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der Bürde seines Barts befreit und leicht ums Kinn gemacht, eh' er

Der Bösewicht! setzte Herr v. G., ohne das Komma abzuwarten und meinen Vater ausreden zu lassen, hinzu, das kommt vom Aderlassen heraus! Man sollte nicht Leute an den Hals lassen, die Blut sehen können, als sehen sie süsse Milch.

Der Mörder hätte bekannt, dass er mit Mordgedanken zumgegangen. Alle Umstände bestätigten diese Aussage. Der erste Strich war in seiner Seele Mord. Warum vollbracht er ihn erst beim letzten? – Nota bene. Er fand denallein, und so blieben sie auchdie Tat kam nach vier Stunden erst aus.

Ich weiss nicht, sagte meine Mutter im ersten Bande, ich weiss nicht, gegen das gemeinste Volk hab' ich, bis ich bekannt bin, rückhaltende achtung; ich glaube, das macht das Bild Gottes. Wenn meine Leser den ersten Band nicht bei der Hand haben, so war es bei gelegenheit der Blutreinigung, deretwegen meine Grossmutter mütterlicher Seits das alte Gesinde behielt, welcher blutigen Meinung meine liebe Mutter, in Rücksicht der königlichen Frau Mutter Babb, beitrat.

So ungefähr beantwortete mein Vater seine General- und Specialfrage; denn ich muss aufrichtig gestehen, dass sich der Herr v. G. darüber ungefähr so, wie über die beste Welt, ausdrückte. Unser Pastor, fuhr Herr v. G. fort, nachdem er sich Obgleich der Herr v. G. diesen Zug in meines VaIch weiss nicht mehr, wer von ihm in seinem eigeVielleicht übertrieb es mein Vater an vielen Orten, wie jener Jünger, der anfänglich auf die Art des Herrn v. W. mit seinem Herrn und Meister complimentirte, nachher aber auf einmal ausbrach, nicht die Füsse allein, sondern die hände und das Haupt.

Der Socinianismus ist etwas Kleinstädtisches, etwas Verlahmtes, etwas Ermüdetes, pflegte mein Vater zu sagen. Entweder Hof oder plattes Land; kalt oder warm; alles oder nichts; aut aut

Eltern sehen sonst nicht, dass Kinder wachsen, und Kinder sehen nicht, dass ihre Eltern alt werden, weil sie sich täglich und stündlich sehen; wenn es aber ein Fremder bemerkt, dann reisst sich ihr Auge auf. – Mir werden meine Leser den Vorwurf nicht machen, und wenn sie mit mir in Rücksicht dieses Charakters nicht zufrieden sind, so gehört es nicht auf meine, sondern auf die Rechnung meines Vaters. – Wer mir aber den Einwand entgegensetzt, dass ich meine Charaktere nicht frisirt und gepudert und völlig vom haupt bis zum fuss geschmückt und sein angetan präsentire, hat es in den Tod vergessen, dass ich eine geschichte erzähle. Schon im Roman muss man seine Leute kennen, der natur nachfolgen und den Menschen sich öffentlich ankleiden lassen. Man muss den Menschen im Seelenkamisölchen, in der Federmütze, wenn er ein Gelehrter, und mit einem seidenen Tuch, künstlich russisch um den Kopf gebunden, wenn er ein Edelmann ist, darstellenin naturalibus. Jeder Mensch hat seine Art sich anzukleiden und zu erzählen, und diese beide Arten stimmen mit einander so überein, dass, wenn i c h jemanden sich ankleiden sehe, ich sagen will wie er erzählt, und umgekehrt, wenn ich ihn erzählen höre, will ich sagen wie er sich ankleidet. Die Art sich auszukleiden, kann den Kenner vielerlei lehren, und unter andern auch, wie der sich Entkleidende sterben werde. Hievon ein andermal.

Eine Erzählung, der man das Studirte, das Geflissene, das Geordnete ansieht, ist unausstehlich. – So wie es in der Welt geht, so muss es auch in der geschichte gehen. – Bald so, bald so. – Der Hörer, der Leser, mag sich hieraus ein Miniaturstückchen auf teophrastisch, brüyerisch zeichnen, wenn er will.

Belege zu dieser Bemerkung die Menge in meinem Lebenslauf, und um meine Leser auf der Stelle zu überzeugen

Herr v. G. erzählte, dass mein Vater nicht die mindesten Wirtschaftskenntnisse besessen hätte, da er Pastor geworden.

Jetzt weiss er so gut, wie Einer, wann Zeit zu säen und Zeit zu ernten ist, wann man dreschen, malzen, Haus-, Acker-, Garten- und Fischergeräte bessern muss. Er versteht sich auf die Eisfischerei, auf die Nachtfröste, Holz- und Mistfuhren, Flachs- und Haufbrechen.

Wie er anzog, wollte der gute Pastor, fuhr Herr v. G. fort, den Pastoratsbauern seine Schwäche nicht verraten, und was tat er, eh' er durch Gesicht und Ohr so weit gebracht war als er jetzt ist? Er visitirte sein Inventarium. Das Register in der Hand, fragte er:

Neun Braune? Ja.

Neunzehn Schimmel? Ja.

Acht Füchse? Ja.

Dreissig Kühe? Ja.

Wer hier nicht den Pastorem loci findet

Herr v. G. war, mit Ehren zu melden, ein grossmächtiger Wirt. Er las, versuchte, fehlte und verstand zuletzt seinen Boden, als wenn er mit ihm sprechen könnte. Er benutzte, im Ganzen genommen, seine Aecker auf eine Art, welche ihm den Neid seiner hochwohlgebornen Brüder zuzog. Der gemeine Mann sagte: er hätte den Alp. Die Frau. v. G. nannte die ökonomischen Bücher, die er sich mit vielen Kosten verschrieb, "Wurzelbücher," und wusste sehr genau, wann und wo er durch Versuche verloren hatte. So war der Herr v. G.,