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und fühlt' es auch noch in den Gliedern, dass er wegen einer Grabschrift drei Tage und drei Nächte wachen müssen. Er dachte' an alle Ehrenerklärungen und Maulschläge, die er zu übernehmen notgedrungen worden, und an seine eigene Grabschrift, die man noch lebend auf ihn gemacht:

Hier wacht der lebendig tote. –

Viele Leute pflegten dieser Grabschrift wegen mit Herrn Hermann ein Gespötte zu treiben und zu behaupten, dass er mit lebendigem leib spuke.

Ein Tag, wie der heutige, fing Herr v. G. an, nachdem er die hände gefaltet und sie gegen Himmel gebrochen hatte, ein Tag, wie der heutige, ist eines solchen Abends wert! Ich hab' diesen Tag gelebt, und wenn gleich viel vom Leben dieses Tages auf die Rechnung der zehnjährigen Entfernung gehöret; ich setze zehn für einszwölf Tage könnte man im Jahre von dieser Art leben. Wer wollt' aber vergessen, dass der Tod aufs Leben folgt, fuhr Herr v. G. fort. Der Herr v. W. wusste nicht Worte zu finden, dem Herrn v. G. seine Erkenntlichkeit zu beweisen; denn er hielt dieses alles für Folgen seiner schwarzen Weste und Beinkleider und des Flors um den linken Arm, obgleich die Weste begossen war. Gern hätt' er, in der ersten Hitze seiner Erkenntlichkeit, das Gartengespräch mit Herrn Hermann über den Herrn v. G. öffentlich widerrufen, allein dieses würde sich nicht geschickt haben. Die Worte: "T r a g e t d i e G r o b e n , w e i l i h r h ö f l i c h s e y d ," waren ihm unerträglich geworden, so erkenntlich war er, und diese Anlage zur Erkenntlichkeit werden sich meine Leser schon bei dem Feste der Deutschen angezeichnet haben.

Die Frau v. W. und die übrigen schrieben die heilige Schwermut des Herrn v. G. auf die Rechnung des Sterbenden, dem mein Vater in die andere Welt zu leuchten gegangen war.

Ich hatte den Hauptschlüssel zu dem Herzen des Herrn v. G., den er bis dahin hinterhalten hatte. Jetzt erzählt' er der Frau v. W., was mit ihm und dem alten mann vorgefallen war, doch so, dass es alle hören konnten. Wem hätt' er diese geschichte auch besser dediciren können, als der Frau v. W.? Der Herr v. G. sah es mir an, dass mir diese geschichte nicht neu wäre, und ich fand keine Ursache zurückzuhalten, dass ich den alten Mann mit dem einen Handschuh selbst gehört hätte. Ich hatte mein Bekenntniss noch nicht vollendet, als Herr v. G. aufsprang, mir seine eingeweihte Hand reichte: Der Segen dieses Himmlischen, sagt' er, indem er nur die Hand drückte, wird auch auf dir ruhen, du Sohn deines Vaters! Nach mir gab er diese Hand der Frau v. W., ihrer Tochter und zuletzt seinem Sohne, der aber nicht wusste, was ihm geschah.

Der Herr v. W. hätte diesen Handschlag für einen Mangel der seinen Lebensart gehalten, wenn der Herr v. G., der sich aber von selbst zu bescheiden wusste, auch ihm ihn angeboten hätte; indessen war Herr v. W. doch sehr bewegt über diese geschichte, und wer weiss, wenn dieser Himmlische ein Edelmann gewesen wäre, ob er ihn nicht mit in sein Trauerfest eingeschaltet hätte. jetzt könnt' er auf diese Ehre nicht Anspruch machen, und das um so weniger, da er nur einen Handschuh getragen.

Herr Hermann wollte bei dieser gelegenheit dem Herrn v. G. mit Witz unter den Arm greifen, auf den Herr v. G. sich gestützt hatte, und ihn durch einen Einfall trösten. Der elendeste Trost von allen, der jedem klugen Mann ekelt! Um zum witzigen Ziel zu kommen, musst' er einen langen unangenehmen Umweg machen. – Endlich an Ort und Stelle. Er erzählte, dass der Pastor in – – einen Amtmann über die schlechte Zeit zur Ruhe gesprochen und ihn auf den Himmel gewiesen hätte. Der Amtmann aber in seiner Einfalt hätt' ihm zur Antwort gegeben: "Herr Pastor, wie man hört, soll es auch da nicht mehr sein, wie zuvor."

Herr v. W. war gewohnt, alles, was er sprach, abzurunden, und dieses vermisst er zuweilen am Hermann, der, eh' man es sich versah, aus der Rolle kam. Wahrlich, er spielte zu viel Rollen. – Ob nun gleich Hermann alles tat, was er dem Herrn v. W. an den Augen ansehen konnte, und immer Colophonium (Geigenharz) in der Hand hielt, um den Bogen des Herrn v. W. zu stärken, so war dem Herrn v. W., der aus Höflichkeit erkenntlich zu sein wohl verstand, jedoch dieser Gedanke völlig unpassend und ungeschliffen. Er schüttelte sein Haupt und verwies dem Herrn Hermann diese geschichte, wiewohl aus Erkenntlichkeitbloss mit einem Winke, der sagen sollte: "Alles zu seiner Zeit." Herr v. G. aber sprang auf. Der Funke, fing er an, war nicht wert, dass Sie so oft darnach schlugen. Ich habe diese geschichte, welche nach Ihrer Aussage dem Pastor inbegegnet sein soll, schon in meiner Jugend gehört. Der Herr v. W. nahm sich