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bestand, den Candidatentitel zu entziehen. Ich weiss nicht, ob ich schon wo bemerkt habe, dass er kein Curländer von Geburt war, und dass man ihm seine Literatenwürde aus der ersten Hand nicht widerlegen konnte.

Ich merkte aus meiner Munterkeit, dass ich diese Nacht Minchens wegen ebenso wenig schlafen würde, als ich die vorige Nacht des neuen Bettes halber geschlafen; indessen sah ich dem Herrn Candidaten, meinem sehr werten Herrn Collegen, der seine Bouteille Wein ausgetrunken und seinen Teller mit Tabak bis auf eine halbe Pfeife ausgeraucht hatte, an, dass er schlaftrunken war. Wein und Tabak hatten hiebei, wie es mir vorkam, nicht den mindesten Einfluss. Er fing mit mir zu complimentiren an, in welchem Bett ich schlafen wollte, und verlangte durchaus das Bett, wo das Depositum lag, weil das, so ich ihm bestimmt hatte, und in welchem mein Vater geschlafen, mit einem Gesimse war. Vorhänge konnten in dem haus des Herrn v. G – an dem Bette nicht sein. Ich glaube, sagte der Herr Candidat, da wir über diesen Umstand sprachen, Herr v. G – hätte, wenn er Adam im Paradiese gewesen, sich keine Schürze von Feigenblättern gemacht. Der Herr v. W. brachte sich, wenn er zum Herrn v. G. kam, seine seidenen Vorhänge mit. Unfehlbar wird wohl die Farbe der Vorhänge nach Beschaffenheit des Festes gewesen sein. Mit Zuverlässigkeit weiss ich's nicht. – Da ich den Herrn Candidaten versicherte, dass ich in diesem Bette schon eine Nacht schlaflos zugebracht und den Tribut bezahlt hätte, so bat er sich, wenn es, ohne mir etwas zu entziehen, geschehen könnte, ein Kopfkissen von den meinigen aus. Das war eine neue Verlegenheit für mich wegen des letzten Willens, den ich seinem auge' entziehen wollte. Er stand an meinem Bett und wollt' aus Bescheidenheit und Dankbarkeit das Kissen selbst nehmen; ich hatte viele Kunst nötig, ihm das unterste in die Hand zu spielen. Kaum war er im Bette, so schlief er, wovon er durch sein Schnarchen untrügliche Beweise gab. Ich widmete Minchen diese Nacht, und wenn ich schlummerte, sah ich den Judenjungen und das Finkennest und den Milchtopf, alles in Lebensgrösse. – Gegen den Morgen schlief ich fester ein, indessen sagt' ich dem Herrn Candidaten den ersten guten Morgen, weil ich ihn aufwachen hörte, und fuhr mit sechsen aus meinem Bette. Er dankte für den guten Morgen, allein er blieb bei dem Dank, wie's sich eignete und gebührte, im Bette. – Nach seinem schönen guten Morgen war sein erstes Wort, dass ich zweimal M i n c h e n gerufen hätte. Ich weiss nicht, fügt' er sehr höflich hinzu, ob es meine Tochter ist? Gewiss, erwiderte ich, und begriff es selbst nicht, wie's zuging; ich war beim Wörtchen g e w i ss nicht im mindesten verlegen; vielleicht kam es, weil der alte Herr noch im Bette war. – Wie hätt' ich Minchen verläugnen können! Wir haben gestern, fuhr er fort, viel von ihr gesprochen; der Herr Candidat werden es verzeihen, dass ich Sie so lange von meiner Tochter unterhalten. Ich konnte kein Wort hierauf antwortenunfehlbar wollte der Herr Candidat einen völligen Herzensaufschluss, allein wie sollt' ich den bewilligen? Der alte Herr Candidat war noch immer im Bett, und, wie's mir vorkam, auf einem Häufchen. Er schien nicht in Lebensgrösse zu liegen und so lang er war; er wusste sich nicht nach seiner Decke zu strecken.

Damit meine Leser nur ja nicht auf den Gedanken fallen, dass ich noch viele Tage in – – geblieben und ihnen all diese Tage meines Aufentalts – – ebenso langweilig, wie bisher, erzählen werde, so will ich nur kurz und gut bemerken, dass der folgende Tag zu unserm Aufbruch bestimmt war. – Hoffentlich wird ihnen diese Anzeige eine fröhliche Botschaft sein.

Der junge Herr v. G. nahm mich wegen der Jagd in Anspruch. Ich hatte' ihm darüber mein Wort gegeben und sogar den Commandostab hiebei anvertraut. Ohne Murren nahm ich also seinen Antrag als eine Ordre an, Vormittags diese Jagd anzustellen. Die Wahrheit zu sagen, ich wollt' ihn auf der Jagd womöglich von der Jagd abbringen und diesen Jägertrieb beschränken.

Ich war in dieser ritterlichen Uebung wenig erfahren, obgleich ich ein Auge zum Zielschuss auf ein Haar hatte, ohne mir durch Puff, Paff und durch das Exercitium mit der Tabakspfeife diese Geschicklichkeit erzielt, oder ihr auch nur nachgeholfen zu haben. – Warum willst du, sagt' ich, ein so blutiges Andenken zurücklassen, eben da du von hinnen ziehst? Mein Recht nicht zu vergeben, erwiedert' er. Du glaubst es nicht, man muss die Bären und Wölfe im Respect erhalten, wenn es auch nur durch einen Schuss ist; die Bestien machen unser Einem sonst das Eigentum streitigder Hase kennt seinen Junker.

Wir hatten oft angelegt, und eben legte mein Reisegefährte an, da ich eine Menschenstimme hörte: Rett'! Rett'!

Herr v. G. kam nicht aus der Stellung; ich lief und schrie: wo? wo? Hier! hier! Wo? wo? Hier! hier! – und dann wieder: rett! rett! und mitten drunter mit einer erbärmlichen stimme: Lorchen im wasser! – Auch diess brachte