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, ich blieb vom Dach, kann ich nicht heute oder morgen da in der Strassen einen Karren Holz losbinden wollen, drauf steigen, straucheln und den Hals abstürzen? Margrete! lass mich in Ruh; ich werde so ganz grade fortgehen, wie ich bis dahin gegangen bin; wo mich dann mein Stündchen überrascht, da werde ichs willkommen heissen."

Margrete und Mariechen sagten noch ein und das andere, aber er achtete nicht drauf, sondern redete mit Henrichen von allerhand die Dachdeckerei betreffenden Sachen; daher sie sich zufrieden gaben und sich das Ding aus dem Sinne schlugen.

Des andern Morgens stunden sie frühe auf, und der alte Stilling fing an, während dass er ein Morgenlied sang, das alte Stroh loszubinden und abzuwerfen, womit er denn diesen Tag auch hübsch fertig wurde; so dass sie des folgenden Tages schon anfingen das Dach mit neuem Stroh zu belegen; mit einem Wort, das Dach ward fertig, ohne die mindeste Gefahr oder Schreck dabei gehabt zu haben; ausser dass es noch einmal bestiegen werden muste, um starke und frische Rasen oben über den First zu legen. Doch damit eilte der alte Stilling so sehr nicht; es gingen wohl noch acht Tage über, eh es ihm einfiel dies letzte Stück Arbeit zu verrichten.

Des folgenden Mittwochs Morgens stunde Eberhard ungewöhnlich früh auf, ging im haus umher von einer kammer zur andern, als wenn er was suchte. Seine Leute verwunderten sich, fragten ihn, was er suche? Nichts, sagte er. "Ich weiss nicht, ich bin so wohl, doch hab ich keine Ruhe, ich kann nirgend still sein, als wenn etwas in mir wäre, das mich triebe, auch spür ich so eine Bangigkeit, die ich nicht kenne. Margrete riet ihm, er sollte sich anziehen und mit Henrichen nacher Lichtausen gehen, seinen Sohn, Johann, zu besuchen. Er war damit zufrieden; doch wollte er zuerst die Rasen oben auf den Hausfirst legen, und dann des andern Tages seinen Sohn besuchen. Dieser Gedanke war seiner Frauen und Tochter sehr zuwider. Des Mittags über Tisch ermahnten sie ihn wieder ernstlich vom Dach zu bleiben; selbst Henrich bat ihn jemand vor Lohn zu kriegen, der vollends mit der Deckerei ein Ende mache. Allein der vortrefliche Greiss lächelte mit einer unumschränkten Gewalt um sich her; Ein Lächeln, das so manchem Menschen das Herz geraubt und Ehrfurcht eingeprägt hatte! Dabei sagte er aber kein Wort. Ein Mann, der mit einem beständig guten Gewissen alt geworden, sich vieler guten Handlungen bewust ist, und von Jugend auf sich an einen freien Umgang mit Gott und seinem Erlöser gewöhnt hat, gelangt zu einer Grösse und Freiheit, die nie der grösste Eroberer erreicht hat. Die ganze Antwort Stillings auf diese, gewiss treugemeinte Ermahnungen der Seinigen, bestund darin: Er wollte da auf den Kirschbaum steigen, und sich noch einmal recht satt Kirschen essen. Es war nämlich ein Baum, der hinten im Hof stunde, und sehr spät, aber desto vortrefflichere Früchte trug. Seine Frau und Tochter verwunderten sich über diesen Einfall, denn er war wohl in zehen Jahren auf keinem Baum gewesen. Nun dann! sagte Margrete, du must nun vor diese Zeit in die Höh, es mag kosten was es wolle. Eberhard lachte und antwortete: Je höher, je näher zum Himmel! Damit ging er zur Tür hinaus, und Henrich hinter ihm her auf den Kirschbaum zu. Er fasste den Baum in seine arme und die Knie, und kletterte hinauf bis oben hin, setzte sich in eine Furke des Baums, fing an, ass Kirschen, und warf Henrichen zuweilen ein Aestchen herab. Margrete und Mariechen kamen ebenfalls. Halt! sagte die ehrliche Frau, heb mich ein wenig Mariechen, dass ich nur die unterste Aeste fassen kann, ich muss da probieren, ob ich auch noch hinauf kann. Es geriet, sie kam hinauf. Stilling sah herab und lachte herzlich, und sagte, das heisst recht verjüngt werden, wie die Adler. Da sassen beide ehrliche alte Grauköpfe in den Aesten des Kirschbaumes, und genossen noch einmal zusammen die süssen Früchte ihrer Jugend; besonders war Stilling aufgeräumt. Margrete stieg wieder herab und ging mit Mariechen in den Garten, der eine ziemliche Strecke unterhalb dem Dorf war. Eine Stunde hernach stieg auch Eberhard herab, ging und hatte einen Haken, um Rasen damit abzuschälen. Er ging des Endes oben ans Ende des Hofs an den Wald; Henrich blieb gegen dem haus über unter dem Kirschbaum sitzen; endlich kam Eberhard wieder, hatte einen grossen Rasen um den Kopf hangen, bückte sich zu Henrichen, sah ganz ernstaft aus und sagte: Sieh, welch eine Schlafkappe! – Henrich fuhr in einander, und ein Schauer ging ihm durch die Seele. Er hat mir hernach wohl gestanden, dass dieses einen unvergesslichen Eindruck auf ihn gemacht habe.

Indessen stieg Vater Stilling mit dem Rasen das Dach hinauf. Henrich schnitzelte an einem Hölzchen; indem er darauf sah, hörte er ein Gepolter; er sah hin, vor seinen Augen war es schwarz wie die NachtLang hingestreckt lag da der teure liebe Mann unter der Last von Leitern, seine hände vor der Brust gefalten; die Augen starrten, die Zähne klapperten und alle Glieder bebten, wie ein Mensch im starken Frost. Henrich warf eiligst die Leitern von ihm, streckte die arme aus, und lief wie ein Rasender das Dorf hinab und erfüllte das ganze Tal mit Zeter