, hatte seine Lebensumstände eigenhändig verfasst und sie seinem Tröster, meinem Vater, in die hände gelegt. Der Herr v. G., den d e r A l t e m i t d e m e i n e n H a n d s c h u h aufmerksam gemacht, hatte meinen Vater beschworen, ihm den Erfolg von dem Trostamte, welches dieser Unglückliche in seiner Seelenangst aufgefordert hatte, zu berichten.
Ein kurzer Brief, sagte Herr v. G., da er den Brief meines Vaters entfaltete, der, wie ich bei gelegenheit des Conversus bemerkt habe, fürs Mündliche war. Diess gab Anlass, von meines Vaters Weise, kurz zu schreiben, nach seinem Beispiel ein langes Gespräch zu halten, das Herr v. G. auf eine mir unvergessliche Weise beschloss. Die Sprache Gottes! Gott sprach, hauchte nur auf, und es ward. Gott ist auch Schriftsteller worden, fuhr Herr v. G. fort. Das Wort Fleisch. – Es ist viel von Gottes Wort zu sagen. Ein Ausdruck, den alle Welt im mund führt, und doch ein tiefer, tiefer Ausdruck!
Eine lange Beilage, sagte Herr v. G., nachdem er den kurzen Brief durch und durch geblickt hatte. Er las ihn nicht, er blickt' ihn auf. Die Beilage ward wörtlich abgelesen. Einige Stellen hatten Tränen überschwemmt, und sie schienen wie verwüstete Wiesen, die das ausgerissene wasser zerstört hat.
Hier ist ein wohlgemeinter Auszug. Es war der – – der einzige Sohn eines Amtmanns. Seine Mutter, die Tochter eines Literatus. Seine Eltern starben in Ketten. Der ungnädige Herr Principal hatte' ihnen Defecte zugezogen, ohne sich Zeit zu nehmen, eine probe bei seiner Rechnung zu machen.
Die Cavaliere, schreibt er, rechnen gemeinhin mit ihren Amtleuten ohne probe, und sind Kläger, Richter und Henker!
Unser Bekannter hatte gelegenheit gehabt, in seiner ersten Jugend schreiben und rechnen zu lernen, ohne dass er sich unterstehen durfte, von dieser Kunst bei der Verrechnung des Herrn v. ** in Rücksicht seines Vaters Gebrauch zu machen und ihr durch eine probe nachzuhelfen. Er entging mit vieler Mühe der Schulduntertänigkeit, konnte von Glück sagen, dass er frei blieb und als Bedienter sich in einem andern hochadelichen hof anzubringen die erlaubnis erhielt. Er versprach C h a r l o t t e n die Ehe, einer freien person, die aber weder reich noch schön war. – Sie hatten sich von dem ersten Augenblick geliebt, da sie sich gesehen hatten. Sie war verliebt und tugendhaft, das ist nicht viel auseinander, und verliebt und tugendhaft war alles, was man von Charlotten sagen konnte. Gewiss würde' unser Bekannter an ihrer Hand glücklich geworden sein. Er hatte' ihr die Ehe einmal, da es donnerte, verheissen, und so laut, wie er schreibt, dass er fast den Donner überschrien! – Alles, was Charlotte und unser Bekannter sahen, alles, was sie hörten, bestätigte ihre Liebe – denn Aufforderung hatten sie nicht mehr nötig. Unser Bekannter hatte' eine Laube gepflanzt, welche Charlotte begoss. Sie wuchs mit ihrer Liebe um die Wette. Charlotte hatte das Glück, wie's die Leute hiessen, den gnädigen Herrn in verliebten Aufruhr zu setzen. Sie war die vierte, der er ein seidenes Schnupftuch zugeworfen; allein die drei, so vor ihr gewesen, die Kammerjungfer nicht ausgenommen, waren auf einen andern Fuss genommen. Er fing an zu seufzen und Charlotten förmlich die Cour zu machen. Wenn niemand dabei war, küsst' er ihr die hände, und das Kammermädchen seiner Frau Gemahlin Gnaden hatte' ihn auf den Knien vor Charlotten gesehen. Diess verdross das Kammermädchen beinahe mehr, als die gnädige Frau, welch letztere die Kunst sich zu entschädigen aus dem grund verstand und den Herrn Gemahl länger verloren hatte, als die Kammerzofe den Liebhaber. Indessen fand auch die entschädigte gnädige Frau unschicklich, dass Se. Hochwohlgeboren einem Dienstmädchen die Cour machten. Die Cour! auf den Knien! So was hielt sie ihrer Ehre zu nahe, und das Kammermädchen setzte hinzu: wenn Charlotte noch eine Kammerjungfer wäre!
Charlotte hätte, wenn sie den Plan der gnädigen Frau und des Kammermädchens befolgen und den gnädigen Herrn öffentlich lächerlich machen wollen, ein ziemlich grosses Spiel gewonnen, allein sie wollte nicht durch's Spiel reich werden. Sie suchte Se. Hochwohlgeboren auf den rechten Weg zu bringen, er aber blieb auf dem Irrwege zu ihrem Herzen. Da sie ihn nicht los werden konnte, entfernte sie sich, wie sie stand und ging, und liess, wie Joseph, ihre Plundern zurück, die Man ihr bei Hängen und Würgen auslieferte. Die Sache macht' aufsehen, und Charlotte war die einzige person, die den Herrn v. ** vom Teater der dortigen Gegend bringen konnte. Sie tat es, und da unser Bekannter sie selbst darum bat, kehrte sie zurück ins Haus. Solche Herren wissen sich durch Ableiter vor dem Ungewitter zu sichern. Sie wissen nicht, was eine fehlgeschlagene Liebe sagen will. Der Herr v. ** hatte sich mit weniger Mühe, ohne zu knien, versorgt, und unser Bekannter besass Charlotten nun ohne Anfechtung. Sie war ihm jetzt teurer; denn ihre Tugend hatte gesiegt und das Feld behalten.
Es ist unaussprechlich, wie glücklich unsere Verliebten waren. Er pflückt' ihr die ersten Blumen, und die natur schien sie recht