dass er auch nicht im Scherze unrichtig geworden, welches in unserer galanten Mundart ungefähr heissen würde, dass er keine einzige Equivoke gesagt habe. Wer weiss es nicht, dass eine stillschweigende Lüge eine himmelschreiende stumme Sünde sei, der feinste Meuchelmord, und eben darum der gewöhnlichste. Was meinet ihr, lieben Leser! misst mein Vater nicht einen Zoll und einen Strich mehr?
G o t t h a r d , sagte meine Mutter, der Held der Helden. Nicht also, fiel mein Vater ein. E u g e n ! ein Deutscher, der in seiner Jugend Teologie studirte und schon wirklich Candidatus teologiae war, ein rundes Perückchen trug und gepredigt hatte. Diess brachte meine Mutter zur Andacht. Warum, sagte sie, ging er von der engen Strasse, die zum Leben führt? Um der Religion bessere Dienste zu tun, erwiderte mein Vater; um sein Schwert wider die zu ziehen, welche jetzt die Wache zum heiligen grab geben und das Schlafgemach unseres Herrn und Meisters usurpiren. E u g e n hiess der k l e i n e A b t in Frankreich, und ward ein grosser Mann in Deutschland. Die mittelmässige Statur ist die Gestalt der Helden. – Unser Sohn wird, Gottlob! gross werden, sagte meine Mutter. – Gottlob! er wird es nicht werden, erwiderte mein Vater. Die Titel des Eugen sind, fuhr er fort, Herzog von Savoyen und Piemont, Markgraf zu Saluzzo, Ritter des goldenen Vliesses, der römisch kaiserlichen und königlich katolischen Majestät wirklicher Geheimer- und Conferenz-Rat, Hofkriegsrats-Präsident, General-Lieutenant, und des heiligen römischen Reichs Feldmarschall, General-Vicarius der sämmtlichen italienischen Erbkönigreiche und land.
Meine Mutter machte, da mein Vater sich bei jedem neuen Ehrenworte beugte, eine Gegenverbeugung, – ohne dass man eigentlich bestimmen konnte, ob's meinem Vater oder dem Eugen galt, und da die Heldengeschichte eben kein Studium für meine Mutter war, so kam manches vor, was sie zum erstenmale hörte. Bei meines Vaters Bemerkung, Eugens Mutter wäre des bekannten Cardinals Mazarini Nichte gewesen, konnte meine Mutter anfänglich nicht begreifen, wie ein Cardinal eine Nichte haben könnte? – Es fühlte Eugen (fuhr mein Vater fort und sah meine Mutter lieblich an) im G e m ü t h e und G e b l ü t e väterliche Regungen, und dieses Gefühl war unfehlbar die Hauptursache, warum er das Brevier mit dem Degen vertauschte. Ob nun gleich meine Mutter, was den Punkt der heiligen Ehe betraf, sehr protestantisch dachte, so schüttelte sie dennoch wegen dieses Tausches das Haupt. Bei dem eingeweihten Degen, den Papst Clemens der XI. dem Eugen schickte, und beim Anfange seines Anschreibens: Unsern Gruss und apostolischen Segen zuvor, geliebter Sohn, edler Mann! – warf sie die Frage auf: wie doch wohl der curische General-Superintendent an den Eugen geschrieben haben würde?
Mein Vater schloss die Standrede über Eugen, um sich meine Mutter, die nicht ohne Neid den Eugen unterm Spiegel sah, zu verpflichten: dass dieser unüberwundene Held den ein und zwanzigsten April zum e w i g e n J u b i l a t e eingegangen.
So waren also die beiden Monumente für Eugen, der nie geschlagen worden, und meiner Mutter Ahnherrn, der durch Abschaffung der Ostereier sich unsterblich gemacht, errichtet! Der liebe Gott schenke beiden (diess sagte meine Mutter, da mein Vater den rücken gekehrt hatte) in der Erde eine sanfte Ruhe und am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung, wo es sich ausweisen wird, ob Eugen oder der gute Pastor eher verdient, unter dem Spiegel gegen Morgen im Prunkzimmer zu hängen, wenn gleich auch unser Anverwandter sich über sein Plätzchen in der Speisekammer nicht beschweren darf.
Ich habe zwar von meinem Vater, da ich nicht c a p i t e l f e s t bin, nur wenig und das im Beilauf gesagt, meine Leser aber werden schon hieraus die verschiedenen denkarten meines Vaters und meiner Mutter einsehen und ohne Note sich vorstellen, dass ihre Erziehungsart gleichmässig nicht übereinstimmen konnte. Meine Mutter wollte mich zu einem Geistlichen machen, und wenn man kein Edelmann und doch ein Mensch in Curland ist, kann man keinen andern als diesen Stand wählen, einige weltliche Stellen ausgenommen, deren aber zu wenig sind, als dass viele darauf rechnen könnten, und die, bis auf die Advokatenstellen bei dem Land-Obergerichtshofe in Mitau, noch obenein adeliche Posten sind, und also als in Verfall geratene Familien angesehen werden, welche ihren Adel mit leichter Mühe erneuern können. Mein Vater schien mich zu etwas anderm bestimmt zu haben. Meine Leser mögen raten, wozu? denn, in Wahrheit, ich selbst muss mich bei diesem Umstande mit Raten behelfen, obgleich ich es nicht läugne, mehr Data als meine Leser zur Auflösung meines Rätsels in der Hand zu haben. Er sah es sehr gern, wenn ich Ball schlug, und erlegte selbst mit mir Kegel. Ich hatte zu Anfang Mühe, die Kugeln zu heben; indessen fand sich mit der Zeit eine Stärke in meine arme, dass das Spiel zwischen meinem Vater und mir ungewiss und eine Wette wurde, und wir abwechselnd gewannen und verloren. Er hatte es gern, dass ich mich herumbalgte, und hierin tat ich mich mit dem B e n j a m i n , dem Sohne des alten H e r r n , hervor. Sowohl von