1777_Jung_Stilling_123_5.txt

gegen die Wand fuhr und in tausend Stücken sprang. Wilhelm aber war schon in der stube, griff seinen Schwiegervater an der Hand, und führte ihn mit solchem Ernst aus der stube, gleich als wenn er der Junker selbst gewesen wäre; sagte aber niemand etwas, sondern schwieg ganz still. Der Jäger und die Knechte drohten, hielten bald hie, bald da; allein Wilhelm, der desto stärker in den Armen war, je schwächer seine Füsse waren, sah und hörte nicht, schwieg immer still und arbeitete nur Morizen los. Wo er an seinem Rock eine zugeklemmte Hand fand, die brach er auf, und so brachte er ihn vor die Tür. Johann Stilling aber redete mit den Jägern und den Knechten, und seine Worte waren lauter Messer für sie; denn ein jeder wusste, wie hoch er bei dem Junker angeschrieben stunde, und wie oft er mit ihm zu Abend speisen musste. Die Sache lief am Ende dahin aus, dass der Jäger bei der Wiederkunft des Junkers abgesetzt, Morizen aber zwanzig Taler für seine Schmerzen ausgezahlt wurden. Was ihnen noch schneller durchhalf, war, dass der ganze Platz vor dem haus voller bauern stand, welche Tobak rauchten, und sich mit dem Zusehn belustigten; und wo es nur darauf ankam, dass einer unter ihnen die Frage aufwarf, ob nicht durch diesen Vorfall Eingriff in ihre Freiheit geschehen sei? Plötzlich würden hundert Fäuste bereit gewesen sein, ihre christliche Liebe gegen Morizen auf dem Nacken Jostens und seiner gefährten zu beweisen. Auch war der Wirt eine feige Memme, der oft Ohrfeigen von seiner Frau verschlukken musste; und endlich muss ich noch hinzufügen, der alte Stilling und seine Söhne hatten sich durch ihre ernste und abgesonderte Aufführung eine solche Hochachtung erworben, dass fast niemand das Herz hatte in ihrer Gegenwart nur zu scherzen; wozu noch kommt, was ich oben schon berührt, dass Johann Stilling bei dem Junker in grosser Gnade stand. Nun wieder zur geschichte.

Der alte Moriz wurde in wenig Tagen wieder besser, und man vergass diese verdriessliche Sache um so eher, weil man sich mit viel vergnügteren Dingen beschäftigte, nämlich mit den Zurüstungen zur Hochzeit, welche der alte Stilling und seine Margrete ein- für allemal in ihrem haus haben wollten. Sie mästeten ein paar Hüner zu Suppen; und ein fettes Milchkalb wurde dazu bestimmt, auf grossen irdenen Schüsseln gebraten zu werden; gebackene Pflaumen die Menge, und Reis zu Breien, nebst Rosinen und Corinten in die Hünersuppen, wurden im Ueberfluss angeschafft. Der alte Stilling hat sich wohl verlauten lassen, dass ihn diese Hochzeit, nur allein an speisen und Victualien bei zehn Reichstaler gekostet habe. Dem sei aber wie ihm wolle, alles war doch aufgeräumt. Wilhelm hatte vor der Zeit die Schule ausgesetzt; denn in solchen zeiten ist man zu keinem Berufsgeschäfte aufgelegt. Auch brauchte er die Tage notwendig, seiner Braut und Schwestern neue Kleider auf die Hochzeit zu machen, und sonst mancherlei zu handtieren. Stillings Töchter verlangten ebenfalls. Sie probirten öfters ihre neue Wämser und Röcke von feinem schwarzen Tuch; die Zeit wurde' ihnen Jahre lang, biss sie sie einmal einen ganzen Tag anhaben könnten.

Endlich brach dann der längst gewünschte Donnerstag an. Alles war den Morgen vor der Sonne in Stillings haus wacker; nur der Alte, der den Abend vorher spät aus dem Wald gekommen war, schlief ruhig bis es Zeit war, mit den Brautleuten zur Kirche zu gehen. Nun ging man in geziemender Ordnung nach Florenburg, wo die Braut mit ihrem Gefolge schon angekommen war. Die Copulation ging ohne Widerspruch vor sich, und alle zusammen verfügten sich nun nach Tiefenbach zum Hochzeitmale. Zwei lange Bretter waren in der Stuben neben einander auf hölzerne Böcke gelegt, anstatt des Tisches; Margrete hatte ihre feinste Tischtücher drüber gespreitet, und nun wurden die speisen aufgetragen. Die Löffel waren von Ahornholz, schön glatt, mit ausgestochenen Rosen, Blumen und Laubwerk gearbeitet. Die Zulegmesser hatten schöne gelbe hölzerne Stiele; so waren auch die Teller schön rund und glatt vom härtesten weissen Buchenholz gedrechselt. Das Bier schäumte in weissen steinernen Krügen mit blauen Blumen. Doch stellte Margrete auch einem jeden frei, anstatt des Biers von ihrem angenehmen Birnmost zu trinken, wenn jemand dazu Belieben tragen möchte.

Nachdem alle zur Gnüge gegessen und getrunken hatten, so wurden vernünftige gespräche angestellt. Wilhelm aber und seine Braut wollten lieber allein sein und reden; sie gingen daher tief in den Wald hinein. Mit der Entfernung von den Menschen wuchs ihre Liebe. Ach, wären keine Bedürfnisse des Lebens! keine Kälte, Frost und Nässe, was würde diesem Paar an einer irdischen Seeligkeit gemangelt haben? Die beiden alten Väter, die sich indessen mit einem Krug Bier allein gesetzt hatten, verfielen in ein ernstes Gespräch. Stilling redete also:

"Herr Mitvater, mir hat immer gedäucht, ihr hättet besser getan, wann ihr euch an das Laboriren gar nicht gekehrt hättet."

Warum, Mitvater?

"Wenn ihr eure Uhrmacherei beständig getrieben hättet, so hättet ihr reichlich euer Brod erwerben können; nun aber hat euch eure Arbeit nichts geholfen, und dasjenige, was ihr hattet, ist noch dazu drauf gegangen."

Ihr habt Recht und auch Unrecht. Wenn ich gewusst hätte, dass dreissig bis vierzig Jahr hingehen würden, eh ich den Stein der Weisen würde gefunden haben, so hätte ich mich freilich bedacht, ehe ich angefangen hätte. Nun aber, da ich durch die lange Erfahrung etwas gelernt habe