mir viel Blut abgezogen. FRAU v. W. Ich hoff' auf eine gute Manier. KLEINE. Nicht völlig, noch nie hat's mich so geschmerzt. FRAU v. W. Bist du böse? KLEINE. Nein, liebe Mutter! ich wünsch' ihr wohl zu bekommen. FRAU v. W. Gut, mein liebes geduldiges Kind. Sehr gut! dein Bruder hätt' es morden können, allein wir Frauenzimmer müssen keine Mücke tödten. – Wir sind zur Geduld geboren. Verjagen höchstens. KLEINE. Das wollt' ich schon, ich überwand mich doch. FRAU v. W. Bist du nicht froh drüber? KLEINE. Sehr froh. FRAU v. W. So ist's immer, wenn man sich selbst was abgeschlagen hat. KLEINE. Und nun sticht's auch nicht mehr. KLEINE. Im Himmel werden keine Mücken sein! Meinetwegen könnten sie – stechen werden sie da nicht. FRAU v. W. Gewiss nicht. KLEINE. Und wenn auch, ich bin's gewohnt. Der liebe Gott helfe nur dann meinem Bruder, der den Mückentodtschlag in der Hand hat.
Wir gingen, ohne zu reden, eine lange Weile.
FRAU v. W. Das werden späte Erbsen werden. KLEINE. Die da ging eben auf, wie ich hinsah. FRAU v. W. Das nicht, mein Kind! man sieht nichts aufgehen. Man sagt daher, Gras wachsen h ö r e n ; zum Sehen hat's keiner gebracht. KLEINE. Die beiden dort sind, so wie mein Bruder und ich, nach der Grösse. FRAU v. W. Sieh nur her, wie behutsam diese Aufgehende die Erde auf ihrem kleinen rücken trägt. – Sie hebt sie, sie ehrt ihre Mutter. KLEINE. Das ist ihre Schuldigkeit. FRAU v. W. küsste ihre Tochter herzlich.
* * *
KLEINE. Sehen Sie doch, Gnädige, wie hoch der Baum ist. Der babylonische Turm war wohl weit höher? FRAU v. W. Weit. KLEINE. Den hätte ich sehen mögen! FRAU v. W. Ich auch! ICH. Mein Vater erklärt ihn so: Gott wollte, die Leute sollten nicht zusammenbleiben, nicht in die Höhe bauen, sondern in die Länge, und die Erbe benutzen, die Gott ihnen angewiesen hatte. FRAU v. W. Ich hab' oft gedacht: dadurch, dass sich die Menschen verteilten, entstand die Verschiedenheit der Sprachen. ICH. Wollte Gott, wir sprächen alle Eine. FRAU v. W. Dann würden viele nicht in den Himmel wollen, so schön würde' es in der Welt sein. KLEINE. Des Turmes wegen muss ich auch französisch lernen! FRAU v. W. Hast du ursache', dich zu beklagen? KLEINE. Nein, Gnädige! ich beklage nur Sie – und doch könnt' ich öfter herumlaufen – wäre der babylonische Turm und das Französische nicht.
Es war Mittag und alles fand sich von selbst
zusammen. Frau v. G. – hielt bei allem Hochdünkel
sich nicht zu vornehm, die Tafel zu bereiten; die
Küche nicht – und das steht keiner Dame an;
höchstens einen Ueberblick.
FRAU v. G. Darf ich bitten – HERR v. G. Was meinen Sie Zu meinem Vater. das sagt meine Frau guterzig und allerliebst. Ich habe sie bloss dieses d a r f ich b i t t e n wegen geheiratet. Ich hall's ihr bloss nach, d a r f ich b i t t e n . – Herr Bruder, Herr Pastor, Herr Bruder, Herr Bruder, wie ihr alle steht. FRAU v. G. Ich bitte' – Man ging Hand in Hand, ich mit der Kleinen v. W. – und (ich rede von der Tischgegend, wo ich war) wir
sassen. Der Herr v. W. – (er hatte sich herunter
genötigt), gradüber wohlbedächtig Herr Hermann. Der Herr v. G. –, die Kleine v. W. –, mein Vater, der
junge Herr v. G. –, noch allerlei vom Unterhause
und Ich.
HERR v. W. Alle Feierlichkeiten, Herr Bruder, gehen zuletzt auf Schmausereien hinaus. HERR v. G. Beim Tisch macht alles Friede, da verliert matt das Uebel und das Gute empfindet man lebhafter. HERR v. W. Ich glaube, dass man nach Beschaffenheit des Gemüts auch den Tisch einrichten müsste. HERMANN. Und ihn mit Cypressen oder Myrten bestreuen. HERR v. G. Ich nicht! jeder Tisch muss fröhlich sein, wir müssen mit Danksagung empfahen und zu uns nehmen, und uns auf Gott verlassen lernen. PASTOR. Alles, was gross ist, geschieht bei Tische. Das Paradies ging bei Tische verloren, Monarchien und Regenten entstanden und gingen unter bei Tafel; alle Ehen werden im Himmel und bei Tische geschlossen. Jemanden zu Tische bitten, ist die feinste Art zu bestechen; hat man den Revisionscommissarien nur einmal zu essen gegeben, ist das Spiel gewonnen. Bei Tische kommt der Mensch seinem natürlichen Zustande näher. Der vornehme sieht, dass er hier mit dem Geringern gleichen Appetit hat; da er mit ihm aus Einer Schüssel isst, aus Einer Flasche trinkt, fängt er an, ihn für seines Gleichen zu halten. Alle Herzenssachen, wozu ich den grössten teil der Religion zähle