. – Vielleicht hingst du schon lange, lange nicht mehr an meiner Hand, eh' ich dich misste, eh' ich wusste, dass ich allein war. Allein! grosser Gott, ich allein! Gin schreckliches Wort – allein! O wie betrübt bin ich! wie sehr betrübt! und am meisten, dass wir einen so schnellen Tod sterben. Wir beten:
Für einen bösen schnellen Tod
Behüt' uns, lieber Herre Gott!
Ich habe bis hieher geglaubt, es sei gut, schnell sterben, wenn es nur nicht ein böser Tod ist, denn du hast es mich gelehrt; allein nimm deine Lehre zurück; ein schneller, dünkt mich jetzt, ist immer ein böser! Leib und Seele, denke' ich, wissen nicht, wo sie geblieben, wenn es zu schnell geht, so wie ich von dir nichts wusste. – Junge! die ganze Zeit über und noch diesen Augenblick sehe' ich mich nach dir um, allein du bist nicht mehr. – Gott segne dich und behüte dich! Dich! Dich! Dich! Mir ist so, mein Lieber, als wenn dieser Brief der letzte sei, den du, eh' ich sterbe, von mir lesen wirst; der letzte, dünkt mich, ohne zu wissen, l e t z t e , im Fall du die ersten l e t z t e n selbst vergessen hast – und hast du keine gelegenheit, zu schreiben, lehre sie dem Benjamin auswendig, damit er sie mir ja unversehrt überbringe und sie mir eine Feuersäule werden und eine Wolkensäule, je nachdem ich's bedarf. Bald zittere ich, bald wütet ein mächtiges Feuer in mir. Sommer und Winter, dicke Nacht und Sommermittag. Das ist wohl die Liebe, Herzensjunge, sonst wüsst' ich nicht, was es sein könnte. O Junge! wie sehen' ich mich nach deinem: z u g u t e r letzt, zu guterletzt, zu guterletzt!
Es bleibt mit der Aufschrift und mit allem. Ausser dem Briefe, den mir, wenn das Glück gut ist, Benjamin jetzt bringt, schreibst du mir den ersten. – Alles übrige wird dir Benjamin sagen.
Wenn du es nicht selber endlich fürs Beste gehalten hättest, dem Benjamin den Vorhang unserer Lliebe aufzuziehen, ich wäre vergangen in meinem Elend. Der Brief, den Benjamin von dir mitbringt, wird nicht gerechnet. Er an s i e zuerst, wenn du an Ort und Stelle bist, wo dich Gott hingeleiten wolle durch seinen heiligen Engel, dem ich, wie dir, eine glückliche, glückliche Reise wünsche. Ich häng' an einem deiner Blicke, ich weiss aber nicht, ob es der letzte war. So hing ich nie an deinem Mund, so fest nie, als an diesem blick. Was ist aber in deinem Auge? Schwermut, tiefe Schwermut? Um wen trauerst du, Lieber, um wen? Kannst du um wen anders trauern, als um deine Mine? Ist sie tot, deine Mine? Hat sie ausgekämpft den schweren Kampf, die Dulderin? Mir liegt der Spruch so tief in der Seele: sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben; dass die Krone des Lebens vor meinen Augen schimmert. – Liebe und Andacht, pflegtest du zu sagen, sind zwei Lieder auf eine Melodie. Ist denn die Liebe nicht, wie die Seele ewig? Wo bist du, mein Geliebter? Denke mein! denke mein! – Geschwind, wie der Gesang des Vogels durch den Wald läuft, geschwinder bist du entflohen. – Am Abend duftet was man pflanzt am lieblichsten, und die Seele duftet eben so lieblich, wenn sie der Tod überfällt. Ich weiss nicht, was ich schreibe, du wirst es aber wissen, was ich schreiben wollte. Ich bitte Gott, dass er's dir eingebe, wenn du es nicht von selbst wissen solltest. Wir sind eins, lieber Junge, du und ich! – Vergiss nicht, mit Benjamin einen andern Weg zu bahnen, wenn der meinige nicht gut ist; du musst alles bis auf ein Haar abreden, wenn du meinen Vorschlag nicht annimmst. Benjamin wird dir die Ursache zur Abänderung sagen, ich kann es nicht, ich weiss sie nicht mehr, ich weiss nichts, nichts mehr, als dass ich dich liebe und dich lieben werde im Glück und im Unglück, im Leben und im Sterben, bis vor Gottes Angesicht! O, wie wohl ist mir, da ich daran denke! wie wohl!
Da ist er wieder, dein blick! – Warum so finster? Ist denn der Tod so bitter? Lebe wohl, das weiss ich noch, dass ich es dir, dass du es mir sagtest. Aber das Letzte? – ich kann nicht mehr. Lebe glücklich und wohl, und Gott segne dich und behüte dich, er lasse sein Antlitz leuchten über dir und sei dir gnädig! – Ich lebe' und sterbe dein.
N.S. Am Ende hab' ich wieder nicht recht Abschied genommen. Gott segne dich – ich bete lange für dich und werde jeden Morgen und jeden Abend, und vor Tisch und nach Tische für dich beten. – Ich werde mir manches Gebet entziehen und es für dich tun. – Der liebe Gott sei mit dir und gebe dir noch einen Engel zu, da du auf Reisen gehst – und