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, und tief in die Erkenntnisse der natur eingedrungen bin, nun würde' es mir leid tun, wenn ich mich umsonst sollte so lange geplagt haben.

"Ihr habt euch gewiss so lange umsonst geplagt, denn ihr habt euch einmal bisher kümmerlich beholfen. Ihr mögt nun so reich werden als ihr wollt, ihr könnt doch das Elend so vieler Jahre nicht in Glückseeligkeit verwandeln; und zudem glaube ich nicht, dass ihr ihn jemals bekommt. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich glaube nicht, dass es einen Stein der Weisen gibt."

Ich kann euch beweisen, dass es einen Stein der Weisen gibt. Ein gewisser Doktor Helvetius im Haag, hat ein klein Büchlein geschrieben, das güldne Kalb genannt; darin ist es deutlich bewiesen, so dass niemand, auch der grösste Ungläubige, wenn er's lieset, nicht mehr zweifeln kann. Ob ich denselben aber bekommen werde, das ist eine andere Frage. Warum nicht eben sowohl als ein anderer? da er ein freies Geschenk Gottes ist.

"Wenn euch Gott den Stein der Weisen schenken wollte, ihr hättet ihn schon lange! Warum sollte er ihn euch so lange vorentalten? Zudem ist's ja nicht nötig, dass ihr ihn habt; wie viel Menschen leben ohne den Stein der Weisen!"

Das ist wahr; aber wir sollen uns so glücklich machen, als wir können.

"Ein dreissigjährig Elend ist gewiss kein Glück; aber nehmt mir nicht übel (er schüttelte ihm die Hand), ich habe, so lang ich lebe, keinen Mangel gehabt, bin gesund gewesen und alt geworden, meine Kinder hab' ich erzogen, lernen lassen, und ordentlich gekleidet. Ich bin recht vergnügt, und also glücklich. Man konnte mir den Stein der Weisen nicht schenken."

"Aber hört, Mitvater! ihr singt recht gut, und schreibt schön; werdet Schulmeister hier im dorf! Friederiken könnt ihr vermieten. Da hab' ich noch eine Kleiderkammer, darein will ich ein Bett stellen, so könnt ihr bei mir wohnen, und also immer bei euren Kindern sein."

Euer Anerbieten, Mitvater, ist sehr gut; ich werde' es auch annehmen, wenn ich nur noch einen Versuch werde gemacht haben.

"Macht keine probe mehr, Mitvater! sie wird euch gewiss fehlen. Aber lasst uns von etwas anders reden. Ich bin ein so grosser Liebhaber von der Sternwissenschaft; kennt ihr auch wohl den Sirius im grossen Hund?"

Ich bin eben kein Sternkundiger, doch aber kenn ich ihn.

"Er steht gemeiniglich des Abends gegen Mittag. Er flammt so grünrötlich. Wie weit mag der wohl von der Erde sein? Sie sagen, er soll wohl noch viel höher sein als die Sonne."

O! wohl tausendmal höher!

"Wie ist das möglich? Ich bin so ein Liebhaber von den Sternen. Ich mein' immer, ich war schon dabei wenn ich sie besehe. Aber kennt ihr auch den Wagen und den Pflug?"

Ja, man hat sie mir wohl gewiesen.

"O welch ein wunderbarer Gott."

Margrete Stillings hörte dieses Gespräch; sie kam und setzte sich bei ihrem Mann. Ach Ebert! sagte sie, ich kann wohl an einer Blume sehe'n, dass Gott wunderbar ist. Lasst uns die begreifen lernen! Wir wohnen bei dem Gras und den Blumen; die lasst uns hier bewundern; wann wir im Himmel sind, dann wollen wir die Sterne betrachten.

Das ist recht, sagte Moriz, es sind so viele Wunder in der natur; wenn wir die recht betrachten, so können wir die Weisheit Gottes wohl kennen lernen. Doch ein jeder hat so etwas, wozu er besonders Lust hat.

So vertrieben die Hochzeitgäste den Tag. Wilhelm Stilling und seine Braut verfügten sich auch nach haus, und fingen ihren Ehestand an; wovon ich im folgenden Capitel mehreres werde sagen.

Stillings Töchter aber sassen in der Dämmerung unter dem Kirschbaum und sungen folgendes schöne weltliche Liedlein:

Es ritt ein Ritter wohl über's Feld.

Er hatte kein'n Freund, kein Gut, kein Geld.

Sein Schwesterlein war hübsch und fein.

"Ach Schwesterlein! ich sage dir Adie.

Ich sehe dich ja nimmermehr.

Ich reite weg, in ein fremdes Land.

Reich du mir deine weisse Hand!"

Adie! Adie! Adie!

Ich sah, mein schönstes Brüderlein,

Ein buntig, artig Vögelein.

Es hüpfte im Wacholderbaum.

Ich warfs mit meinem Ringelein,

Es nahm ihn in sein Schnäbelein

Und flog weg in den wald fort;

Mein Ringelein war ewig fort.

Adie! Adie! Adie!

"Schliess du dein Schloss wohl feste zu,

Halt dich fein still in guter Ruh.

Lass niemand in dein Kämmerlein!

Der Ritter mit dem schwarzen Pferd

Hat dich zumalen lieb und wert.

Nimm dich vor ihm gar wohl in Acht!

Mannich Mägdlein hat er zu Fall gebracht."

Adie! Adie! Adie!

Das Mägdlein weinte bitterlich,

Der Bruder sah noch hinter sich,

Und grüsste sie noch einmal schön.

Da ging sie in ihr Kämmerlein,

Und konnte da nicht frölich sein.

Den Ritter mit dem schwarzen Pferd.

Hätt' sie vor allem lieb und wert.

Adie! Adie! Adie!

Der Ritter mit dem schwarzen Ross

Hätt' Güter und viel Reichtum gross.

Er kame zum Jungfräulein zart.

Er kame oft um Mitternacht

Und ginge wann der Tag anbrach.