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den Herrn Bräutigam in keine andere Lage; er hatte' angelegt. – – Noch viele Rett's! Rett's! und viele Hier's! Hier's! und noch mehrere Wo? Wo? Ich rief w o ? bis ich sahich sah die Begleiterin der fräulein v. W. jämmerlich die hände ringen. Hier! hier! rief sie noch zu guter Letzt. – O Gott! matt! matt! Die wasser über sie! – Ich warf meine Flinte weg und diese ging los. Luise fiel in Ohnmacht. Das wird sich geben, dachte' ich und sprang ins wasser und brachte das liebe kleine geschöpf heraus. Die Angst hatte ihre kleinen hände gelähmt. Das wasser war ihr mehr an die Seele als an den Leib gegangenjetzt war sie – f r i s c h w i e e i n F i s c h worden, würde meine Mutter, des Reims wegen, gesagt haben. Luischen, sagte sie, da sie ihre Begleiterin wie tot s und Luise mit ihren R e t t ' s und H i e r ' s gestört hätte. Bruder, sagt' ich, das Wort Rett' ist das deutsche hohe Notwort. Wenn es ein Sterbender hört, muss er sich noch aufrichten. – Nur keiner, fiel er ganz gelassen ein, der angelegt hat, und was hast denn du getroffen? fuhr er fort. Diess edle geschöpf, sagt' ich. Er ward von allem unterrichtet und versicherte hoch und teuer, dass, wenn er nicht angelegt gehabt, er gewiss ebenso wie ich, gelaufen und die Flinte weggeworfen haben würde, so unverantwortlich es gleich wäre, Pulver und Schrot, diese Gabe Gottes, umkommen zu lassen. Luise lachte herzlich. – Die liebe Kleine sah mich bloss lieblich an. Beide wussten sich nicht darein zu finden, dass Pulver eine Gabe Gottes sei. Der junge Herr v. G. konnte nicht läugnen, den Namen Lorchen gehört zu haben, indessen hatte er angelegt, das das wollte mehr sagen als Lorchen. Es ist wahr, durchs Ohr kommt weniger Mitleiden ins Herz, als durchs Auge. Man kann eher seine stimme als sein Auge verstellen, und wen siehst du, wenn du jemand ins Auge siehst? – Dich selbst im Kleinen. Du bist in gewisser Art gegen dich selbst mitleidig; allein hier ist nicht von mehr oder weniger die Rede, sondern von Menschenstimme und von einem Jäger, der angelegt hat.

Das kleine fräulein und ihre Begleiterin schlichen sich nach haus, recht als ob die Frau v. W. sie hier schon beim wasser bemerken könnte.

Mein Reisegefährte unterrichtete mich in noch einigen Jägerkunstwörtern, und da ihm eben ein Hase aufstiess, den er traf, war unsere Jagd zu Ende. – Ich liess mir seinen Unterricht mit vielem Eifer gefallen, um ihn desto mehr zu meiner Predigt vorzubereiten, die ich überdacht hatte und noch überdachte. Gewiss war mein Reisegefährte vergnügter über seinen Hasen, als ich über die Ehre, seine kleine Braut gerettet zu haben. Er liess mich merken, dass im Hofdorfe ein schmuckes Mädchen wäre, sowie fräulein v. W., wie er sich ausdrückte, in diesem Jammertal nicht werden würde, und wenn Herr v. W. nicht ein Gut hätte, das er ihm gleich, ohne sich selbst zu entblössen, nach ritterlich überwundenen akademischen Jahren überlassen könnte, so würde' er, ausser dem schmucken Mädchen im Hofdorfe, schon eine Frau finden. Ich sprach viel von der guten Gemütsart der Kleinen und der edlen Gemütsart ihrer Mutter; allein diess schien ihm gegen das Gut, das er nach überwundenen Universitätsjahren zu bejagen gedächte, eine unbedeutende Kleinigkeit zu sein.

Obgleich der Vorfall mit Lorchen mir eben keinen glücklichen Erfolg über eine Predigt erwarten liess, die ich meinem künftigen Kirchenpatron zu halten entschlossen war, so wollte ich doch nicht alle Hoffnung aufgeben. Meine Leser wissen schon, dass ich während dem Anlegen auf die Bekehrung meines jetzigen Reisegefährten und künftigen Gönners gezielt hatte, und wer hält nicht gern eine Predigt, die er im Concept hat?

Bruder, fing ich an, die Spinne fängt Fliegen.

v. G. Der Mensch Bären, Wölfe, Hasen und so weiter.

I c h . Der Mensch, Bruderaber leider zwischen Mensch und Mensch ist Unterschied. – Du würdest kein Scharfrichter sein, nicht wahr?

v. G. Warum nicht? wenn dem Delinquenten die Augen verbunden sind.

I c h . Aber Menschenblut. – Dein Blut bei kaltem Blute sehen; ich kann's nicht, wenn Ader gelassen wird. – Mich dünkt, ich sehe den Menschen mehr als nackt, wenn ich sein Blut sehedas der liebe Gott zweimal verschlossen hat. – Im Kriege hat niemand kaltes Blut als der Oberfeldprobst und seine Jünger. – Wir haben schon über Krieg und Jagd geredet; allein es ist auf kein gut Land, sondern auf steinigen Acker gefallen, den der alte Herr in Musik gesetzt hat. – Du bist zu edlern Geschäften da.

E r . Gelt! Lorchen aus dem wasser zu ziehen?

I c h . Und wenn's die schmucke Hofdirne gewesen wäre?

E r . Bruder, ein ander Ding! Ich weiss auch, wenn der Mensch selbst schreit, der in Not isthol' michHätte Lorchen selbst geschrien und nicht schreien lassen, ich wäre gelaufen