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Gott segne dich. KLEINE. Auch Sie! liebe Mutter, auch Sie reichlich und täglich! FRAU v. W. Aber, was meinst du, Kleine! Des Jungen wegen sollst du Lieschen Recht geben. Sah er dir denn so bös aus, dass er eine Nachtigall dem lieben Gott stehlen könnte? KLEINE. Bös' wohl! aber freilich so bös' nicht. FRAU v. W. Ich denke, Judas der Verräter hat in seiner Jugend die erste gefangen. KLEINE. Lieschen hat Rechtich Unrecht! es war keine Nachtigall. FRAU v. W. Also hat Lieschen Recht? KLEINE. Recht! und ich Unrecht, ein so betrübtes Vögelchen, als eine Nachtigall! o! wer kann das drückenich möchte' es gern trösten, wenn ich könnte. FRAU v. W. Es scheint zuweilen, dass es sich selbst tröstet; als wenn es schluchzt und wieder lacht. KLEINE. Ja, Gnädige! und dann bin ich so froh! so froh! aber wie kann man im Augenblick weinen und lachen? FRAU v. W. lachen und Weinen hat einerlei Züge, mein Kind! Sei darum auf die Nachtigall nicht böse. Es ist weit leichter, dass Einer, der weint,

lacht, als Einer, der ernstaft ist. Wenn wir einen

Betrübten zum Weinen bringen, haben wir ihn bald

zum lachendas trifft uns Weibchen mehr, als

das andere Geschlecht.

* * *

Ich konnte nicht länger verborgen bleiben, und legt'

es dazu an, dass wir zusammenstiessen.

FRAU v. W. Der Garten ist schön. ICH. Gnädige Frau! ich hab' ihn nirgend schöner gesehen, als im ersten Buch Mose. FRAU v. W. Da haben Sie ihn auch nicht schöner gesehen, sondern schöner gelesen. ICH. Ich bitte' um Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich die Bibel lese, sehe' ich alles, was ich lese. FRAU v. W. Mich dünkt, ich sehe den Herrn vom haus, wenn ich diesen Garten sehe. Sein EbenbildICH. Jeder Garten, gnädige Frau! glaube' ich, ist des Eigentümers Ebenbild, oder sollt' es sein. FRAU v. W. Sollt! allein wer legt seinen Garten nach der natur der Gegend und des Landes an? – Ein Garten, der die Ehre gehabt, in's Geschrei zu kommen, ist die Vorschrift zu zehn und zehn, zu fünfzig und fünfzig, zu hundert. Durch Gärten kann man, denke' ich, noch weit eher, als durch Haus und Hof Geschmack zeigen. Umstände sprechen hier mit, und die Mode hat keine stimme. ICH. Der beste Garten indessen ist ein gefängnis, wenn er umzäunt ist. Das Paradies war die Welt, und die Welt das Paradies. FRAU v. W. Sind wir aber bestanden in der Wahrheit? ICH. Die gnädige Frau sagen da einen grossen Gedanken! Der Sündenfall war der erste Zaun. FRAU v. W. Jetzt können wir schwerlich uns ohne Zaun behelfen. Er kann sich aber allmählich verlierenund dann lasse ich ihn gelten. Hecken sind mir weit unausstehlicher. ICH. Ein lebendiger Zaun! FRAU v. W. Ein schönes Leben, das unter der Scheere des Gärtners steht. Mir kommt jede Hecke wie ein Tanzboden vor, man lehrt die armen Bäume die Beine gerade setzen, in die Quere treten, Brust heraus, und andere Possen mehrund wenn man noch dazu Hecken an seine Fenster anlegt, ist's mir völlig unerträglich. Ich habe einen Amtmann, der sich eine Fensterhecke von einem armen Feigenbaum gemacht hat. Die Kleine da sagte, der Feigenbaum sei ans Kreuz geschlagen. KLEINE. War er's denn nicht, Gnädige? FRAU v. W. Ja, mein Herz. KLEINE. Und ganz unschuldig? FRAU v. W. Ganz. ICH. Gnädige Frau, das Sprichwort:

Fische fangen und Vogelstellen

Verdirbet manchen Junggesellen.

erklärt mein Vater vom Herzen. FRAU v. W. Und sehr richtig. Wer in der Jugend Vögel in die Festung bringt und Fische anführtwird ein Betrüger, und wenn es hoch kommt, grausam undICH. Ich weiss nicht, gnädige Frau! ob ein Amtmann, der dem Feigenbaum Daumen schraubt und ihn torquirt, es mit den Bauern nicht so zu machen Lust hat, als mit dem Feigenbaum? – Dem Baum fehlt nur ein lebendiger Odem. Die gnädige Frau ward abgerufen, und ich sah mich mit der kleinen fräulein an, ohne dass wir alle beide

mehr taten, als lächeln. Ich weiss nicht, wie das

kommt, dass junge Mannspersonen gegen Kinder so

blöde sind! Frauenzimmer sind in diesem Stücke

dreister. Sie können eher an ihre Bestimmung

denken, als es uns nach der jetzigen Einrichtung

erlaubt ist. Oft, wenn ich auf diese Art mein

unschuldiges Minchen mit kleinen Kindern sich

abgeben und spielen sah, fielen mir die Worte ein: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht

des himmlischen Vaters. Dass ich gegen eine grosse

Dame nicht blöde gewesen, siehe oben. Das

Daumenschrauben und Torquiren hätte ich

unterwegs lassen können, wie es mir gleich,

nachdem ich's gesagt hatte, einfiel. – Die Frau v. W.

kam wieder.

FRAU v. W. Was ist dir? KLEINE. Liebe Mutter, da flog esdas Mückchen hat