selig verstorben wäre. Alle Welt, fügte der alte Herr hinzu, sagte: der Junge ist zu schad' für diese Welt, und die Wahrheit zu sagen, ich wundre mich, dass Mine so gross geworden ist. Der liebe Gott weiss freilich, was gut ist, Herr Candidat, erwiedert' ich, und will gern so was im Himmel haben; indessen ist es auch auf der Erde zur Art nötig. Was würde sonst am Ende aus uns werden?
Der alte Herr gefiel mir so sehr bei dieser gelegenheit, dass ich ihn bei mir selbst wegen seiner heutigen Führung und wegen vieler andern mir bewussten Umstände zu entschuldigen anfing. Würde nicht Minchens zeugnis selbst wider ihn das Wort genommen haben, ich hätt' ihn noch länger und mehr entschuldigt und vielleicht eben so oft Vater genannt, als ich ihn jetzt Herr Candidat zu seiner Seelenfreude nannte.
Es fiel mir zur rechten Zeit ein, dass man mit dem Vaternamen sehr behutsam sein müsse, da das ganze Christentum darin besteht, dass Gott unser Vater ist.
Minchen (aus der Erzählung des alten Herrn) nahm sich in ihrer Kindheit immer der schwächlichsten Pflanzen an. Sie begegnete ihnen wie armen Leuten. Sie begoss sie zuerst und streichelte, liebkoste und tröstete sie. Wenn der Wind eins beschädigte, zog sie ihm das gebrochene Bein in Ordnung und heilte den Schaden. Ging ihr eins aus, war es ihr so, als wenn was Lebendiges gestorben wäre. Gott hab' es selig, sagte sie, und begrub es in die Erde, die, wie sie sagte, unser aller Mutter ist.
Das ist die Weise aller guten Seelen, bemerkt' ich, und der Herr Candidat führte bei dieser gelegenheit an, dass mein Vater keinen Citronen- oder Pomeranzenkern in die Erde gesteckt. Ich halte diess, hätt' er zu ihm gesagt, für eine Sünde in einem land, wie Curland, einen Citronenbaum zu Pflanzen. Aber die Blätter riechen schön und sind gut im Schnupftabak, sagt' ich zum Herrn Vater. Der Blätter wegen, erwiedert' er, muss man keinen Citronenbaum in die Welt setzen. Nichts halb, lieber Freund! und ein Blatt ist kaum ein Viertel. – Ich sehe wohl ein, dass der Herr Candidat meinen Vater bei diesem Umstande sehr unrichtig berechnete; indessen sah ich keine Pflicht ab, ihn auf den rechten Weg zu lenken und hiedurch die edle Zeit zu verlieren. Wo ist eine Zeit, die edler wäre, als die, wo ich von Minchens Kinderjahren erzählen hörte? Wer ein Mädchen kennen will, frage nicht, wie es jetzt ist, da es J a sagen soll, sondern wie's als Kind war, wo noch an kein Ja gedacht werden konnte. Diess war freilich mein Fall nicht mit Minchen. Ich hatte' ihre Kinderjahre nicht zu diesem Belang in beweisender Form nötig; allein ich war entzückt, meine Vorstellungen von den ersten Jahren ihres Lebens so genau getroffen zu finden; ich fand alles, wie ich's mir gedacht hatte.
Noch eins von Minchen unter so vielem. Ein Benachbarter von Adel hatte' einen kleinen jüdischen Knaben, der mit Pfeifenköpfen für andere Juden herumging, in Fesseln legen lassen, weil er eben zu der Zeit, da dieser Judenknabe ihm Pfeifenköpfe angeboten, sein Federmesser nicht vorfinden konnte. Der Knabe ward gleich bis auf's Hemde ausgezogen; allein man entdeckte kein Federmesser, obgleich er noch keinen Tritt oder halben Schritt aus dem adelichen hof seit der Zeit gesetzt hatte, da das Messer vermisst war. Der Edelmann behielt zu Anfang wohlbedächtig alle Pfeifenköpfe. Da sich die zwei Eigentümer zur rechtlichen Vindication angaben, macht' er ihnen viel Schwierigkeiten und setzt' auf das verlorne Messer einen unerhörten Lieblingswert (Pretium affectionis). Es würden die Vindicanten nichts dagegen ausgerichtet haben, wenn sich nicht zwei andere benachbarte Edelleute, die zu ihren Pistolen: m a c h t e u c h f e r t i g , sagten, dieser Juden und ihrer Pfeifenköpfe angenommen hätten. Der arme Junge blieb also der einzige Gegenstand der Grausamkeit, die durch diesen Vorgang noch mehr vergrössert ward. Der Unglückliche sollte verbüssen, dass sich die Juden als Vindicanten und die zwei Edelleute als Sekundanten gemeldet hatten. Man konnte nicht begreifen, was Herr v. ** mit diesem Arrest beabsichtigte; indessen schien er zu glauben, dass sich einer von den Israeliten melden und den armen Jungen lösen würde. Alles bedauerte den unglücklichen Knaben. Christ und Jude sprach von des Edelmanns Grausamkeit. Der Christ sagt' indessen: es ist ein Judenknabe, und der Jude: wer wird's mit dem vornehmen Christen anbinden? Die zwei Eigentümer der Pfeifenköpfe, welche dem Unglücklichen die Commissionsgüter anvertraut hatten, gingen auch wie der Priester und Levite vorbei und wünschten sich, so oft an die Grausamkeit des Edelmanns gedacht wurde, Glück, dass sie ihre Pfeifenköpfe in Sicherheit hätten. Der grausame Edelmann, dem das Brod und wasser mit der Zeit zu kostbar ward, welches er zu dem hohen Auslösungspreis treufleissig geschlagen hatte, setzte diesen Preis bis auf die Hälfte herab. Allein niemand tat einen Bot. Wegen der Pfeifenköpfe schlugen sich sogleich zwei Edelleute ins Mittel und bedrohten ihren Mitbruder, mit ihm Kugeln zu wechseln, oder ihm einen roten Hahn auf's Haus zu setzen. Was ist aber ein Judenjunge gegen meerschaumene Pfeifenköpfe? Die Eigentümer hatten sich, unter uns gesagt, mit diesen Renommisten abgefunden. Die hochwohlgebornen Schläger drohten nicht