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umsonst, sondern für Geld und gute Worte.

Der arme Judenjunge! Zu den schönen Reden, womit man ihn bedauerte und sich über die Grausamkeit des Edelmanns beklagte, kam nun noch der Umstand, den man hinzufügte: der Edelmann hätte den Preis des Federmessers und den des Brods und Wassers, womit der Knabe im Gefängnisse beköstigt worden, auf die Hälfte herabgeschlagenhiebei blieb's. – Es war um Weihnachten, da Minchen und ihr Bruder ihren bemittelten Verwandten mütterlicher Seits besuchten, um ein Christgeschenk, welches in allerlei Spielzeug bestand, abzuholen. – Dieser Verwandte wohnte dem Tyrannen noch näher. Man weiss, wie gern Kinder, und besonders, wie gern Mädchen spielen. Es war Weihnachten, wo die natur den Kindern, ausser den Schneebällen, die keinem Mädchen anstehen, alles Spielzeug versagt. – Weihnachten ist ein wahres Kinderfest, an dem das Spiel zur andern natur wird. Es liegt uns im christlichen Blut, und alte Leute selbst müssen sich zwingen, wenn sie nicht selbst in Weihnachten spielen wollen. – Alles dieses zusammengerechnet, in Summe, konnte Minchen von ihrem Entschluss nicht abwendig machen. Ihre Verwandten waren furchtsam wie Tauben, die in der Nachbarschaft von Raubvögeln genistet haben. Der arme Judenjunge stört' ihre heilige Christfreude. Sie waren nicht halb so weihnachtsfroh, als sie es sonst gewesen sein würden. Das Federmesser hatte sich nach der Zeit vorgefunden und der unschuldige Knabe war bloss wegen des verzehrten Brods und Wassers in Ketten und Banden. – Minchen schickte stillschweigend durch ihren Bruder Benjamin, der aber kein Stück von dem Seinigen dazulegte, ihr Weihnachtsspielzeug dem Edelmann, um den Knaben zu befreien. Benjamin hatte gelegenheit, zu Schlitten hinzukommen; denn sonst wär' ihm dieser Liebesdienst, weil er hinkte, auch etwas zu stehen gekommen, obschon er von seinem Spielzeug kein Stück dazu gelegt hatte und obgleich es nur über Feld war. Hätt' er nicht gelegenheit gehabt, eine Schlittenfahrt zu gewinnen, die bei ihm über alles ging, es wär' aus der Negotiation nichts geworden. – Zu Benjamins Ruhme wird bemerkt, dass er seiner Schwester die erlaubnis gegeben, sich seines Spielzeugs, dessen Eigentum er sich aber ausdrücklich vorbehielt, zu bedienen. Es war indessen nicht Spielzeug für Mädchen, die am liebsten eine Wiege, eine Puppe und so etwas lieben. Benjamin ward, weil er als ein Knabe mit Spielzeug angemeldet wurde, vorgelassen. Der ehrliche Benjamin erweckte sogleich ein Händeklatschen, da er nur ins Zimmer trat; denn man glaubt' einen grossen Kram, und es war nur ein Arm voll. Ursache genug, dass sogleich scrutinirt und Benjamin bei diesem Verhör nach Landesmanier mit dem Stock hochadlich bedroht wurde. Benjamin liess es nicht zur peinlichen Frage kommen, sondern gestand alles haarklein. – Meine Schwester, sagte der bedrängte Benjamin, hat an allem Unheil schuld. Kurz, es blieb kein Wort auf seinem verzagten Herzen. – Benjamin war zu dieser Zeit noch nicht zum Darius gediehen, und wer kennt' ihn nicht vom Finkennest?

Der Teufel, dachte Herr v. **, wenn es nur nicht ein satyrischer Ball ist, den der a l t e H e r r auf mich schlägt, und hatte Lust, ihn auf den j u n g e n H e r r n zurückzuschlagen und den armen Benjamin mit seinem christlichen Spielzeuge dem Judenjungen zuzugesellen. Da aber Benjamin, der aus Seelen- und Leibesangst ächzte, kniefällig bat, seinem Vater nichts von allem, was der gnädige Herr gesehen und gehört hatte, zu entdecken, weil Herr Hermann von dieser Sache nichts, gar nichts wusste, und ihn an einem ganz andern Ort glaubte, so fiel dem Blutigel zu guter Zeit ein, dass der alte Herr freilich nur von hinten mit einem Cavalier gescherzt haben würde.

Der Teufel, dachte' er wieder (man sah es ihm ordentlich an, dass er jeden Gedanken mit dem Teufel anhob), der alte Herr würde nicht den Sohn geschickt haben! – Die Sonne ging wieder in seinem Angesicht für Benjamin auf. Der Teufel, sagt' er, deine Schwester muss ein feines Mädel sehen! Die Sache gab zu vielen satyrischen fragen, Benjamins Schwester betreffend, Anlass. Er fragte nach ihrem Alter und ob sie denn eine solche Neigung zu Juden hätte? Der Schluss war, dass nur ein Stück Spielzeug zurückbehalten wurde, welches sich der Junker Fritz sogleich zugeeignet hatte. Der Judenknabe ward losgelassen: – Benjamin aber musste, dieser Grossmut wegen, um der hochadlichen herrschaft zur Weihnachtszeit ein Vergnügen zu machen, dreimal um den grossen Tisch hinken, und alles wollte vor lachen niedersinken. Eine natürliche Polonaise! schrie alles und lachte, was es konnte; nur der hinkende Benjamin nicht. Der Junker Fritz gab sein Spielzeug der gnädigen Mama zu halten und versuchte dem Benjamin nachzuspotten, da er aber bei einem Haar ein adliches Bein gebrochen hätte, so blieb es bei einemmal, und Benjamin sah nach dem armen Judenknaben, der blass wie eine Leiche stand. Der Tod hätt' ihn bald befreit, wenn Benjamin dem tod nicht zuvorgekommen wäre. Benjamin bot dem Judenknaben, sobald sie aus der adlichen Gesellschaft im Freien waren, von seinem, oder besser, von seiner Schwester heiligen Christ an, um sich dafür Essen zu kaufen. Der Judenknabe verbat es aus Religionseifer und blieb lieber hungrig und durstig, als dass er sich für dieses christliche Spielzeug labte. Benjamin hatte sich bei dieser gelegenheit die Schlittenfahrt so verekelt, dass er