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G. ist) pflichtschuldigst bemerken, dass er seinen künftigen Pastor nicht völlig vergessen hatte. Wenn er seine Pfeife nachstopfte und aus dem Takte kam, brach sich sein blick durch den Nebel zu mir, und da seine Pfeife glühte und nicht sogleich wieder geladen werden konnte, kam er sogar zu mir, fasste mich brüderlich an und fragte: Warum so traurig? und warum nicht auch Puff und Paff mitgemacht? So was, fügte er hinzu, stärkt das Auge, und wenn wir morgen auf die Jagd gehen, hast du schon eine vorläufige Teorie, die du benutzen kannst. – Ich versicherte, heute am wenigsten zum Puff, Paff Ansatz zu haben. Ich verdenke dir deinen Trübsinn nicht, fuhr er fort. Dein Vater – –

Scheiden heisst sterben, hatte ich zu ihm gesagt, da mein Vater abfuhr, und diess Wort zu seiner Zeit war so glücklich gewesen den Weg zu seinem Herzen zu finden, der so leicht nicht zu finden war. Seine Liebesgrenze ging nicht weiter, als bis Vater und Mutter, und zur Not Schwester und Bruder. – Weiter, glaube' ich, geht sie auch bei keinem Jäger, Koch und Schlächter, welches Professionsverwandte, oder höchstens von einem und demselben Handwerk unterschieden sind, wie Frauens- und Mannsschneider. – Ausser Vater und Mutter, und zur Not Bruder und Schwester, schien dem Herrn v. G. dem Jüngern alles wild – – –

Man ging den Abend zeitig zur Tafel, weil alles die Karten verbeten hatte. – Zur Ehre der Herren v. X.Y.Z. muss ich noch anführen, dass sie nach ihrem Ausschlaf, um die edle Zeit auszukaufen, eine Stunde Würfel gespielt.

Bei Tafel war alles auf den Ton des Herrn v. W. gestimmt, der mit schwarzer Weste, schwarzen Beinkleidern und einem Flor um den linken Arm, bei der Mahlzeit erschien. Man sprach viel von den Schicksalen der Menschen und von der Ungewissheit der Todesstunde. Herr v. W. erzählte den Lebenslauf des Herrn v. W., seines Herrn Grossvaters, dem heute aufs neue parentirt ward. Herr v. G. sprach vom tod, wie ein Gerechter, der in seinem tod getrost ist. Die Vernunft, sagte er, ist ein Kissen, allein kein Kopfkissen. Die Einbildungskraft muss auch Beschäftigung haben, wenn's zum Scheiden geht. Wohl uns indessen, dass wir nicht wissen, wenn wir sterben; denn wir würden dann nicht leben, nicht sterbenbeides ist gut. – Doch, fuhr er fort, gibt es einige, die es wissen, die auf die Stunde ihrer Erlösung mit Gewissheit rechnen können. – Nur heutehier schwieg er und stützte sich traurig auf. Ich verstand ihn ganz. Seine Frau fragte ihn: Ist dir nicht wohl? mit einem Tone, der mich überführte, dass sie ihren Mann nach sich am meisten liebte; und warum sollte sie es nicht? er war ja von gutem Adel. Sehr wohl, erwiedert' er, mein Kind. – Sie stand auf und küsst' ihn; er blieb mit aufgestemmtem Arm. Es ging alles still, wie bei einer Leichenwache zu, und dieses brachte die Herren v. X.Y.Z. zum Aufbruch. Schon lange hatten sie nach dem mond gesehen und es ihm übel genommen, dass er nicht eher aufgegangen war, denn es ward nicht getrunken wie des Mittags, nicht geschrien wie des Mittags, nicht geblasen wie des Mittags. Das hätte freilich der Mond bedenken sollen. Sie zogen unter einander auf die Wache, um keine Zeit zu versäumen. Der erste Strahl war ein allgemeiner Wink zum Abschiede. Sie empfahlen sich und fuhren mit ihren gnädigen Frauen, denen des Mittags die Zeit lang geworden war, weil v i e l , und des Abends, weil w e n i g gesprochen worden, heim. Die Waldhörner wurden auf eine künstliche Art in Postörner verwandelt, und man macht' einen solchen Lärmen, als wenn dreissig blasende Postillons vorher ritten. Der Herr v. W., den diess unversehens überfiel, brach ein Glas, das er eben in der Hand hatte, und begoss sich seine Trauerweste, die, wie er sagte, zum Glück schwarz wäre. So bricht unser Leben, sagt' er, um den Glasbruch geschickt bei dem gegenwärtigen Fall anzuwenden.

Es war der Herr v. W. wie von neuem geboren, da die Herren X.Y.Z. fort waren, und so ging's auch dem Hermann, der zwar viel über die Herren v. X.Y.Z. gedacht, allein wenig gesagt hatte. Mir war immer bange, die guten Herren würden aus Freude, von den Waldhörnern und ihren Anhängern befreit zu sein, aus dem Trauerton des Festes kommen; indessen fiel es ihnen zeitig wieder ein, dass die heutige Freude in ihren Schranken bleiben müsste. Der arme Hermann hatte wegen der Herren v. X.Y.Z. in ecclesia pressa gelebt. Was er, so lang sie da waren, tun konnte, war aufs auge' eingeschränkt. Dieses, dem Herrn v. W. gewidmet, war oft Gelegenheitsmacher, oft Teilnehmer, nachdem Herr Hermann weniger oder mehr von den Herren v. X.Y.Z. und ihren Damen bemerkt werden konnte. Er wusst' aus vieljähriger Erfahrung, was der Adel in Curland zu bedeuten habe,