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nie ohne Herzensangst daran denken konnte. Dieses Vergnügen hatte für ihn keinen Wert mehr. Er hinkte zu Haus' und dankte Gott, dass niemand darüber lachte, als wie er dreimal um den grossen Tisch hinken musste.

Obgleich Benjamin das Spielzeug bis auf ein Stück, so der Junker Fritz behalten hatte, zurückbrachte, indem er wegen des übrigen dreimal um den Tisch hinken müssen, so ward doch diese Begebenheit so bekannt, dass Minchen darüber viel ausstehen und die bittersten Tränen weinen musste. (Ich habe Ursache, aus der Erzählung des Herrn Candidaten zu vermuten, dass der Herr Vater Minchen selbst im Literateneifer reichlich und täglich beschämt haben wird.) Man zog Minchen unter ihres Gleichen mit dem Judenknaben auf, und sie nahm es sich unendlich zu Herzen. Ich habe, sagte sie in ihrer Unschuld zu Benjamin, den Judenknaben nicht gesehen, und will es auch nicht. – Der Spott zehrte sie so ab, als das gefängnis bei wasser und Brod den Judenknaben. Sie fiel in ein Fieber, und nun ging der alte Herr in sich, welcher mit Beihülfe des Doctor Saft wieder Seel' und Leib ins Geleise brachte. – Der alte Herr bemerkte, dass sich die Liebe zur Schlittenfahrt beim Benjamin wieder gefunden und dass Minchen noch bis auf den heutigen Tag bleich im Gesicht wie gewässerte Milch würde, wenn man das Wort Jude ausspräche, wie

(Der Herr Candidat legte seine Pfeife hin und kam

mir dicht ans Ohr, da er mir diese Pille eingab.)

Ihr Herr Vater über den Ausdruck M e l c h i s e dech.

Diese Zugabe setzte mich nicht wenig in Erstaunen, und ich machte die Bemerkung, dass jeder Mensch, der unschuldigste nicht ausgenommen, ein Wort hätte, wobei ihm nicht wohl zu Mute würde, es sei MelchisedechJudenjungeich zum Exempel – –

Gott, muss man denn, rief ich aus, noch ehe der Herr Candidat geendigt hatte, Gott, muss man denn ein Fieber ausstehen, durch den Dr. Saft gerettet und mit einem Judenjungen gepaart werden, wenn man Gutes tut? Der alte Herr setzte noch hinzu: Und dreimal um den grossen Tisch hinken!

O Minchen, welch eine Seele hast du (diess fühlt' ich nur!), wie glücklich bin ich, dass sie mein ist! – Ich war ausser mir.

Bei dem Alexanderspiel hatte' es Minchen in der ersten Zeit übel aufgenommen, dass ihr Bruder Darius immer geschlagen wurde. Lass mich den Darius machen, sagte sie zu Benjamin. Du wirst sehen, wir gewinnen. Benjamin aber entschuldigte sich sehr weise mit der geschichte, welcher er nachgeben müsste, obAlexander war, jederzeit bei all seinem Schweisse des Angesichts Ueberwinder war. Nachdem sie grösser war, setzte der Herr Candidat hinzu, liess sie sich gern schlagen und gefangen nehmen. Sie sah es unfehlbar selbst ein, dass es die geschichte so mit sich brachte. Wie viel Mühe hatte' ich, nicht überlaut zu rufen: Mine! Mine! liebe Mine! Der alte Herr bemerkte, dass Minchen für ein Frauenzimmer zu viel Herz hätte, und rechnete es ihr zum Fehler an. – Entweder, sagt' er, ist die Rolle daran schuld, die sie bei den Kriegen als älteste Prinzessin Tochter des Darius übernahm, oder sie kennt keine Damen vom stand. – Mag sie sich doch, fuhr er fort, der Literatus, der sie zur Frau macht, besser ziehen. Sie fürchtet sich vor keiner Maus und keinem Frosch, und wenn die Spinnen den Weg verwirkt haben, zieht sie das Gewebe wie einen Vorhang in die Höhe mit blossen Händen. – Noch bemerkte der Herr Candidat, dass Mine in ihrer Jugend, obschon sie wegen des Finkennestes einmal rühmlichst vom Baum gefallen, doch nicht nachgelassen, wiewohl nur auf der Erde, zu hüpfen und zu springen. – Je grösser sie aber wurde, je ernstafter, setzt' er hinzu. Nur sehr, sehr selten wandelt ihr jetzt, fuhr er fort, das Hüpfen und Springen an, weit öfter aber das Weinenwelches nach dem tod ihrer Mutter ohn' ende' und Ziel ist, und das (der alte Herr zog selbst den Mund zur Träne in Ordnung, indessen wollt' es die Pfeife nicht zugeben) – und das, sagt' er, so schöne Tränen, und schien nicht undeutlich zu verstehen zu geben, dass zwischen Tränen und Tränen schön und hässlich stattfinde. – Was mich wunderte, war, dass er selbst fühlte, Minchen sänge vortrefflich. Was das Spielen betrifft, fuhr er fort, so hat sie ihre eigene Manier. Freilich dachte' ich, den steinigen Acker versteht sie nicht auszudrücken, auch nicht die fünf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein. Da der Herr Candidat, ausser ihren ersten Jugendjahren, nichts von Minchen zu sagen wusste, was mir nicht weit genauer und richtiger bekannt war, so lenkt' ich ihn auf die Universitäten, allein ich fand ihn nicht bewährt. Er sagte davon weniger, wie mein Vater von seinem vaterland, und diess war wohl natürlich, da mein Vater gewiss ein Vaterland hatte, der Herr Candidat aber schwerlich auf irgend einer Universität gewesen sein wird. – Des Herrn Candidaten frühere Spargel, Pfeife in der freien Luft und Wein bei der Quelle waren bei dieser gelegenheit ein Vademecum von Studentenstreichen, womit er meine fragen nicht befriedigte. Ich brach also ab, ohne ihm, so schlecht er auch beim Examen