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Teodor Gottlieb von Hippel

Lebensläufe nach aufsteigender Linie

nebst Beilagen A, B, C.

Erster teil.

IchHalt! – Ein SchlagbaumGutwohlrecht wohlEin wachhabender Officier! – wieder einer mit einem Achselbande zu Pferdezu Fussvon der Leibgardevon der Garde der gelehrten Republikich ehr' Ihre Uniform, meine Herren, und damit ich Sie der Mühe überhebe, mir die üblichen Fragstücke vorzulegen, mögen Sie wissen, dass ich, wie der Pass oder Taufschein es ausweiset, ein Schriftsteller in a u f s t e i g e n d e r L i n i e bin. In den folgenden zwei Bändchen, welche ich, wenn Gott Leben und Gesundheit und Lust und Liebe zum Dinge verleihet, künftige Messe zu liefern willens bin, wird mein Lebenslauf, bis zu einer sächsischen Frist vor der Messe, fortgesetzt werden. Im vierten Bändchen werde ich den Lebenslauf meines Vaters, und im fünften den Lebenslauf meines Grossvaters erzählen, auch alles nach Gestalt und gelegenheit der Umstände mit unumstösslichen Urkunden belegen. Dieser Plan soll darum noch mehr Eigenes haben, weil ich den Lebenslauf meines Vaters und Grossvaters B e r g a b erzählen will, da wir jetzt nur B e r g a u f zu gehen gewohnt sind. Ich werde von der Zeit, da mein Vater Pastor in Curland war, anfangen und bei seiner Wiege aufhören, und so soll's auch mit meinem Grossvater werden, der in meiner geschichte eher sterben als geboren werden soll. Wurzeln, Zweige und Blätter haben einerlei Struktur. Begrabe die Zweige in die Erde, und lass die Wurzel in die freie Luft gegen Himmel sehen: es wird ein Baum. Vorderhand sei es meinen Lesern genug in Beziehung auf mich von dem vierten und fünften Bändchen, wobei ich die Beilagen nicht ausschliessen will, zu wissen

HVIC

MONVMENTO

VSTRINVM

APPLICARI

NON LICET

Ich rate zu keiner Justinianischen Uebersetzung dieser Stelle 1. 2. §. 27. Cod. de vet. jur. enucl. κατα

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ποδα, und da Vorrede die Nachrede hindert, mögen

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sich meine Leser wohlbedächtig merken:

δυναμενος

Ο ′ ελειν, δυναται κα` μη

′ ′ ι ` ελειν

welche Stelle sie nach Herzenslust verdolmetschen können.

Es ist die höchste Zeit, dass ich wieder auf mich selbst und auf den D a u m e n , Z e i g e - und M i t t e l f i n g e r dieses Werks zurückkehre. Gibt es nicht, wie es am Tage ist, sogar d e r h e i l i g e n S c h r i f t Spötter? Wie sollt' ich also wohl nach Art jenes Pharisäers mit den Worten an den Altar treten:

’´ν ‘ ~ ´φη) τογε τοιο~τον μεμψαιτο.

Ουδ’ α ο Μωμος (’

ε ′ υ ′

Uebrigens gestehe ich herzlich gern denen Erzählern ein vorzüglicheres Verdienst, sowohl in Absicht des Ellenmasses als der Würde zu, welche bei jedem merkwürdigen Vorfall ausserhalb ihren Grenzen einen Wegweiser aufrichten und ihre Leser zur Nutzanwendung auf Lehre und Trost bringen. Ich werde mich so nehmen, wie ich mich finde. Wer auf eine Schüssel mehr oder Salat, Sardellen, Caviar, Austern und andere Zusätze Leckerbissen und Noten lüstern ist, lasse sich anrichten, was ihm gefällig ist, und tue, was er nicht lassen kann. So lange meine Leser gehen können, will ich ihnen keine Krücke geben; wenn sie selbst eine Dose haben, warum soll ich ihnen mit meinem St. Omer an die Hand gehen (es braucht vielleicht mancher Espagnol, Tonka, Havanna-Rapee), und wenn sie selbst wissen, dass sie Menschen sind, wie sollt' ich sie wohl all' Augenblick mit einem S t e h e W a n d e r e r oder L e s e r pfänden, und ihnen wiederholen, dass sie sterben müssen, auf dass sie klug werden.

Mein Wahlspruch ist: I licet.

So wie aber die Grabmäler der Alten, wo man seit einiger Zeit (einige setzen hinzu "Gott sei gelobt," andere "Gott sei's geklagt") auch in Gott ruhet, nachdem man sich vor diesem scheute der selige L. Annaeus Florus, der wohlselige C. Plinius Caec. Sec., der hochselige M. Tullius Cicero und der höchstselige Marcus Aurelius Antoninus, Armenicus, Particus, Maximus zu sagen.

So wie die Grabstätten der Alten mit den allgemeinen Landstrassen verbunden waren, um den Reisenden anzuhalten, so ist es zwar Regel für mich, den geneigten Leser sich selbst zu überlassen,

coelo tegitur, qui non habet urnam.

Doch wo ist Regel ohne Aber? Was sich ein paar handelnde Personen auf dem Teater unter vier Augen sagen, gehört ohnehin mit zur Handlung, und mir stand es wohl am wenigsten zu, in einer wahren geschichte Leuten das Wort aus dem mund zu nehmen und ihnen ein Stillschweigen aufzulegen.

Gott mit Ihnen, meine Herren, und auch mit meinem kleinen Leopold, der mir eine Sündflut mit dem Tintefass gemacht hat.

Die Mutter will dich

Lass mich hier, lieber Vater

So lass das Tintefass

Ich will auf deine Schulter

Nur nicht ins BuchDer kleine Junge hätte vielleicht ursache, es übel zu nehmen, dass ich die erste Stufe überschreite und nicht von ihm anhebe. Ich könnte freilich bemerken, dass er kein Sanguinolentus