V a t e r als S o h n wird sogleich gehandelt werden! Meine Mutter ermahnte mich, so oft ich gerungen hatte, und fügte hinzu, dass jedes Haar auf meinem haupt gezählt sei.
Ich arbeitete beständig, allein ich wusste es nicht, ich hätte eben so gut glauben können, dass ich beständig spielte. Mein Vater konnte sich über nichts so sehr ärgern, als dass über der Seele der Leib vergessen würde, und dass man das eine bei Hochwohlgebornen Kindern l e r n e n , und das andere s p i e l e n hiesse. Es ist alles Spiel oder alles Arbeit, pflegte er zu sagen. Die Unvermögenheiten des Leibes hielt er alle für ansteckend in Absicht der Seele. Es ist ein schlechter Wirt, sagt' er, der sein Zimmer mit Seide ausschlägt und von oben einregnen lässt. Vom Kleide auf den Mann, setzte er hinzu, vom haus auf den Herrn, vom leib auf die Seele schliessen, ist kein unrichtiger Schluss. Wenn man seinen Körper, den man sieht, vernachlässigt, wie will man an seine Seele denken, die man nicht sieht. Mark macht's aus, setzte er, um sich zu erklären, hinzu, nicht Lange und Breite, Dicke und Höhe. Ein jeder Erfinder ist wenigstens an dem Tage, da er erfand, ein Mann gewesen, und hätte eben so gut ein gesundes Kind in die Welt setzen als erfinden können, und alles, was in der gelehrten Welt Metusalems Alter erreichen und noch älter werden soll, alles, was eigentlich auf die Nachwelt bleibt, hat ein Gesunder gedacht und geschrieben. Die Heldenund Staatsaktionen des Herkules leisteten meinem Vater auf diesem Wege gute Dienste, und er konnte sich sehr freuen, wenn ich Unwillen zeigte, dass ich nicht auch gelegenheit gehabt, zweien Schlangen in der Wiege das Lebenslicht auszudrücken. Die geschichte vom A n t ä u s , dem Riesen, war mir ein Brand im Busen; mein Vater goss Oel dazu, und mass mir seine Länge vor. Ich stieg auf den Tisch, um sie recht zu sehen, und so wie ich mich über die Art des Antäus freuete, sich einen Löwen zum Braten zu fangen, so gratulirte ich dem H e r k u l e s , dass er diesen Löwenjäger tot zu drücken die Ehre gehabt. Meine Mutter war so wenig mit der geschichte vom Riesen Antäus, als mit der von der Schlange zufrieden. Bei der Schlange fiel ihr beständig die im Paradiese ein, wobei sie es dem N o a etwas übel nahm, dass er für sie eine recht h o l l ä n d i s c h e T o l e r a n z in seinem Kasten gehabt. Sie äusserte bei dieser gelegenheit die Meinung, dass das Auszischen sich aus dem Paradiese herschriebe, wo der Teufel unsern ersten Eltern auf diese Art übel begegnet hätte, nachdem die armen Betrogenen den letzten Bissen Apfel genossen. Was den todtgedrückten Riesen betraf, fand sie's anstössig, dass er nicht G o l i a t h hiesse. Ich war sehr fürs Todtdrücken des Riesen, aber mein Vater zeigte mir das Erhabene, das Göttliche bei der geschichte des David, und ich lernte nebenher, wie unrecht es sei, mehr Mittel, und wär's auch nur ein Gränlein, anzuwenden, als man Zweck hat.
Wenn meine liebe Mutter den Eifer bemerkte, der mir bei Erzählung vom Herkules unter die arme griff, so dass ich vor ihren sichtlichen Augen am Tisch und Stühlen ein Exempel statuiren wollte, pflegte sie mich zu ermahnen, meine arme zum Kanzelschlage zu schonen und sie nicht an unschuldigen Stühlen und Tischen zu entweihen.
Erziehen, sagte mein Vater, heisst aufwecken vom Schlafe, mit Schnee reiben, wo's erfroren ist, abkühlen, wo's brennt. Wer nie ein Kind unterrichtet hat, wird nie über das Mittelmässige hervorragen. Docendo discimus ist ein grosses und wahres Wort! In gewisser Art lernen wir mehr von den Kindern, als die Kinder von uns. Wer ein Auge hat, lernt hier den Menschen. Wenn die Sonne aufgeht, kann sie der blick umfassen. Wer kann in sie sehen, wenn's Hochmittag ist? –
Wenn ich auf etwas durchaus und durchall bestand, überliess mich mein Vater meinem Eigensinn, und ich sah aus den natürlichen Folgen, wie töricht ich gehandelt, dass ich seinen Fingerzeig aus der Obacht gelassen. Er behauptete, dass keine natürliche Strafe gleich einer Todesstrafe wäre, und so liess er nach dieser grossen Vorschrift auch mich nur durch Busse bekehren und leben. Ich verbrannte mich am Licht, ich verdarb mir den Magen unterm Pflaumenbaum. Wie der himmlische Vater es mit uns macht, pflegte er zu sagen, so sollten es auch leibliche Väter machen. Welch einen Einfluss diese Lehrart auf mich gehabt, ist unaussprechlich. – Ich lernte natur, die wir leider bei dem allgemeinen Fall oder Verfall der Menschen l e r n e n müssen. Ich lernte sie im Kleinen und im Grossen. Wenn ein Genie allein auf dem land geht, pflegte mein Vater zu sagen, bleibt es nicht lange allein, die natur geht ihm an die Hand. Sie fasst es an, und es versteht die Blume, wenn sie sich neigt, und den liebevollen Hopfen, der sich hinaufranket. Es bewundert den Regenbogen, das Ordensband, das Gott der Erde als ein Gnadenzeichen umhing.