gab. Um sich herauszuhelfen, sagte er, von meinem Vater gehört zu haben, dass man sich auch in die Tugend verlieben könnte. Man muss aber, wie der Pastor bemerkte, nicht aus Neigung, sondern aus Urteil des Verstandes tugendhaft sein, nicht, weil die Tugend hübsch ist, sondern weil es die Tugend ist. Man muss sie lieben, wie sein Weib, und nicht wie sein Mädchen. – Ein Tugendverliebter wird kalt, wie jeder übertriebene Liebhaber.
Aber, fiel die Frau v. G. ein –
Ich weiss dein Aber, fuhr Herr v. G. fort, die Damen wollen Neigung. – Sie glauben, dass eine unsichtbare höhere Macht ihr Band geschlungen habe. Neigung ist ihnen der H i m m e l , in dem die E h e n geschlossen werden.
Frau v. W. war auch einigermassen fürs Aber und es erinnerte sich der Herr v. G. zu rechter Zeit, dass mein Vater behauptet hätte, wir Menschen sprächen immer von Neigung, auch selbst da, wo Urteil des Verstandes entschieden hätte. Es scheint, dass der Mensch seiner Vernunft nicht recht traut. Bei einem Hauptargument hat er noch verschiedene ad hominem, setzte Herr v. G. hinzu, ohne besonders zu bemerken, ob es sein Eigentum, oder von meinem Vater herkäme. Es schien, als ob er vieles von meinem Vater jure antichretico besässe.
Herr v. G. brach sich sehr den Kopf über die Extreme, von denen ihm mein Vater besondere Dinge gesagt hätte. Zwei Extreme sind zwei Enden, wiederholte der Herr v. G., als wenn er zu sich selbst spräche. Zwei Enden, die man den Augenblick verbinden kann. So war der Teufel Gottes Freund. Wollust und Notdurft sind Nachbarskinder. Schwindsucht und Wassersucht, Schlaflosigkeit und Schlafsucht, Licht und Schatten, Leben und Sterben, himmlische erhabenste Weisheit und Einfalt. – Die grösste Wut ist, wenn ein Mensch den andern frisst – und geschieht das nicht? Haben nicht die Menschen mehr, als Wolfshunger? Ist es mit ihnen nicht oft in dem Zwölften? Ist nicht oft ein leiblicher Bruder des leiblichen Bruders Teufel, welcher die Seelen verschlingt, als schlürfe er weiche Eier oder Austern?
Herr v. G. kam aufs Fressen zurück, und doch, sagt er (alles wie zu sich selbst) –
Die grösste Liebe auszudrücken, sagt man: i c h möchte dich vor Liebe auffressen. Niemand hat mehr Blasphemien gesagt, als ein Quäker. Er und ein Gottesläugner sind näher verwandt, als man glauben sollte.
Ich habe nicht nötig, zu bemerken, dass Herr v. G. dieses lange vor sich so aussprach, dass, wenn er's auch nicht so oft treulich und sonder Gefährde angeführt, jeder doch teils aus seinem Ton, teils aus seinem Kopfschütteln gesehen haben würde: es sei nicht sein, sondern meines Vaters.
Diess! diess! diess! Herr v. G. sagte dreimal diess, wie meine Mutter dreimal das W i r im Glauben sang, diess ist mir etwas am Pastor, das ich noch bei keinem Menschen sonst, er sei Pastor oder nicht Pastor, gefunden habe. Es ist was Seel' und Leib Eigenes, was Teosophisches, wie soll ich's nennen? Unser Freund Pastor hat den heiligen Busch im Brande gesehen. – Rechnet man dazu, dass er die Bibel nicht in schwarzem Saffian gebunden hat, sondern in weissem Pergament, selbst – ohne goldnen Schnitt, dass er sie nicht als Medicin, sondern als täglich Brod braucht, so ist der gute Pastor ein ganz besonderer Pastor. Seine andern Seiten, dass er z.B. die Glatze nicht mit Puder bedeckt, dass er kein Jaherr ist, dass sein Ausdruck nicht Scheidemünze, nicht gang- und Gebemünze, oder Courant, sondern aus der Sparbüchse genommenes Geld ist, und um, mit erlaubnis, in eine andere Figur zu kommen, nicht wie auf den Kauf gemacht, sondern wie bestellte Arbeit aussieht, so, dass es von ihm heissen kann: " w a s e r s p r i c h t , d a s g e r ä t h wohl!"
Dass der Pastor nicht ein gelernter Gelehrter, nicht einer des Buchstabens, sondern einer des Geistes und der Kraft ist;
dass er nichts bloss teoretisch weiss, sondern alles, alles in Blut und Lebenssaft oder Praxis bei ihm übergegangen;
dass er die meisten Dinge aus einem oft unbeträchtlichen Gesichtspunkt nimmt, und eben dadurch beim rechten Ende fasst;
dass er einen königlichen, einen Revisionsblick, der immer mit einem gewissen Glück verknüpft ist, besitzt (sein blick trifft immer, ohne dass er zielt);
dass – und noch viele d a ss gehen vor sich.
Beim letzten d a ss erzählte der Herr v. G. eine geschichte, die sich noch vor der Scheidung v o m T i s c h u n d B e t t , also vor zehn Jahren, zugetragen hätte.
Ein Barbier schnitt mit mörderischer Hand dem – den Hals ab, nachdem er ihn zuvörderst ganz sauber und köstlich von der Bürde seines Bartes befreit und leicht ums Kinn gemacht hatte. Wär' ich Inquirent (hätte mein Vater nicht bloss gesagt, sondern behauptet), würde einer meiner Hauptfragen, sowohl im Generalverhör, als bei den Specialartikeln, sein:
Warum der Barbier den Ermordeten zuvor sauber und köstlich von