Prediger; ich wäre wohl willens seine jüngste Tochter zu heuraten; wenn ihr beide Eltern es zufrieden seid, so wird sich keine Hinderniss mehr finden. Wilhelm, antwortete der Vater, du bist drei und zwanzig Jahr alt; ich habe dich lehren lassen, du hast erkenntnis genug, kannst dir aber in der Welt nicht selber helfen, denn du hast gebrechliche Füsse; das Mädchen ist arm, und zur schweren Arbeit nicht angeführt; was hast du für Gedanken dich ins künftige zu ernähren? Der Schulmeister antwortete: Ich will mit meiner Handtierung mich wohl durchbringen, und mich im übrigen ganz an die göttliche Vorsorge übergeben; die wird mich und meine Dorte eben sowohl nähren, als alle Vögel des himmels. Was sagst du Margret? sprach der Alte. – Hm! was sollt ich sagen, versetzte sie: weisst du noch, was ich dir zur Antwort gab, in unsern Brauttagen? Lass uns Wilhelmen mit seiner Frau bei uns nehmen, er kann sein Handwerk treiben. Dortee soll mir und meinen Töchtern helfen, so viel sie kann. Sie lernt noch immer etwas, denn sie ist noch jung. Sie können mit uns an den Tisch gehen; was er verdient, das gibt er uns, und wir versorgen dann beide mit dem Nötigen: so gehts, mein' ich, am besten. Wenn du meinst, erwiderte der Vater, so mag er das Mädchen holen. Wilhelm! Wilhelm! denke was du tust, es ist nichts geringes. Der Gott deiner Väter segne dich mit allem, was dir und deinem Mädchen nötig ist. Wilhelmen stunden die Tränen in den Augen. Er schüttelte Vater und Mutter die Hand, versprach ihnen alle Treue, und ging zu Bette. Und nachdem der alte Stilling sein Abendlied gesungen, die Tür mit dem hölzernen Wirbel zugeklemmt, Margrete aber nach den Kühen gesehen hatte, ob sie alle lägen und wiederkäueten, so gingen sie auch schlafen.
Wilhelm kam auf seine kammer, an welcher nur ein Laden war, der aber eben so genau nicht schloss, dass nicht so viel Tag hätte durchschimmern können um zu wissen, ob man aufstehen müsse. Dieses Fenster war noch offen, daher trat er an dasselbe, es sah gerade gegen den Wald hin, alles war in tiefer Stille, nur zwo Nachtigallen sangen wechselsweise auf das allerlieblichste. Dieses war Wilhelmen öfters ein Wink gewesen. Er sank an der Wand nieder. O Gott! seufzte er, dir dank ich, dass du mir solche Eltern gegeben hast! O lass sie Freude an mir sehen! Lass mich ihnen nicht zur Last sein! Dir dank ich, dass du mir eine tugendhafte Frau giebst! O segne mich! – Tränen und Empfindungen hemmten ihm die Sprache, und da redete sein Herz unaussprechliche Worte, welche nur die Seelen empfinden und kennen, die sich in gleicher Lage befunden haben.
Nie hat jemand sanfter geschlafen als der Schulmeister. Sein inniges Vergnügen weckte ihn des Morgens früher als sonst. Er stunde auf, ging heraus in den Wald, und erneuerte alle seine heilige Vorsätze die er je in seinem Leben sich vorgenommen hatte. Um sieben Uhr ging er wieder nach Haus, und ass mit seinen Eltern und Schwestern die süsse Milchsuppe, und ein Butterbrod. Nachdem sich nun der Vater zuerst, hernach auch der Sohn den Bart abgemacht, die Mutter aber mit den Töchtern sich beratschlaget, wer unter ihnen zu haus bleiben, und wer in die Kirche gehen sollte, so zog man sich an. Dieses alles war in einer halben Stunde geschehen; sodann gingen die Töchter vor, darnach Wilhelm, und zu hinterst der Vater mit seinem dicken Dornenstocke. Wenn der alte Stilling mit seinen Kindern ausging, so mussten sie allemal vor ihm gehen, damit er, wie er zu sagen pflegte, den gang und die Sitten seiner Kinder sehen und sie zur Ehrbarkeit anführen könnte.
Nach der Predigt ging Wilhelm wieder nach Lichtausen, wo er Schulmeister war, und wo auch sein älterer verheirateter Bruder, Johann Stilling, wohnte. In einem andern Nachbarhause hatte der alte Pastor Moriz mit seinen zwo Töchtern ein paar Kammern gemietet, in welchen er sich aufhielte. Nachdem nun den Nachmittag Wilhelm seinen Bauern eine Predigt in der Capelle vorgelesen, und mit ihnen nach altem Brauch ein Lied gesungen, so eilte er, so geschwind als es nur seine gebrechliche Füsse zulassen wollten, nach Herr Morizen. Der alte Mann sass eben vor seinem Clavier, und spielte ein geistlich Lied. Sein Schlafrock war sehr reinlich, und schön gewaschen, nirgend sah man einen Riss, aber wohl hundert Lappen. Neben ihm auf einer Kiste sass Dorote, ein Mädchen von zwei und zwanzig Jahren, ebenfalls sehr reinlich, aber ärmlich, angezogen, die gar anmutig das Lied zu ihres Vaters Melodie sang. Sie winkte ihrem Wilhelm heiterlächelnd. Er setzte sich bei sie und sang mit ihr aus ihrem Buch. Sobald das Lied zu Ende war, grüsste der Pastor Wilhelmen und sagte: Schulmeister, ich bin nie vergnügter, als wenn ich spiele und singe. Wie ich noch Prediger war, da liess ich manchmal lange singen, weil unter so viel vereinigten Stimmen das Herz weit über alles Irdische sich wegschwingt. Doch ich muss etwas anders mit euch reden. Mein Dortchen hat mir gestern Abend herausgestammelt, dass es euch lieb habe; ich bin aber arm; was sagen eure Eltern? Sie sind mit allem herzlich wohl zufrieden, antwortete Wilhelm. Dortchen drungen Tränen aus ihren