nahm gelegenheit mich nach seinem Sohne zu erkundigen; vielleicht, dachte ich, fängt er von selbst von seiner Tochter an – wenn er doch anfinge!
Ich sah es seinen Augenwimpern, seiner Nase und Stirn an, dass er sein ganzes Gesicht umstimmen musste, eh' er herauszubringen im stand war, dass der Sohn eines Literatus ein Schneider geworden wäre, obgleich mein Brusttuch, wie man es in Curland nennt, noch von der selbsteigenen gelehrten Hand des alten Herrn edirt war. Zwei, die ich im Kasten hatte, waren sogar durch ihn geflickt – und verbessert und vermehrt zum andernmal a u f g e l e g t . Das ist dem Benjamin nicht, fuhr er fort, in seiner Wiege vorgesungen, und da er Darius war, hatte' er so gut König zu sein die Ehre als ein anderer. Manchem kommen die gebratenen Tauben entgegen, ein anderer muss ihnen Netz und Strick legen und sie erst fangen und braten. – Das Schneiderhandwerk, fuhr er nach einer Weile fort, da ich nicht nötig fand ihm auf den Wiegengesang und die Dariusehre zu antworten, das Schneiderhandwerk ist bei alle dem für den Sohn eines Literatus noch das schicklichste. Gott der Herr setzte selbst, nach dem betrübten Sündenfall, dieses geschenkte Handwerk ein und verfertigte die ersten Kleider. – Was zu tun? Er sitzt bei einem sehr geschickten Schneider auf Prima und wird künftige Ostern Student, oder Geselle, wie es die Leute nennen. (Diese Worte waren ein Gemisch von Stolz und Satyre. Sie waren der alte Herr selbst. Wer ihn hier nicht findet, findet ihn nirgend.) Meine selige Frau sagte mir gleich nach überstandenen Wochen, Benjamin wird e n t w e d e r Schneider o d e r Literatus, welches sie der Nottaufe wegen vermeinte, die Benjamin empfing. Das, versicherte sie, hab' ich von alten Leuten: was die Nottaufe empfängt, wird eines von beiden. – Ich suchte sie auf den rechten Weg zu lenken und wollte durchaus nur vom Literatus hören und wissen, allein sie blieb bei ihrem e n t w e d e r und o d e r . Das Bein, welches sich, als er Darius war, zu seinem Vorteil wendete, und die rechte Hand, der er auch redlich nachgeholfen, bestärkten meine Hoffnung, und warum sollt' er nicht? Sein Vater ist ein Literatus, und meine selige Frau war auch von gutem haus, wenigstens kann man ihren Vater ohne B e d e n k e n n e n n e n (das war niederschlagend Pulver für mich, damit ich mich ja nicht überheben möchte), und – hier glaubte der alte Herr, dass jemand zu uns käme, und kehrte das Blatt bei der dritten Reihe von oben auf eine sehr komische Art um. "Das alte Weib, sagt' er, als ob er fortführe, hatte dem Organisten einen Streich gespielt, und er sang bei ihrer Trauung mit einem jungen Menschen, der sie des leidigen Geldes wegen heiratete:
Was Gott tut das ist wohlgetan!
Soll ich den Kelch gleich schmecken,
Der bitter ist nach meinem Wahn,
Lass ich mich doch nicht schrecken,
Weil doch zuletzt
(nämlich wenn sie stirbt)
Ich werde' ergötzt
Mit süssem Trost im Herzen;
Da weichen alle Schmerzen."
Der alte Herr sah seinen Irrtum ein; der Jemand, von dem er befürchtete, dass er uns bei diesen Familienangelegenheiten überfallen würde, ging unsere Tür vorbei. Hermann nahm also sein u n d auf.
U n d , fuhr er fort (als wenn er das Blatt zuvor zu rechter Zeit umgekehrt hätte), was wollt' ich sagen? und meiner Frau E n t w e d e r , O d e r ist erfüllet! Entweder Literatus oder Schneider. – Was Gott tut, sagt' ich, das ist wohlgetan! Diese Worte brachten ihn auf Minchen, ich weiss nicht wie.
Minchen verdient einen Literatus, fuhr er fort. Sie verdient, sagt' ich, einen Literatus, der ihren Bruder nicht vernachlässigt, wenn gleich er ein Schneider ist. Diess beschämte den alten Herrn, der, sobald nur etwas unsere Tür vorbeirauschte, seinen Sohn versteckte, um sich als Literatus zu zeigen. Ich glaube', er wär' eher gestorben, als dass er gestern Abend über Tafel, da man sich ungefähr nach seinen Kindern erkundigte, bemerken sollen, dass Benjamin das Schneiderhandwerk ergriffen. "Eine Tochter und einen Sohn," antwortete er auf die Erkundigung nach seinen Kindern, und mehr keine Sylbe. – Ich kann mir vorNadel und Zwirn, und Scheere und Schusterpfriem, und Leisten und Töpferrad verborgen haben wird.
"Minchen," sagt' er, ohne auf meine Zurechtülfe zu achten, "ist ein Mädchen, die der Familie keine Schande machen wird."
Er erzählte mir ihre Vorzüge, die ich, gottlob! besser wusste, wie ein Mann, der seines Sohnes sich schämen konnte, bloss weil der Sohn ein Schneider war. Bei alle dem hört' ich ihr Lob mit Vergnügen. Da er aber auf ihre Kinderjahre kam, ward ich entzückt. Ich fühlte die Worte von ganzem Herzen: W a s G o t t tut, das ist wohlgetan!
Der alte Herr hiess mich während dieser Erzählung Herr Candidat und freute sich, dass auch ich ihn Herr Candidat nannte. Eine Höflichkeit ist der andern wert. Je öfter ich