen sorgfältig im letzten Willen alle Besichtigung nach ihrem tod, um nicht durch ihr eigenes noch ein verkehrtes Herz mehr ans Tageslicht zu bringen.

Herr v. G. erzählte diese interimistische geschichte. Ich konnte, fuhr er fort, dem Candidaten nicht besser antworten, als durch eine gleichmässige geschichte von einem Jagdhunde, der sich die Beine abgelaufen hätt' und ein Dachs geworden wäre.

Und um dem Herrn Candidaten mit dieser Herzensgeschichte keinen heller schuldig zu bleiben, fügt' ich noch vom P a r a d i e s g ä r t l e i n den Umstand hinzu, dass diess Werkchen oft und viel in Feuersgefahr gewesen; allein es verbrannte nicht nur selbst nicht, schrie ich, sondern es besprach auch das Feuer; es war ebenso gut als ein halb Dutzend Feuerhaken und ein Dutzend Schlangenspritzen, und ist also diess Paradiesgärtlein das wohlfeilste Recept wider Feuersgefahr. Probatum est – –

Der curländische Bedenker nimmt sich die Freiheit, im ersten Abschnitt seines katechetischen Unterrichts eine historische Erzählung vorauszusenden, was für Unruhe der Pietismus in der evangelischen Kirche von Anfang bis zur jetzigen Zeit erweckt, und da sind viele Höfe, Städte und Flecken, wo diese Krankheit gewütet und nicht der Kinder in der Wiege verschont. Auf dieser Reise kommt er glücklich und wohlbehalten nach Königsberg und ruft ach und wehe!

Was würde' er aber jetzt rufen? sagte Herr v. G.

Der H e r z e n s c a n d i d a t hatte versichert, der jetzige König von Preussen hätte das ganze a l t e Testament durch dem Codicem Fridericianum abgeschafft und das neue Testament durch eine Instruction verkürzt.

A l s o b , sagte mein Vater.

J a w o h l , sagte Herr v. G.

Und das war das letztemal, dass ich als o b und j a w o h l von ihnen hörte.

Die Gewohnheit der Pietisten, wo sie stehen oder liegen oder sitzen, die hände zu kreuzen und laut zu beten, brachte den Herrn v. G. und meinen Vater aufs Gebet.

Man kann wohl, sagt' er, wie Diogenes, überall essen, allein nicht überall beten.

Warum? erwiderte mein Vater. Ist Gott nicht überall?

H e r r v. G. Wenn Sie mir so kommen, Freund, so komm' ich Ihnen so. Zugegeben, Gott ist überall, allein wir sollen an Gott glauben; durchs Gebet tun wir mehr, wir reden ihn an. – Tun Sie das gegen i r g e n d j e m a n d , von dem Sie nur glauben, dass er da ist?

P a s t o r . Gott ist nicht i r g e n d j e m a n d .

H e r r v. G. Wenn Sie reden, müssen Sie sehennicht?

P a s t o r . Der Blinde spricht, ohne zu sehen, und sind wir mehr in diesem verhältnis?

H e r r v. G. Der Blinde greift mit der Hand, eh' er spricht, und das ist ihm anstatt des Sehens.

P a s t o r . Und ist Gott nicht handgreiflichist er fern von uns, leben, weben und sind wir nicht in ihm?

H e r r v. G. Gott ist ein Geist und nicht so handgreiflich, als dem Blinden der Jemand, den er zur Rede stellt. Das Sehen ist von der Anrede unzertrennlich. Wer uns nicht ansieht, wenn er mit uns spricht, was sagen wir von dem? Um Ihnen mein Glaubensbekenntniss auf einmal abzulegen: wenn ich mit jemand reden soll, muss ich ihn leibhaftig sehen; an Gott glaube' ich, und ich kann ihn also nicht anreden.

P a s t o r . Wir beten, um Gott und an Gott desto fester zu glauben. – Glaube und Gebet sind sich so nahe verwandt.

H e r r v. G. Lieber Pastor