1778_Hippel_037_135.txt

müsste denn durch die Sonne vergoldet sein, sonst konnte sie nichts Schimmerndes ohne Tränen ansehen. Ihr Silber und Zinn musste nicht glänzend gemacht werden. Am liebsten ass sie von Holz. – Man verschloss sogar Scheere und Messer eine Zeitlang. Ein Schrecken war das Einzigste, was Charlotten in's lachen bringen konnte. Ihr lachen hielt man für Hitze, so wie ihre Tränen für Frost, bis man mit ihrer Art bekannter ward und Messer und Scheere wieder aufschloss.

Charlotte konnte keine Kinder ausstehen; allein wenn sie heimlich den einzigen Sohn unseres Bekannten habhaft werben konnte, drückte sie ihn fest an ihr Herz. Es war rührend anzusehen. – Unser Bekannter hatte das Glück, sich zu überreden, Charlotte sei nicht seinet-, sondern ihres einzigen Mannes wegen, schwermütig. Es war Charlottens Mann der beste Mann in der Welt, indessen ward er ordentlich gehasst, und wenn man ihn am Ende so böse nicht fand als man ihn ausgab, kam es auf den gnädigen Herrn, man sagt' es sich in's Ohr, dass Charlotte seinetwegen so trübe geworden wäre.

Sie starbund so froh, dass es erbaulich war, von ihrem tod zu hören. Wer sie sterben gesehen, war bis an die Tür des dritten himmels entzückt worden. Charlotte war aber gewiss weiter eingedrungen zur ewigen Freud' und Herrlichkeit. Wer ihre letzten Worte gehört hatte, redete von ihr mit Ausgelassenheit. – Es hatte kein Auge gesehen, es hatte kein Ohr gehört, es war in keines Menschen Herz kommen, was die Umstehenden gesehen und gehört hatten und was ihnen ins Herz gekommen. Ihr Ehemann hatte in Wahrheit die Freuden des Ehestandes nicht an ihrer Hand erfahren; allein ihr Andenken liess ihn an keine zweite Verbindung gedenken.

Unsere Verbindung, sagt' er, war für die andere Welt, wo keine Tränen mehr von Charlottens Augen fallen werden! Sie sind getrocknet, diese Tränen, und Engelsfreude ist in ihren Augen. Halleluja! Charlotte bat ihm sterbend ab, und er ihr, und alle, die Messer und Scheere verschlossen hatten, verlangten ihren Segen.

Vergib mir, sagte sie zu ihrem mann, es wird dir alles im Himmel gelohnt werden. Am grab endet sich alles Elend, aller Kummer. – Dort wird das Buch meines Schicksals aufgetan, damit ich lese und verstehe, was hier kein weiser Mann zu erklären wusste. Alle Finsterniss wird dort Licht sein. O, wie froh werde' ich sein, den Zusammenhang meines Lebens kennen zu lernen. – Ihr Mann rang die hände, und wenn sie ihm abbat, weint' er bitterlich. – Ehe sie ihr edles Auge schloss, sah sie sich rund herum. Bei ihrem mann liess sie das Auge etwas ruhen, und nachdem sie diesen Lauf vollendet, sah sie gegen Himmel und ihr Auge schloss sich, als wenn man müd' ist, von selbst. Es durfte nicht zugedrückt werden. – Sie entschlief. – Wahrlich! wahrlich! sie starb in einer seligen Stunde. – Ihr Liebling, der Sohn unseres Bekannten, spielt' oft auf ihrem grab, das kein Kraut des Fluchens, Dornen und Disteln, entehrte, obgleich es rund herum stand. Es schien, als ob Dornen und Disteln achtung für das Grab unserer Seligen hätten. Der Sturmwind, wenn er daherfuhr und die Kirchenlinden absplitterte und Aeste brach, schonte der Blumen auf dieser heiligen Stätte. Sie war jedem heilig, wie die Pforte des himmels.

Ich glaube, meine Leser verlieren bei diesem Auszuge, denn das weitschweifige Original hatte Stellen, die schrecklich waren.

Unser Bekannter war durch diesen denkwürdigen Tod noch nicht auf Bussgedanken gebracht. Er konnte Charlottens Leiche sogar folgen, ohne eine Träne fallen zu lassen!

Das nenn' ich, sagte Herr v. G., G e r i c h t d e r V e r s t o c k u n g ! Die Trostlosigkeit des Mannes unserer Charlotte bestätigte das Vorurteil, dass er Charlotten unglücklich gemacht hätte. Man hielt es für Gewissensbisse. Die Umstände ihres Todes, die unserm Bekannten, wiewohl zum grössten teil sehr unrichtig und nur beiläufig, erzählt worden, bestätigten diesen unerhörten Wahn. – Da Charlotte ihrem Ungetreuen auswich und ihn nicht anders als in ihrem Herzen sah, so unterhielt alles die Ruhe unseres Bekannten, u m m i c h d e s t o u n r u h i g e r z u m a c h e n (diess sind seine eigenen Worte).

Der Herr v. G. bemerkte, dass ihm nichts schrecklicher, als ein ganz ruhiger Mensch wäre. Die Ruhe der Weisen sei so sehr, bemerkte er, mit einer gewissen seligen Unruhe, mit einer sehnsucht verknüpft, dass man sie eine selige Unruhe nennen könnte. Ruhe ist Dekoration, wie's eine Aufrichtigkeit von der Art gibt, eine Aufrichtigkeit, die verkleideter Mord istund wodurch man sicherer betrügt, als durch Rückhalt.

Unsern Herrn und Meister, sagte Herr v. G., konnte nur eine gewisse Ruhe, die Folge von einem göttlichen Ruf, kleidenseinen Aposteln kommt sie schon nicht zudem Sokrates nichtwohl aber der Maria, des Herrn Mutter, und jedem weib, das einen Sohn hat, der seiner Mutter Ehre macht. – Solch ein Weib hat es vollendet. – Hier in der Welt sind wir in der streitenden Kirche. – Wer wird die hände in den