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Herr Candidat sagte, je mehr erzählt' er mir von Minchen mit einer gewissen väterlichen Wohlmeinung und desto öfter nannt' er auch mich wieder Herr Candidat. Er f i n g an, mir diesen Titel beizulegen.

Ein Paar lose Buben (ich erzähl' ein paar Geschichten von meiner Mine) hatten aus einem Finkenneste zwei Eierchen gestohlen und den Inhalt derselben herausgeblasen. Diess erzählten diese Buben dem kleinen Minchen. Sie bildete sich einsie hat eine starke Einbildungskraftdass das beraubte Paar ihr verlassenes Nest vom benachbarten Baume ansähe und sich ihr Leid einander klagte. – Minchen klagte mit. Das liebe Mädchen wusste, dass man der Henne die Eier nicht wegnimmt, dass sie solche als getreues Haustier dem Menschen hinlegt. Sie bat ihre Mutter um zwei Eier, die ihr heute und gestern die Henne mit der schwarzen Mütze geschenkt hatte, und bat den Benjamin, ihr den Gefallen zu tun, die Wallfahrt auf den Birkenbaum zu übernehmen und das verlassene, eiskalt gewordene Finkennest durch die zwei Hühnereier zu entschädigen. Dieser schlug es der Gefahr wegen aus, er war zu der Zeit noch link und lahmund bemerkte sehr weislich, dass die Hühnereier grösser wären, als die Finkeneier, die er selbst in den Händen der Buben gesehen. Minchen freute sich darüber, indem sie glaubte, den Schaden desto vollständiger zu ersetzen. Gegen kleine, grosse! Sie bat ihren Bruder, und bat ihn wieder. Er aber blieb bei seinem Nein und seiner weisen Bemerkung. – Endlich sah sie den Baum einigemal an, übermass sich und ihn, und da sie ganz allein war, erstieg sie ihn und legte die beiden Eier in das verlassene Nest, in Hoffnung, es würden sich die Eigentümer wieder zu haus finden. Die Vögel, die häufig auf den Aesten des Baumes sassen, den sie erstieg, wurden nicht im mindesten verscheucht. Sie sahen sie, ungefähr wie fromme Leute einen Engel sehen würden. – Den beiden Finken, die Minchen für die bestohlenen Eltern hielt, sah und hörte sie die Freud' und Dankbarkeit an. Voll Entzükkung über diess alles hüpfte Minchen von dem Baum und fiel auf die Erde, so dass sie sich nicht regen konnte. Einer von den bösen Buben sah sie liegen; allein es war ihm nicht viel anders, als ein ausgeblasenes Finkenei. Ihre Mutter, der man ihren wirklichen Tod angekündigt hatte, kam halb tot zu ihrer Tochter, die sich nach und nach erholte. Der ganze Fehler, meinte Minchen (wiewohl kindlich), läge darin, dass sie sich schon auf dem Baum gefreut hätte.

Ich hätte sie sollen auf diesem Bette der Ehren sehen, sagt' ich, da der alte Herr an diese Stelle kam. – Sie ist eine geborne Königin, setzt' ich hinzu.

D e r a l t e H e r r . Ein Literatus wird ihr schon zu teil werden.

I c h . Benjamin tat Unrecht, dass er sich entschuldigte.

D e r a l t e H e r r . Link und lahm.

I c h . Wer nur ein Bein hat, wagt nur ein Bein.

Aber, fuhr der alte Herr fort, ein Hühnerei

Bei Gott ist das einerlei, erwiedert' ich, nur bei den Finken nicht. – Ich glaube, Herr Candidat, bei unsern meisten guten Handlungen ist ein Hühnerei, anstatt eines Finkeneies.

Lieben Leser! seht da Minchen! Ist's möglich, dass der alte Herr so was erzählen und der alte Herr bleiben konnte?

Minchen ging an einem schönen Morgen ins Feld und begegnet' einem Jungen, mit beiden Händen in den Haaren und weinend bitterlich. Er hatte' einen Milchtopf zerbrochen und befürchtete, von seiner Mutter darüber geschlagen zu werden. Sei gutes Muts, sagte Minchen und nahm ihm die rechte Hand von den Haaren, die linke Hand gab sich von selbst. Er liess sich trösten. Je näher er aber zum dorf kam, je langsamer ging er, und da er das Haus sah, fing er von neuem an zu weinen und wollte durchaus wieder mit der rechten Hand in die Haaredie linke nach. – Die Mutter des Jungen kam ihnen entgegen, und ihr erstes Wort war der Topf. Minchen trat vor und sagte: Liebe Nachbarin, ich, ich bin den Topf schuldig! Seht, ich ging schnell zu, und da war der Topf hin. Meine Mutter hat heute die Wasche, und da wisst Ihr, kann man nicht sagen, dass ein Topf gebrochen ist. Wenn die Wäsche vorbei ist, will ich Euch einen andern Topf bringen. Die Bäuerin war gegen des alten Herrn Töchterchen so galant, dass sie keinen Topf verlangte. Minchen verbat dieses Geschenk. Der Junge indessen, sobald er merkte, dass die Mutter sich gefunden hatte, sprach Minchen los und eignete sich, der Wahrheit gemäss, alle Schuld zu. Nehmt keinen Topf, Mutter, sie hat ihn nicht zerbrochen; ich sah, wie es alles so schön grün und gelb auf dem feld war, und da fiel der Topf mir aus der Hand. Die Bäuerin war so bewegt, dass sie Minen wie eine Heilige verehrte und an ihrer Hand zu haus begleitete. Ich erkundigte mich nach dem Jungen und würde' es gern gesehen haben, dass H e l m sich durch diese grosse Tat in seiner Jugend ausgezeichnet hätte; allein der Herr Candidat versicherte, dass dieser Edle im siebenten Jahre