Viertelstunde allererst, nachdem das Herzgespann nachgelassen, sang sie, ohne zu sagen, von wem das Lied gedichtet war:
Wenn böse Zungen stechen,
Mir Glimpf und Namen brechen,
Will ich bezähmen mich;
Das Unrecht will ich dulden,
Dem N ä c h s t e n
(meine Mutter sang dieses Wort mit einem tiefen Seufzer)
seine Schulden
Verzeihen gern und williglich.
Dieses war für heute genug am Gemälde meiner Mutter. Dass sie Gedächtniss und, wo nicht ein poetische Puls-, so doch Blutader, wo nicht prasselndes Odenfeuer, so doch eine glühende Kohle vom Altar gehabt, werden meine Leser selbst gefunden haben. Noch einen Zug um die Nase herum, der sich eben bei mir meldet, und es übel nehmen könnte, wenn ich ihn nicht, so spät es auch ist, beherbergen sollte. Meine kreuzbare Mutter war eine so grosse Verehrerin der Reime, dass sie sogar ein Gelübde abgelegt hatte, gewisse Worte nie zu trennen. K e r n und S t e r n , R a t h und T h a t , K i n d und R i n d . H a c k und P a c k , D a c h und F a c h , K n a l l und F a l l u.s.w. waren nach ihrer Meinung Zwillinge, DoppelReime für einander geboren, im Himmel geschlossen wären und durchaus ins Eheband treten müssten, als da sind S t a n k und D a n k , M u n d und P f u n d , G l i m p f und S c h i m p f , N o t h und T o d , K l e i d e r und S c h n e i d e r , S t u d e n t und R e c e n s e n t , S c h e l m und H e l m . – "Was Gott zusammenfügt," pflegte sie zu sagen, "soll der Mensch nicht scheiden. Wer solche Reime trennt, scheidet eine Ehe; und wer einen andern Reim in diese Stelle aufnimmt, heiratet im verbotenen Grade." Sie behauptete, die Reime wären gleichsam die Riemen, durch welche das Gedicht verbunden würde, und muss ich ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie bei ihrem p o e t i s c h e n T r i c h t e r , oder dem i n sechs Stunden einzugiessenden Unterricht zur deutschen dicht- und R e i m k u n s t 1 die Regel gab: trachtet am ersten nach dem Reime der zweiten Reihe, der erste wird euch zufallen, und es wird der Vers wie gegossen sein. –
Jetzt in die Speisekammer auf ein Gericht Eier.
Der Himmel helfe uns ad mala. Es wird für meine Leser und für mich, glaube' ich, das Beste sein. Sollte indessen meinen Lesern das Schälchen, das ich aus gutem Herzen nach nordischer Art zum Willkommen herumreichen lasse, Appetit machen und Promulsis (der erste gang) nicht missfallen, so hoff' ich, caput coenae (die Hauptschüssel) dieses Teils wird auf ein gleiches Glück Hoffnung machen können. Ein Taliarchus, ein Credenzer, Disponent, ein Gläserzähler, ein Taktschläger ist mir bei der Mahlzeit eine unausstehliche Creatur.
Meine Mutter lässt zur Canonisation läuten, die einen ihrer Vorfahren treffen soll. Die Reliquien dieses Candidaten zur Standeserhöhung bestehen in einem Kupferstiche, und obgleich, wenn er nach den neuesten päpstlichen grundsätzen behandelt werden sollte, ihm rechtlich entgegenstände, dass er noch nicht hundert Jahre gestorben, so wird doch bei dieser protestantischen Ceremonie dieser Einwand keine Bedenklichkeit abgeben.
Es war ein Sonnabend – denn dieses war ein Tag, den meine Mutter unter den Tagen, so wie die C unter den Consonanten (alles Widerspruchs des Kandidaten ohne C unerachtet), schätzte. Die C, um aufrichtig zu sein, weil die Letten diesen Buchstaben nicht haben; den Sonnabend, den heiligen Abend, weil sie selbst, im Fall ich mich so ausdrücken darf, ein heiliger Abend – wenn man n u r hinzusetzt, welches einem Sohne nicht zusteht, so haben sie meine Leser in einem zug ganz – also n u r e i n h e i l i g e r A b e n d war. Meiner Mutter gebührte allerdings eine Glorie, allein nur vom Mondschein. – Wegen des Sonnabends muss ich noch bemerken, dass sie von meinem Vater alsdann wegen der Beichtvesper am wenigsten einen Einbruch zu befürchten hatte, und dass der Sonnabend bei allen Priesterweibern dies festus, ein hervorragender Tag ist.
Es war ein Sonnabend, da mich meine Mutter mit dem ersten Verse des Liedes:
Freu dich sehr, o meine Seele,
Und vergiss all' Angst und Qual –
aufsang und nach dessen Vollendung mich also anredete: "Ich weiss, dass dieses Lied einem armen Sünder zugeschrieben wird, der in Hamburg wegen begangener Notzüchtigung eines neunjährigen Mädchens entauptet worden. Allein ausserdem, dass dieser arme Sünder Doctor in der Medicin gewesen, so glaube' ich auch die ganze Armensündergeschichte nicht. Es ist vielmehr dieses Lied eine M e s s e r s p i t z e von den geistlichen Liedern des Simon G r a f , die er unter dem schönen Titel: G e i s t l i c h e s e d l e s H e