des Herrn Hermanns nicht an, weil Herr Hermann sich nicht in die Zeit geschickt hatte, und Herr v. G. behauptete, um den Witz desto geschwinder los zu werden, dass man sich nicht besser des Todes erinnern könne, als wenn man schlafen ginge. Heil dem, sagt' er, der so stirbt, als ein Bauer einschläft, der gedroschen hat. Nach ausgestandener schwerer Arbeit in der Welt lässt sich's selig und ruhig sterben. In der letzten Stunde des Lebens sieht man schon den Unterschied zwischen r e i c h e r M a n n und a r m e r L a z a r u s .
Man wünschte sich eine gute Nacht. Hermann beurlaubte sich. Herr v. W. liess es bei dem Wunsch einer guten Nacht nicht bewenden, sondern wünschte noch ergiebiger, dass die ewige Vorsicht sowohl den Herrn v. G. als die gnädige Frau vor allen Trauerfällen bewahren und sie die höchsten Stufen des menschlichen Lebens hinaufführen möchte. – Herr Hermann nahm gelegenheit, dem Herrn v. W. wegen des Ablebens seines Hochwohlgeboren Herrn Grossvaters zu condoliren. Ich bückte mich bloss, und da er dieses gleichmässig für eine Condolenz ansah, wandt' er sich zu jedem von uns beiden, zu mir zuerst, und wünschte jedem was besonders, jedem aber eine lange Reihe glücklicher Jahre.
Der Herr v. G. nahm die Frau v. W. bei der Hand, um ihr das Schlafzimmer anzuweisen. Da die Frau v. G. durchaus sie auch begleiten wollte, gab ihr Herr v. W., nach vielen Complimenten und Bitten, zurück zu bleiben, auch die Hand. Dem jüngern Herrn v. G. ward das kleine fräulein v. W. angewiesen. Mich musste der g e w e s e n e Hofmeister, den sein gewesener Untergebener nicht mehr für voll ansah, wiewohl in das nämliche Zimmer bringen, wo ich schon die vorige Nacht geschlafen hatte, und das ich also ohne diese Anweisung gefunden haben würde. Hier sollt' auch der a l t e H e r r schlafen. Dieser letzte Umstand, obschon er von der Frau v. G. zu meiner Erniedrigung ausgekünstelt schien und mich einen Augenblick befremdete, war mir doch gleich nach diesem Augenblick willkommen. Ein betrübtes Herz liebt zärtlicher, und wahre Liebe ist keine frohe leidenschaft. – Sie fängt mit Seufzern an, so wie wir mit Tränen geboren werden. Mine war mit Leib und Seele vor meinen Augen; es ist doch ihr Vater, dachte' ich, und reichte dem Herrn Hermann die Hand. So Hand in Hand kamen wir ins Schlafzimmer. Hier legte der alte Herr sein Protektionsansehen, womit er mich ohnehin nur nach der Abreise meines Vaters, und das sehr beiläufig, heimgesucht hatte, zugleich mit seiner Perücke ab und tat ungemein vertraut mit mir. Um seine heutige Hofnarrenführung zu entschuldigen, zog er auf den Adel los. Traget die Narren, sagte er, weil ihr klug seid, und restituirte also diesen Spruch in integrum, nachdem er von ihm und dem Herrn v. W. in der Art war verdreht worden: T r a get die Groben, weil ihr höflich s e y d . Ich weiss nicht, wie's mir anwandelte, dass ich dem alten Herrn bei den Worten: traget die Narren, weil ihr klug seid, ins Wort fiel:
"Allein macht euch nicht selbst zum Narren."
Es tat mir leid, sobald ich diesen Zusatz ausgesprochen hatte. Der alte Herr schien es zu empfinden und setzte seine Rechtfertigungen fort. Ein Literatus ist freilich, sagte er, ein halber Edelmann, indessen ist zwischen halb und ganz ein Unterschied. Man lasse ihnen das v o n , wenn sie uns nur den Verstand lassen. Da er herausging, sich eine Flasche Wein zu besorgen, um noch eine Pfeife, wie er sagte, in bona pice et pace zu rauchen, nahm ich das Testament meines Vaters heraus, welches ich die ganze Zeit über verborgen in der Hand gehalten. Ich hatte beinahe diesen Abend nur mit einer Hand gegessen, denn ich konnte diess Testament in der tasche keinen Augenblick allein lassen. Die Hand, mit der ich's hielt, war in einer solchen Transpiration, als wenn sie nicht zu den übrigen Teilen des Körpers gehörte.
ι ’ ′ ’ ’
’Ανεχου κα` απεχου, las ich, und las wieder: ανε
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ι ’ ′
χου κα` απεχου. Oeffne sie nicht eher, als wenn du in der grössten Not bist. Und was ist die grösste Not? – dachte ich bei mir selbst. Ich fand, dass Geld in diesem letzten Willen lag, und da es sich nicht tun liess, meinen Kasten aufzuschliessen und diese donationem mortis causa zu den Denkzetteln meiner Mutter zu legen, die mir als eine donatio inter vivos vorkam, so deponirte ich diese Schrift vorderhand ins Bett unters Kopfkissen und dachte an meine Mutter und an den hochheiligen Abend vor der ersten Predigt bei diesem Interimsdeposito. Ich musste eilen, denn der alte Herr kam wieder und ein Bedienter hinterher, mit Wein und einem Teller voll Rauchtabak. Da ist Essen und Trinken, sagte der alte Herr und tat dabei, als ob er etwas sehr Witziges gesagt hätte, welches ich aber nicht finden konnte. Bald darauf fing er an, sich zu beklagen, dass er einen guten Freund seines Hauses an mir verlöre, und ich