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sich auf Dortchens Entbindung gerüstet, ist nicht zu sagen. Der alte Stilling selbst freuete sich auf einen Enkel, und hoffte noch einmal vor seinem Ende seine alte Wiegenlieder zu singen, und seine Erziehungskunst zu beweisen.

Nun nahte der Tag der Niederkunft heran, und 1740 den 12ten September, Abends um 8 Uhr, wurde Henrich Stilling gebohren. Der Knabe war frisch, gesund und wohl, und seine Mutter wurde gleichfalls, gegen die Weissagungen der Tiefenbacher Sybillen, geschwind wieder besser.

Das Kind wurde in der Florenburger Kirche getauft. Vater Stilling aber, um diesen Tag feierlicher zu machen, richtete ein Mahl an, bei welchem er den Herrn Pastor Stollbein zu sehen wünschte. Er schickte daher seinen Sohn Johann ans Pfarrhaus, und liess den Herrn ersuchen, mit nach Tiefenbach zu gehen, um seinem Mahle beizuwohnen. Johann ging, er tat schon den Hut ab, als er in den Hof kam, um nichts zu versehen; aber leider, wie oft ist alle menschliche Vorsicht unnütz! Es sprang ein grosser Hund hervor; Johann Stilling griff einen Stein, warf, und traf den Hund in eine Seite, dass er abscheulich zu heulen anfing. Der Pastor sah durchs Fenster was passirte; voll von Eifer sprang er heraus, knüpfte dem armen Johann eine Faust vor die Nase; Du lumpigter Flegel! krisch er, ich will dich lernen meinem Hund begegnen! Stilling antwortete: Ich wusste nicht, dass es Ew. Ehrwürden Hund war. Mein Bruder und meine Eltern lassen den Herrn Pastor ersuchen, mit nach Tiefenbach zu gehen, um der Taufmahlzeit beizuwohnen. Der Pastor ging und schwieg still. Doch murrte er aus der Haustür zurück: Wartet, ich will mitgehen. Er wartete fast eine Stunde im Hof, liebkosete den Hund, und das arme Tier war auch wirklich versöhnlicher, als der grosse Gelehrte, der nun aus der Haustüre herausging. Der Mann wandelte mit Zuversicht an seinem Rohrstab. Johann trabte furchtsam hinter ihm mit dem Hut unterm Arm; den Hut aufsetzen war eine gefährliche Sache; denn er hatte in seiner Jugend manche Ohrfeige von dem Pastor bekommen, wenn er ihn nicht früh genug, das ist, so bald er ihn in der Ferne erblickte, abgezogen hatte. Doch aber eine ganze Stunde lang mit blossem Haupt, im September, unter freiem Himmel zu gehen, war doch auch entsetzlich! Daher sann er auf einen Fund wie er füglich seinen Kopf bedecken möchte. Plötzlich fiel der Herr Stollbein zur Erde, dass es platschte. Johann erschrack. Ach! rief er, Herr Pastor, habt ihr euch Schaden getan? Was gehts euch an, Schlingel! war die heldenmütige Antwort dieses Mannes, indem er sich aufrafte. Nun geriet Johanns Feuer in etwas in Flammen, dass er herausfuhr: So freue ich mich denn herzlich, dass ihr gefallen seid, und lächelte noch dazu. Was! Was! rief der Pastor. Aber Johann setzte den Hut auf, liess den Löwen brüllen, ohne sich zu fürchten, und ging. Der Pastor ging auch, und so kamen sie denn endlich nach Tiefenbach.

Der alte Stilling stunde vor der tür, mit blossem Haupt; seine schönen grauen Haare spielten am Mund; er lächelte den Herrn Pastor an, und sagte, indem er ihm die Hand gab: Ich freue mich, dass ich in meinem Alter den Herrn Pastor an meinem Tisch sehen soll; aber ich würde so kühn nicht gewesen sein, wenn meine Freude über einen Enkel nicht so gross wäre. Der Pastor wünschte ihm Glück, doch mit angehängter wohlmeinender Drohung, dass, wenn ihn nicht der Fluch des Eli treffen sollte, er mehr Fleiss auf die Erziehung seiner Kinder anwenden müsste. Der Alte stunde da in seinem Vermögen und lächelte, doch schwieg er stille und führte Seine Ehrwürden in die stube. Ich will doch nicht hoffen, sagte der Herr Pastor, dass ich hier unter dem Schwarm von bauern speisen soll. Vater Stilling antwortete: Hier speisst niemand, als ich und meine Frau und Kinder, ist euch das ein Baurenschwarm? Ei, was anders! antwortete jener. So muss ich euch erinnern, Herr! – versetzte Stilling, dass ihr nichts weniger als ein Diener Christi, sondern ein Pharisäer seid. Er sass bei den Zöllnern und Sündern, und ass mit ihnen. Er war überall klein und niedrig und demütig. Herr Pastor! ... meine grauen Haare richten sich in die Höhe; setzt euch oder geht wieder. Hier pocht etwas, ich möchte mich sonst an eurem Kleide vergreifen, wofür ich doch sonsten Respekt habe ... Hier! Herr! hier vor meinem haus ritt der Fürst vorbei; ich stunde da vor meiner Tür; er kannte mich. Da sagte er: Guten Morgen, Stilling! Ich antwortete: Guten Morgen, Ihr Durchlaucht! Er stieg vom Pferd, er war müde von der Jagd. Hohlt mir einen Stuhl, sprach er, hier will ich ein wenig ruhen. Ich habe eine luftige stube, antwortete ich, gefällt es ihr Durchlaucht in die stube zu gehen, und da bequem zu sitzen? Ja! sagte er. Der Oberjägermeister ging mit hinein. Da sass er, wo ich euch meinen besten Stuhl hingestellt habe. Meine Margrete musste ihm fette Milch einbrocken und ein Butterbrod machen. Wir beiden mussten mit ihm essen, und er versicherte, dass ihm niemalen eine Mahlzeit so gut geschmeckt habe. Wo Reinlichkeit ist, da kann ein