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auf, und der Herr v.

W – bekam Seelenkrämpfe, die ihm mein Vater,

wiewohl nur auf eine kurze Zeit, durch eine freund

schaftliche Teilnehmung linderte.

Der Name Waldhorn deutet schon an, sagte mein

Vater, dass diess Instrument im wald zu haus ist,

wo Dissonanzen so nicht zu bemerken sind. Das

war dem Herrn v. W – Balsam; indessen griff der

vorige Schmerz wieder um sich, und Herr v. W –

schien zu meinem Vater das Zutrauen zu verlieren,

da mein Vater wider alle Tafelmusik sich erklärte.

Es ist ein schlechtes Compliment, das der Wirt

sich selbst und seinen Gästen macht, erinnerte mein

Vater, wenn er das Gespräch an der Tafel durch

Musik unterbricht. Hr. v. G – glaubte die Tafelmu

sik, wenn es eine Kammermusik, wäre bei gewiss

sen Festen nötig, und fand also nirgend Trost. –

Das letzte. Mittel war, die Tafel aufzuheben. Herr

v. W – griff so schwer dazu, als man zum Trepan

greift. Was war zu machen? Die Herren von

X.Y.Z. hatten, ohne die öffentlichen Gesundheiten

abzuwarten, reichlich den Wert des Weins bewie

sen, und die Tafel musste (Herr v. W – mochte wohl

len oder nicht) aufgehoben werden.

Die letzte Gesundheit und Schluss der Tafel war

Luters Gesundheit:

"Dass es uns wohlgeh' auf unsre alte Tage!" Der

Herr v. G – wollte noch besonders des s e l i g e n

Dr. L u t h e r s G e s u n d h e i t in Rheinwein

trinken, es war aber schon alles auf den Beinen.

Herr v. W –, dem Profit die Mahlzeit viel zu un

höflich war, wollte ganz was besonders sagen; al

lein könnt' er vor den Waldhörnern? Alles ging sei

nen eigenen Weg. Ich, zu meinem Vorteil, quar

tierte mich in ein klein Zimmerchen ein, wo ich den heutigen Tag in Kürz' und Einfalt wiederholen wollte. Dieser Umstand liess mich hören, was meine Leser lesen sollen. HERR v. G. Warum lasst ihr einen so guten Alten nicht geradezu? Bediente gehen ab. DER ALTE griff ein. Gnädiger Herr! Sie wolltenich aber wollte nicht. HERR v. G. Und warum? DER ALTE. Ich schäm' mich es zu sagen, da ich Sie sehe. Es ging mir, wie dem ungerechten Haushalterich schämte mich zu betteln. HERR v. G. Vater! – wäret Ihr mein leiblicher Vater, ich würde' mich Eurer nicht schämen. Diess habt Ihr aber freilich nicht wissen können. Ich habe gute Freunde bei mir, seid so gut, einer davon zu sein. DER ALTE. Nein, Herr, wenn sie auch alle wären wie Sie, ich habe nicht Zeit. HERR v. G. Was habt Ihr denn zu tun? DER ALTE. Was wichtiges, Herr! z u s t e r b e n – ich will es wohl alles sagen, wenn wir allein sind – (ich hielt den Odem zurück), ich habe nur höchstens acht Tage zu leben. HERR v. G. Wie wisst Ihr das? DER ALTE. Das weiss ich soich kann es selbst nicht sagenweil ich es weiss, weil ich es fühle, weil es gewiss istund nun! Meine Tochter und ihr Mann haben mich zwei Jahr ernährt. HERR v. G. Da haben sie ihre Pflicht getan. DER ALTE. Ich hatte mir so viel Geld gesammelt, um niemand aufs Alter beschwerlich zu fallen. Wie ging's? Ich lehnte diess Gelb einem Cavalier; der ass und trank und war fröhlich und guter Dinge, bis er nichts wiedergeben konnte. Verzeihen Sie, gnädiger Herr! Sie sind ein Cavalier, allein ich sage die Wahrheit. HERR v. G. Und ich höre sie so gern, beträf' es mich selbst, als Ihr sie nur sagen könnt. DER ALTE. Klüger wär's gewesen, wenn ich mich zu tod gearbeitet hätte. – Da fiel ich einmal blass und bleich hin, und das hielt ich für Gottes Wink, in dieser Welt zu schliessen. Gnädiger Herr, ich habe nicht die Arbeit gescheut; wie ich jung war, kurirt' ich mich mit Arbeit, ich habe nie andere Medicin gebraucht. Was einen in der Jugend stärkt, schwächt im Alterich konnte nicht, Herr, ich hatte schon ein halb Jahr bloss gebetet und gesungen, da ging mein Gelb verloren; ich versuchte meinen Arm, ich fing an zu wollen, ich wollt' im ganzen Ernst; allein ich könnt' nicht, ich konnte' nichtverzeihen Sie diese Tränen. Ich habe keine betrübtere Stunde als eben diese Probestunde gehabt, wo ich so schlecht bestand. HERR v. G. Da gingt Ihr zu Euren Kindern? DER ALTE. Ja, Herr, und sie kamen mir entgegen. Ich habe nur eine Tochter, ich fand aber an ihrem Mann einen Sohn. Was sie hatten, hatte' ich. Sie pflegten mich, obgleich ich ihnen keinen Dreier nachlassen konnte. Gott labe sie dafür an seinem himmlischen Freitisch auch aus Gnad' und Barmherzigkeit, wie sie's hier an mir getan. HERR v. G. Und jetzt, Vater, sind sie gegen Euch kälter? DER