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zu meinem Vater; "das sind die rechten Erben."

Das letzte Wort unseres Bekannten war ein mit gefalteten, gegen Himmel gehobenen Händen, bei denen er aber sein Gesicht, als wenn er sich vor dem Donner fürchtete, wegwandte: G e d e n k e m e i n ! Er hielt sich für einen vierfachen Mörderseines Sohnes, seines Weibes, Charlottens und ihres Ehemannes.

Herr v. G. war dieser geschichte wegen äusserst bewegt, und Herr v. W. fing den heiligen Abend zum Freudenfest diessmal später an, um das Trauerfest, das ohnehin früher seinen Anfang genommen, hiedurch recht vollständig zu machen.

Ich habe mich, wie meine Leser schon wissen, bei dem Auszuge kurz gefasst, und wenn ich die Anmerkungen, welche vorfielen, hinzufügen sollte, würde die Stütze vollends grösser als das Gebäude geworden sein.

Die Frau v. W. hatte die hände gefaltet, als wenn Hausgottesdienst gehalten würde, und ihre Tränen fielen gerade herab, ohne dass sie, ihr Kleid zu schonen, etwas untersetzte, wie man Regenwasser auffängt. – Sie flossen von ihrem Kleide wie Tautropfen von Blumen. – Die Frau v. G. weinte in ihr einbalsamirtes Schnupftuch.

Es freute den Herrn v. G., diese Bewegung an ihr wahrzunehmen, d a u n s e r B e k a n n t e r kein Edelmann war. Während dieser Vorlesung und der Nutzanwendung, die Herr v. G. aus seinem guten Herzen schüttete, fiel mir alle Augenblicke M i n e ein. Gern hätte ich ihr gesagt, was ich bei dieser geschichte empfunden, u n d s i e h e d a , i h r B r u d e r D a r i u s B e n j a m i n ! – Mir ist es oft begegnet, dass das alles, was mir von der Liebe ahnete, auf ein Haar eintraf, und diess bestätigte meine idee, dass eine unsichtbare Hand mit meiner Liebe sei, so wie sie's mit jeder reinen Liebe ist.

Benjamin hatte einen verstellten Auftrag an seinen Vater, der unaufhaltsam böse war, dass sich Benjamin unterstanden, ihn h i e r aufzusuchen. Es fiel ihm gar nicht ein, dass das Schneiderhandwerk für den Sohn eines Literatus noch das allerschicklichste sei, dass Gott der Herr selbst nach dem betrübten Sündenfall dieses geschenkte Handwerk eingesetzt und die ersten Röcke verfertigt, dass sein Sohn auf Prima sässe und künftige Ostern Student werden würde. Noch böser würde der alte Herr gewesen sein, wenn Benjamin nicht sein Ehrenkleid angelegt und die Haare in Verse gezwungen hätte, so nannte meine Mutter die damalige Art in Curland, Locken im eigentlichsten Sinnanzunähen. Dem Benjamin war diese Frisur die natürlichste.

Während der Zeit, dass der alte Herr dem Benjamin seine Herausnahme, ihn hier aufzusuchen, verwies, winkte Darius seinem Freunde Alexander, dass er aus einer ganz andern Ursache hergekommen, die er in der tasche hätte. Benjamin sollte sogleich fort. Hermann stand Schildwache, damit niemand den Primaner sähe, und befahl seinem Sohn, vom Fenster zu gehen. Der arme Junge musste sich lange kehren und wenden, bis er ein Plätzchen fand, wo man am wenigsten entdecken konnte, dass Benjamin, des alten Herrn Sohn, hier wäre. Ich würde' ihn nicht von dieser Wache weggebracht haben, wenn ich nicht mit Benjamin wie du und du umgegangen. Diess brachte den Herrn Candidaten von der Tür, und vielleicht fiel ihm zu rechter Zeit ein, dass er selbst zu haus Fingerhut, Bügeleisen, Nadel und Zwirn (wiewohl unter ein Paar Schlössern verwahrt) hätte. – Er löste sich von der Schildwache ab, und Benjamin und ich waren allein.

Mir war von jeher angst und bange über Benjamin, wie meine Leser es selbst wissen, weil er das Geschlagenwerden schon gewohnt war. Das Finkennest und der Judenjunge hatten diese Angst und Bangigkeit wieder aufgefrischt, die der Gedanke, dass Minchen Benjamins Schwester war, zum grössten teil widerlegt hatte. Benjamin war schon bei der väterlichen Belagerung ungewöhnlich beherzt. Er hatte nicht Ruh' noch Rast, mich von seiner Schwester zu grüssen und mir ihren Brief, das Handgeld, so er, als unser Vertrauter, genommen, zu überreichen. Hier ist er. Ich hatte nicht Zeit, den Benjamin in seinen neuen Posten einzuführen. Ein Brief von Minen! – wie könnt' ich das? Ich bespart' also das Introductionsgeschäft auf eine gelegenere Zeit.

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Gottlob! dass du noch in Curland bist, und gottlob! dass ich noch von dir Abschied nehmen kann. Gottlob! gottlob! – Ich bin sehr darüber bekümmert, dass es so unordentlich bei unserm letzten Gespräch herging. In Wahrheit, ich weiss kein Wort von dem, was du mir zu guterletzt gesagt hast; oder hast du mir nichts zu guterletzt gesagt? nichts? – Was noch ärger ist und was mich noch mehr bekümmert, darf ich dir nicht sagen. Du wirst es leider zu sehr, zu sehr wissen und dir darüber Gedanken machen! Ich fühl' es, dass ich selbst, dass ich dir auch kein Sterbenswort gesagtnichts zu guterletztund doch liegt's auf meinem Herzen wie ein Berg. O, lieber Junge, verzeih' mir! – Es war alles so geschwind, ich sah dich nicht gehen; du bist auch nicht gegangen, du bist verschwunden