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ALTE. Nein, Herr, das nicht! aber sie sind arm geworden. Das Gewitter schlug ihr Häuschen zu grund. Sie hatten etwas zu meinem Begräbniss abgelegtich bin so ein alter Geck auf ein ehrliches Begräbniss, und diesen Sterbepfennig, Herr, haben sie angegriffendarum geh' ich betteln. Wenn ich sterbe, sollen sie die unvermutete Freude haben, mein Begräbniss bestellt zu finden. Sie hatten geborgt, Herr, um mir nach meinem tod zu Gefallen zu leben, das weiss ich; allein das wollt' ich nicht. So bin ich, Herr, ein alter Mann, allein ein junger Bettler! HERR v. G. Wo wohnt Ihr denn? DER ALTE. Herr, Verzeihung! das sag' ich nicht, meinet- und meiner armen Lieben wegen! HERR v. G. Verzeihung, Alter, dass ich es gefragt habe; Gott züchtige mich, wenn ich Euch nachsehe. DER ALTE. Das ist brav, gnädiger Herr! In acht Tagen sehen Sie gegen Himmel, dann (Gott sei gedankt), dann ist meine wohnung nicht mehr geheim. HERR v. G. Aber wo glauben Euch jetzt die Eurigen? DER ALTE. Ich sagt', ich hätt' ein Gelübde auf mir und müsste nach Gottes Welt sehen; sie wissen, dass es mein letzter gang ist. HERR v. G. Nehmet, Vater, Gott sei mit Euch! DER ALTE. Herr, so viel! Nein, Herr, so war es nicht gemeint. Ich brauche nur noch zwei Orte, das übrige hab' ich nicht nötig. Im Himmel brauch' ich nichts. HERR v. G. Gebt's Euren Kindern. DER ALTE. Behüte Gott, Herr! Meine Kinder können noch arbeitensie selbst brauchen nichts. HERR v. G. Zum Haus, Alter! DER ALTE. Es steht schon. HERR v. G. Ihr macht mich rot, Vater! DER ALTE. Nun dann sind wir's beide. Ich bin es auch über und über, weil ich zwei Ort' angenommen. Sparen Sie, gnädiger Herr, das übrige für Leute, die länger für Sie beten können als ich. HERR v. G. Ihr bewegt mich, Vater! DER ALTE. Ich hoff, ich hab' auch Gott bewegt, der lass' es Ihnen nicht missen! HERR v. G. Wollt' Ihr was essen? DER ALTE. Ich habe schon gegessen, Milch und Brod. HERR v. G. Aber mitnehmen? DER ALTE. Nein, Herr, ich will dem lieben Gott nicht ins Amt fallen. Alle Leute, die mich sahen, boten mir Essen an. Ich habe mir aber den Magen nicht verdorben. Es wär' ein schlechter Dank beim lieben Gott, wenn ich jetzt mitnehmen sollte. Dochein Glas Wein, ein einziges! HERR v. G. Mehr, Vater! DER ALTE. Nein, Herr, nur eins. Mehr trag' ich nicht. – Sie sind es wert, dass ich zum letztenmal vom Gewächs des Weinstocks bei Ihnen trinke. Es soll der letzte Weintropfen sein, den ich in der Welt nehme, sonst würde' ich nicht gefordert haben. Nun kann ich im Himmel erzählen, wo ich den letzten Labetrunk genossen. – Lieber Gott, ein Glas kalt wasser bleibt schon nicht unvergolten.

Der Herr v. G – holte den Wein selbst, der a l t e

M a n n hob seine hände gegen Himmel, da er

allein war, und sprach.

Den letzten Wein! Das Nachtmahl hab' ich schon

vor acht Tagen genommen. Lieber Gott, erquicke

den Geber, wenn ihn kein Trunk mehr erquickt!

Der Herr v. G – brachte Wein.

HERR v. G. Hier, Vater. Ich hab' mir auch ein Glas mitgebracht, wir müssen zusammen trinken! DER ALTE gegen Himmel. Habe Dank, lieber Gott, für alles Gute, für diese Welt habe Dank! Er trank etwas. jetzt Zum Herrn v. G –, sie stiessen zusammen. Gott schenke Ihnen ein sanftes Ende, wie ich's gewiss haben werde! HERR v. G. Vater, bleibt diese Nacht hier, ich bitte' Euch. Kein Mensch soll Euch sehen, wenn Ihr es so wollt. DER ALTE. Nein, Herr, ich kann nicht. Meine Zeit, Sie wissen, ist edel. HERR v. G. Gott, grosser Gott, womit kann ich Euch noch dienen? DER ALTE. Herr, ich wünscht' Ihretwegen, dass ich noch mehr brauchte. Sie sind ein guter Herr; allein ich hab' auf der Welt nichts mehr alsnoch einen Handschuh nötig. Ich hab' ihn verloren. HERR v. G. Gleich. DER ALTE allein. Zum letztenmal gelabt! dort wird es besser sein! HERR v. G. bracht' ihm ein Paar Handschuhe. Hier, Alter! DER ALTE. Den einen brauch' ich nicht, nur einen hab' ich gefordert. HERR v. G. Warum den andern nicht auch? DER ALTE. Dieser Hand fehlt nichts. Es ist bloss die Linke, so die Luft nicht vertragen kann. – Ich werde'

an Sie denken!

Er gab dem Herrn v. G – die rechte blosse Hand.

HERR v. G. Und ich auch an Euch