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Schooss legen? wer sein Auge sinken lassen? Ruhe ist der Anzug der Seligen, der Vollendeten des Herrn! Von Gott kann man sagen: er sah an, was er gemacht hatte, und siehe da: Es war alles sehr gut!

Der gang auf Vogelwild unseres Bekannten war sein letzter, ruhiger oder verstockter gang. Der Schuss, wodurch er seinen Sohn tödtete, sprengte sein Gewissen auf. K n a l l und F a l l passte nicht bloss auf seinen Sohn, sondern auch auf seine Ruhe. Er führte an, dass er im Schuss den nämlichen Knall gehört hätte als im Donnerschlag, den er überschrien und den er zum gerechten Zeugen für seine ehrliche Liebe zu Charlotten aufgerufen! Die Molltöne hatten sein Herz nicht erweichen können, so wie göttliche Wohltaten die wenigsten Menschen zu Gott lenken. Es musste einschlagen, und nun fielen die Schuppen von seinen Augen. Der Schuss schleifte seine ganze Festung.

Da stand er und trauerte wie ein Baum, dem ein brausend wütender Angriff des Sturms alle seine Blätter auf einmal raubt und ihn schnell ganz nackt auszieht. – Nun war ihm Charlottens Grab die einzigste Zuflucht; hier sah er Charlotten und seinen Sohn, der auf diesem grab oft gespielt hatte. – Was für ein schreckliches Licht war ihm aufgeblitzt! Gott ist gerecht, schrieb er, und alle seine Gerichte sind gerecht! Seine Ausdrücke waren brennend. Sie gingen durch Mark und Bein. Wie gern hätte er sein verpfändetes Wort eingelöst. Sein Weib war ihm unerträglich und er sich noch unerträglicher, weil sie's ihm war. Sein einziger Umgang war mit dem mann seiner Charlotte, der ihm alles haarklein erzählen musste, was unser Bekannter, nachdem er zur erkenntnis der Sünden gekommen war, besser verstand als sein Freund. Die Laube, welche er gepflanzt und Charlotte begossen, war ihm fürchterlich finster geworden; indessen ging die Sonne keinen Tag unter, wo er sie nicht besuchte. Er suchte Charlotten drin und weinte. Er, der ehemals mit dem Frühling um die Wette blühte, konnte, ausser dem Herbste, keine Jahreszeit ausstehen. Abgefallenes Laub sah er lieber, als eine Rosenknospe, und wenn er einen verdorrten Baum fand, setzte er sich unter ihn; er war ihm der liebste.

Gott hat mich verstossen, seufzte er zuweilen, und niemand konnte ihn seufzen hören, ohne ihn herzlich zu bedauerndas brachte einen neuen Seufzer hervor. Wenn er zum Nachtmahl ging, weinte er so, als wenn er unter den Kriegsknechten gewesen wäre und jetzt öffentliche Kirchenbusse täte. Er war stets zerschlagenen, zerrissenen Herzens. Sein ganzes Leben war eine immerwährende Litanei, ein ewiges Kyrie eleison. Froh würde er seiner Erlösung entgegengegangen sein, wenn nicht Charlotte und sein Sohn im Himmel gewesen. – Seinen Sohn durfte er nur vor den Menschen bekennen; desto mehr litt er, dass er Charlottens Namen verbeissen musste. In der Stille nannte er ihn tausendmal in einem fort. Er zitterte vor dem Tage seines Todes und das Leben war ihm auch unerträglich. O Gott! es muss ein schrecklicher Zustand sein, wenn man nicht leben, nicht sterben kann. Am Ende war ihm doch das Leben das unerträglichste. Er sehnte sich, vom Fegfeuer dieses seines Lebens und von allem Uebel befreit zu werdenund wenn ihn eine Furcht vor dem Himmel ergriff, wo er seinen Sohn, Charlotte und Luise finden würde, schlug er seine hände gegen Himmel: Vergib! war alles, was er sagen konnte.

Sein Morgen- und Abendgebet war:

Von allem Uebel mich erlös';

Erlös mich von dem ew'gegen Tod

Und tröst' mich in der letzten Not.

Bescheer' mir, Herr! ein sel'ges ende';

Nimm meine Seel' in deine Händ'!

Und so beschloss er auch seinen Aufsatz, den meine Mutter nicht der Sache angemessener beschliessen können.

Charlottens Mann sollte ihm nach seinem Testament im ersten Paar folgen und alles erben, was er nachliess. Folgen will ich ihm, sagte dieser Unglückliche, was soll mir aber sein Gut, da ich seit Charlottens tod nicht mehr lebe?

Diess war der Schlüssel zu der S e e l e n a n g s t unseres Bekannten. Sein Sohn war nur der erste Eingang. Charlotte war das Tema.

Er hatte, wie mein Vater in seinem Briefe bemerkte, sich auch darum Vorwürfe gemacht, dass er diesen inneren Gram seinem weib und dem mann Charlottens und seinem Beichtvater, meinem Vater und seiner Beichtmutter, meiner Mutter, verheimlicht; allein mein Vater absolvirte ihn dessfalls, weil er eben durch diese Verschwiegenheit gebüsst. Er rief nicht bloss: ich soll meinen Georg sehen, sondern auch: ich soll Charlotten sehen; und er wollte nicht bloss von meinem Vater eine Anleitung, sich gegen seinen Sohn, sondern auch gegen Charlotten, zu führen. – Diese Umstände waren so verwandt in seinen Empfindungen, dass bei ihm alles eins war, Charlotte und sein Sohn.

Den Ehemann Charlottens überfiel eine ordentliche Art von Eifersucht, da ihm unser Bekannter im Himmel zuvorkam; allein mein Vater heilte ihn.

Er hatte sich feierlich erklärt, nichts von dem Nachlasse des Bekannten sich zuzueignen, und da ihm mein Vater die Folgen hievon vorstellte, versprach er zu nehmen und zu geben. Mit der Linken nahm er und mit der Rechten wandte er diess Erbteil bis zum letzten Dreier den Armen des Kirchensprengels zu. "Dank für die Anweisung," sagte er