r z p u l v e r , in drei Teilen herausgegeben hat,2 und dann am Ende, liebes Kind, sind wir alle arme Sünder, – allein wir haben nicht alle ein neunjähriges Mädchen genotzüchtigt, sind aber alle in Sünden empfangen und geboren."
"Was ist Notzucht, liebe Mutter?"
"Notzucht, mein Kind!" sagte meine Mutter, und sollten, – "ist Notzucht. Leg dein Feierkleid an, streu Puder auf dein Haupt, und wenn keiner vorhanden ist, Weizenmehl, und sieh heute wie man dem tut, den deine Mutter ehren will aus dem buch Ester, im sechsten Capitel und sechsten Verse." Nach einer langen Deliberation, wie die feierliche Handlung vollzogen werden sollte, ging dieser Triumph, oder Oration, oder Leichenconduct an. Io Triumphe! der Triumphator, welchem diese Ehre in effigie erwiesen wurde, lag auf zwei Folianten, und auch dieses kam von ungefähr, sonst würde selbst diese Spur von Triumphwagen nicht gewesen sein. Bei meiner Uebermessung, die mit einer curischen Elle geschah, fand es sich, dass kein Stuhl hoch genug für mich war, den Kupferstich d e m H i m m e l n a h e g e n u g zu bringen, wie meine Mutter sich ausdrückte, welches Ziel aber durch Beihülfe dieser Folianten erreicht werden konnte. Da die Folianten inzwischen einmal im Spiele waren, legte sie selbige kreuzweise so, dass also nicht einer auf dem andern lag. Sie spreitete endlich ein weisses Tuch über sie. – Man kann, sagte sie, auch dabei seine erbaulichen Gedanken haben. Noch gehörten zu diesem Ehrenwerk vier flimmernde Nägelchen und vier Streifen schwarzes Papier. Eine Leichenrede wurde desshalb entkleidet, die auf einen reformirten Geistlichen gefertigt war. Die Nägelchen und die vier Streifen legte meine Mutter wie Ehrenzeichen neben den Kupferstich. Auf dem Wege von dem Ort, wo ihm der Platz unterm Spiegel gegen Morgen war abgeschlagen worden, wurden Tannenreiser bis in die Speisekammer gestreut. Unterweges war meine Mutter, wie man in der Affektitze zu sein pflegt, still. Der Fall war zu gross, um Sang und Klang zu verstatten. S t i l l e Begräbnisse kommen überhaupt der natur am nächsten, wenn anders der Verstorbene keine lachende Erben nachlässt. Meine Mutter trug die Füsse, ich das Haupt, und so kamen wir ins Delubrum, ins Sacrum, ins Gewölbe. Es kam mir unterwegs besonders wegen des weissen Tuches, welches bei meinen Lesern noch im frischen Andenken flaggen wird, so vor, als ob ich eine Leiche trug, und meiner Mutter muss es eben so vorgekommen sein, denn sie sagte (dies war alles, was geredet wurde): den Weg, mein Sohn, müssen wir alle, und konnte wohl unmöglich die Speisekammer darunter verstehen. Ich merkte aus allem, dass meine Mutter eine Rede an mich halten wollte, und kann vielleicht dieser Umstand mit das Seinige zur Stille beigetragen haben, wodurch diese Handlung geweihet wurde. "Er hat gelitten und hat gesiegt," fing sie an, "er ist gestorben und sieh! er lebt.
Schau't, die Sonne geht zur Ruh',
kommt doch morgen wieder;
aus dem lied: e i n e n g u t e n K a m p f h a b ' i c h a u f d e r W e l t g e k ä m p f e t ." Diese Citation oder eine Wehmut, die uns Beide anwandelte, lenkte sie vom rechten Wege.
"Dein Ebenbild," sagte sie, "mein Sohn, wie ein Ei dem andern; – sei ihm an reiner Lehre und reinem Windel gleich, auch" (hier fehlt ohne Zweifel viel) "nimm dich vor harten Eiern in Acht, sie sind schwer zu verdauen."
"Erinnere dich an die Leiter Jakobs," sagte sie, nachdem sie sich vom Stickfluss erholet hatte, und die Folianten wurden abgedeckt und das Leichlaken sein säuberlich zusammengelegt. "Zu niedrig," sagte sie, indem ich die Höhe erstiegen hatte und zu hämmern anfing. "Es stockt in der Speisekammer," "zu hoch," gleich darauf: "denn ich kann weiter nichts als v i e r S t e r n e sehen."
S t e r n e dachte' ich, liebe Mutter. – sechs für einen Vierding.
Endlich traf ich die rechte Stelle, und nachdem das Monument fertig war, welches diesem Ehrenmanne um so angemessener schien, als es gerad' über einem Eierbehältniss stand, stieg ich herab und meine Mutter umfing und küsste mich. Es war dieses eine feierliche Umhalsung, eine Accolade und nun? – Meine Leser werden es mir verzeihen, dass ich sie so lange im Finstern gelassen, ohne zu bemerken, dass meine Mutter vier Lichter auf dem Tische angezündet hatte, auf welches C a s t r u m D o l o r i s der Wohlselige, nachdem wir ihn von den Folianten abgehoben, eine ganz kurze Zeit zur Ausruhe hingestellt wurde. drei von diesen Lichtern löschte meine Mutter so aus, wie andere Leute ihre Lichter auslöschen. Das vierte, ein abgebrannter Stumpf, war während dieser Zeit dem Verlöschen nahe.
"Komm! sieh und lerne sterben!"
sagte sie zu mir. Ich sah ein ausgehendes Licht, und meine Mutter betete mit einer Inbrunst, die mir durch die Seele ging: