1778_Hippel_037_142.txt

Er war der Vater meiner Mine. – Er konnte wahrlich das Gesicht nicht so verziehen, wenn ihn das Zipperlein plagte und er dem Nicolaus Hermann leiblich ähnlich war, als jetzt, da er befürchtete, sein Sohn würde' ihn verdunkeln. Eben darum hatte' er auch den Benjamin aus dieser Gegend so weit entfernt. Wie diess seine Schwester, nachdem Benjamin vollends der Vertraute unserer heiligen Liebe geworden, bedauerte, wie sehr ichs zu bedauern fand, darf ich nicht bemerken, da es sich, wie vieles in dieser geschichte, von selbst versteht.

Um mir Zaum und Gebiss in den Mund zu legen, sprach er gestern, wie meine Leser es sich erinnern werden, von seinem Sohn als von einem angehenden Präpositus. Wie sehr ward sein Stolz bestraft! – Ich konnte', um aufrichtig zu sein, mich des Lächelns nicht entalten, da ich sah, wie der Herr Candidat mit seiner gestrigen falschen Münze angehalten ward, die ihm auf der Stelle confiscirt wurde. – Heute hätt' ich überlaut lachen müssen, allein ich konnte' es nicht, weit eher hätt' ich mich ärgern können.

Ich sah und hörte den Herrn v. G. unwillig, ohne zu

wissen, was ihn unwillig gemacht; endlich erfuhr ich, dass es darum wäre, weil der Herr Candidat Hermann mein Schlafgesell gewesen. Feuer und wasser, Schuld und Unschuld, hört' ich ihn sagen!

Er ordnete an, dass ich die letzte Nacht durchaus

mit seinem Sohne schlafen sollte; auch G o t t f r i e d , der unser Begleiter war, musst' in diess Zimmer. Diess Z i m m e r , sagt' er, heisst K ö n i g s b e r g , und ihr müsst so tun, liebe Reisende, als ob ihr schon an Ort und Stelle wäret. Die Frau v. G. hatte verschiedene Einwendungen wider diese Anordnung; indessen kam sie nicht zum Wort, und die Einrichtung des Herrn v. G. ward ganz pünktlich befolgt.

Gottfried brachte mir, sobald wir nur in Königs

berg, oder in unserm Schlafgemach waren, von meiner Mutter viele Grüsse und einen zweigliedrigen Segen; auch versicherte er mich hoch und teuer, dass er unmöglich von hinnen ziehen können, ohne der Frau Pastorin, der Mutter seines zweiten Herrn, aufzuwarten. – Es kam mir vor, dass Gottfried sehr geweint hatte, und wie konnte diess fehlen, da er von den Ermahnungen einer Pastorin kam? Eine schriftliche Instruction schien er so wenig als der Conversus zu haben, allein man sah dem ehrlichen Gottfried einen geheimen Auftrag an. Ich war inzwischen viel zu sehr ein Sohn meines Vaters, um dessfalls mit Gottfried eine Untersuchung anzustellen. – Mein Reisegefährte und ich gingen zu Bett, als wenn wir wirklich schon unsern Stab in ein fremdes Land gesetzt hätten. Wie gefällt's dir hier? fing er an. Wie in Curland, erwiedert' ich, es ist überall Gottes Erdboden.

Schon mehr als ein- und zweimal ist auf den vorigen Blättern an Königsberg gedacht, auch hab' ich bemerkt, wie dieses der Ort unserer Bestimmung war, welches beide Väter abvotirt hatten; indessen war es nur ein Interlocut, die Definitivsentenz sollte nachfolgenwenn wir unsern Vätern von unserm akademischen Leben zu Königsberg in Preussen einen getreuen Bericht würden eingesandt haben.

Es war unter der vorigen Regierung auf der Königsberg'schen Akademie auch Alexander und Darius gespielt und ein grausam lächerlicher Streit zwischen Pietisten und Ortodoxen geführt worden. Nicht bloss Teologen, sondern auch Juristen und Mediciner hatten sich werben lassen. – Es waren Presbyterianer und englische Kirche, Pilatus und Herodes, Whigs und Tories. – Diess veranlasste überhaupt ein kurzweiliges Gespräch über den Pietismus und Inpietisums, und hiebei ward eines c u r l ä n d i s c h e n T h e o l o gegen Bedenken vom Pietismo in drei Abschnitten betrachtet, mit einer Vorrede von Erdmann Neumeister. Hamburg, bei Philipp Hertel, im J a h r e 1737, zum grund gelegt. Dieser curländische Teologus oder Bedenker soll Pastor Johann Wilhelm Weinmann seliger gewesen sein. Er hat in fragen und Antworten die Pietisten angegriffen, indem er nämlich selbst fragte und selbst antwortete, und so, wie's oft sehr klüglich in dergleichen Fällen zu geschehen pflegt, so war auch hier die Antwort eher als die Frage fertig.

Die sechsundsiebenzigste Antwort auf die sechsundsiebenzigste Frage des ersten Abschnitts liess den Herrn v. G. und meinen Vater herzlich lachen.

Frage.

Hat sich denn der Pietismus auch in Curland einnisten wollen?

Antwort.

(Ich lass' einen grossen teil dieser Antwort unangeführt, damit meine Leser desto besser das Ende fühA l s o b , sagte mein Vater. J a w o h l , antwortete Herr v. G. Eine Stelle aus der Vorrede des mehr besagten "Doch auch ihre (der Pietisten) Tugenden will ich G e n ü g s a m k e i t , wenn alles bei ihnen überläuft. D i e D i e n s t f e r t i g k e i t , ehrliche Männer aus Amt und Dienst zu bringen. D i e D e m u t h , zu knien, wo es nicht nötig ist. D i e V o r s i c h t i g k e i t , ihre Bosheit nicht an den Tag zu bringen. D i