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Und wenn mir die Gedanken

Vergehen wie ein Licht,

Das hin und her tut wanken,

Bis ihm die Flamm' gebricht;

Alsdann fein sanft und stille

Lass mich, Herr! schlafen ein

Nach deinem Rat und Willen.

Wann kommt mein Stündelein.

Ich sah, was meine Mutter sagte, und oft! oft! hab' ich mein Licht so ausbrennen lassen, um dieses fest zu wiederholen. Meine Mutter legte die hände, sobald alles aus war, auf mich, um mich priesterlich zu segnen. Wir glaube, es sind alles dieses Brosamen, die von ihrem reich besetzten Tische fielen, Stücke von der verunglückten Rede): "die lobwürdigste Fürstin Henriette Louise, Markgräfin zu Brandenburg, liess sich diess Lied vorsingen, und obgleich alles um sie herum weinte, starb sie doch ohne Ach und Weh sanft und selig zu Onolzbach im Jahre Christi 1650, ihres Alters sieben und zwanzig Jahr. Gott! lass es nur ein Stündlein und nicht eine ganze Stunde sein, wenn wir heimfahren aus diesem Elend!" Wir brachten die Folianten zu haus und meine Mutter sang, ohne zu bestimmen, ob's auf Folianten, oder auf Kupferstich, oder auf alle papierne Monumente und Denkzettel gezielt wäre:

Man trägt ein's nach dem andern hin,

Wohl aus den Augen und aus dem Sinn,

Die Welt vergisset unser bald,

Sei jung oder alt,

Auch unsrer Ehren mannigfalt.

Seid getrost, verdienstvolle Männer (ich will meiner verstummten Mutter aushelfen). Habt ihr nicht das Glück, am Spiegel zu hängen, so ist noch die Speisekammer übrig. Stockt es hier gleich, es schadet nicht, das Bild kann hoch geschlagen werden. Beschert euch nur der Himmel Augen, die vier kleine Nägel für Sterne ansehen, habt ihr gewonnen Spiel.

Nach dieser vollbrachten Arbeit verlangte meine Mutter, dass ich diesen Tag in einem feinen, guten Herzen behalten, und ihn jeden heiligen Abend vor Ostern durch eine Wallfahrt in die Speisekammer (wie sie sich ausdrückte) f e i e r n und e r n e u e r n sollte; dieses ist, sagte sie, die Aussaat; vor Ostern, den heiligen Abend, sollst du ernten. Der Geber aller guten und vollkommenen Gaben verleihe dir gutes Wetter oder ein Herz nach seinem Herzen zur Ernte.

Dass aber der ausgesäete Weizen nie zur Reife gekommen und aus dieser Wallfahrt nie etwas geworden, ist einer von uns beiden Schuld, der fromme S c h w e p p e r m a n n oder i c h . Meine Mutter zog mich wegen eines Epitaphiums zu Rate, und mir musste zum Unglücke einfallen:

Dem Mann ein Ei,

Dem frommen Schweppermann zwei;

weil Schweppermann nicht Superintendent in Curland, sondern

Ein Ritter, keck und fest,

Der zu Gnadersdorf im Streit' tat das Best',

gewesen, so bekam der Vorschlag meiner Mutter eine andere Wendung. Der bestimmte heilige Tag fiel aus, allein nicht zu meinem Nachteil, denn wenn ich nach der Zelt ein Stück Geräuchertes zu ernten Lust hatte, wallfahrtete ich Hand in Hand mit meiner Mutter nach dem Mausoleum (oder nach einer ehrlichen deutschen Uebersetzung) in die Speisekammer. Es hing der Tag unseres Eierheiligen von der Angabe meines Magens ab, und war, so oft mich ausser der Mahlzeit hungerte. Je nachdem ich Appetit hatte, ward auch die Feierlichkeit zur Ehre eines Mannes zugeschnitten, der nach der Bemerkung meiner Mutter, die sie mehr als einmal anbrachte, "so wie die Speckseiten und Würste, seine Nachbarn, gekommen wäre aus der Rauchkammer dieses Lebens."

Zur Steuer der Wahrheit steh' es hier wie eine Ehrensäule, dass meine Mutter, wider die Gewohnheit aller Weiber, nicht geizig war. Sie wollte nicht die Eier abschaffen und Hühner dafür einführen, sondern die Rechtgläubigkeit, wie sie sagte, lag ihr hiebei bloss am Herzen.

Mein Vater (damit ich sobald als möglich die vacante Stelle besetze), den meine Mutter durch diesen an seinen Ort gestellten Kupferstich ohne Zweifel auf den Gedanken brachte, dass im Prunkzimmer, zur rechten Hand unter dem Spiegel, kein unrühmlicher Ort im Pastorat wäre, vocirte den Kupferstich des Eugen an diesen ledigen Platz. Er liess meine Mutter vorderhand bei ihrer voreilig gefassten Meinung, dass dieser Kupferstich der Herzog G o t t h a r d wäre, welchen sie für den grössten Helden hielt, der je in der Welt gelebt hätte, und dem allein sie den Rang über den Superintendenten gestattete, obgleich sich die Herzoge von Curland w i r v o n G o t t e s G n a d e n schrieben und Landeshoheit haben. Es war mein Vater sich als ein Deutscher diese Huldigung schuldig, und nie hat er es verfehlt, dem Namen eines Deutschen Ehre zu machen. Das erste Wort, was er mich aussprechen lehrte, war, aller seiner Kenntniss in fremdem Sprachen unerachtet, ein schweres deutsches. D e u t s c h eben darum, warum Eugen im Pastorat zur rechten Hand unterm Spiegel des Prunkzimmers hing, s c h w e r , weil mein Vater in allen Dingen die Gewohnheit hatte, mit dem H o m e r anzufangen.

Damit aber meine Leser ja nicht Realinjurien begehen und an den Gedanken grenzen, als ob mein Vater auch nur stillschweigend eine Unwahrheit verübt, so muss ich ihn bei dieser massgebenden gelegenheit rechtfertigen und ihn über jenen Heiden herausbringen, dem man zur Steuer der Wahrheit nachsagt,