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. (Hier liefen dem guten Stilling die Tränen häufig die Wangen herunter, Mariechen und Henrichen auch.) Aus der Tür dieses Schlosses kam jemand heraus, auf mich zu, wie eine Jungfrau. Ach! ein herrlicher Engel! – Wie sie nah bei mir war, ach Gott! da war es unser seliges Dortchen! (Nun schluchsten sie alle drei, keins konnte etwas reden, nur Henrich rief und heulte: O meine Mutter! meine liebe Mutter!) – Sie sagte gegen mich so freundlich, eben mit der Mine die mir ehemal so oft das Herz stahl: Vater, dort ist unsere ewige wohnung, ihr kommt bald zu uns. – Ich sah, und siehe alles war Wald vor mir; das herrliche Gesicht war weg. Kinder, ich sterbe bald; wie freu ich mich drauf! Henrich konnte nicht aufhören zu fragen, wie seine Mutter ausgesehen, was sie angehabt, und so weiter. Alle drei verrichteten den Tag durch ihre Arbeit, und sprachen beständig von dieser geschichte. Der alte Stilling aber war von der Zeit an, wie einer der in der Fremde und nicht zu haus ist.

Ein altes Herkommen, dessen ich (wie vieler andern) noch nicht erwähnt, war; dass Vater Stilling alle Jahr selbsten ein Stück seines Hausdaches, das Stroh war, eigenhändig decken muste. Das hatte er nun schon acht und vierzig Jahr getan, und diesen Sommer sollt es wieder geschehen. Er richtete es so ein, dass er alle Jahr so viel davon neu deckte, so weit das Roggenstroh reichte, das er für dies Jahr gezogen hatte.

Die Zeit des Dachdeckens fiel gegen Michaelstag, und rückte nun mit Macht heran; so dass Vater Stilling anfing darauf zu Werk zu legen. Henrich war dazu bestimmt ihm zur Hand zu langen, und also wurde die lateinische Schule auf acht Tage ausgesetzt. Margrete und Mariechen hielten täglich in der Küche geheimen Rat, über die bequemsten Mittel wodurch er vom Dachdecken zurückgehalten werden möchte. Sie beschlossen endlich beide, ihm ernstliche Vorstellungen zu tun, und ihn vor Gefahr zu warnen; sie hatten die Zeit während dem Mittagessen dazu bestimmt.

Margrete brachte also eine Schüssel Muss, und auf derselben vier Stücke Fleisches, die so gelegt waren, dass ein jedes just vor den zu stehen kam, für den es bestimmt war. Hinter ihr her kam Mariechen mit einem Kumpen voll gebrockter Milch. Beide setzten ihre Schüsseln auf den Tisch, an welchem Vater Stilling und Henrich schon an ihrem Ort sassen, und mit wichtiger Mine von ihrer nun Morgen anzufangenden Dachdeckerei redeten. Denn, im Vertrauen gesagt, wie sehr auch Henrich auf Studieren, Wissenschaften und Bücher verpicht sein mochte, so war es ihm doch eine weit grössere Freude, in Gesellschaft seines Grossvaters, zuweilen entweder im Wald, auf dem Feld oder gar auf dem Hausdach zu klettern; denn dieses war nun schon das dritte Jahr, dass er seinem Grossvater als Diakonus bei dieser jährlichen Solennität beigestanden. Es ist also leicht zu denken, dass der Junge herzlich verdrüsslich werden muste, als er Margretens und Mariechens Absichten zu begreifen anfieng.

Ich weiss nicht, Ebert, sagte Margrete, indem sie ihre linke Hand auf seine Schultern legte, du fängst mir so an zu verfallen. Spürst du nichts in deiner natur?

"Man wird als alle Tage älter, Margrete."

O Herr ja! Ja freilich, alt und steif.

Ja wohl, versetzte Mariechen und seufzte.

Mein Grossvater ist noch recht stark vor sein Alter, sagte Henrich.

"Ja wohl, Junge, antworte der Alte. Ich wollte noch wohl in die Wette mit dir die Leiter nauf laufen."

Henrich lachte hart. Margrete sah wohl, dass sie auf dieser Seite die Vestung nicht überrumpeln würde; daher suchte sie einen andern Weg.

Ach ja, sagte sie, es ist eine besondere Gnade, so gesund in seinem Alter zu sein; du bist, glaube ich, nie in deinem Leben krank gewesen, Ebert?

"In meinem Leben nicht, ich weiss nicht was Krankheit ist; denn an den Pocken und Röteln bin ich herumgegangen."

Ich glaube doch, Vater! versetzte Mariechen, ihr seid wohl verschiedene malen vom Fallen krank gewesen; denn ihr habt uns wohl erzählet, dass ihr oft gefährlich gefallen seid.

"Ja, ich bin dreimal tödtlich gefallen."

Und das viertemal, fuhr Margrete fort, wirst du dich tot fallen, mir ahnt es. Du hast letztin im Wald das Gesicht gesehen; und eine Nachbarinn hat mich kürzlich gewarnt und gebeten, dich nicht aufs Dach zu lassen; denn sie sagte, sie hätte des Abends, wie sie die Küh gemolken, ein Poltern und klägliches Jammern neben unserm haus im Wege gehört. Ich bitte dich, Ebert! tu mir den Gefallen, und lass jemand anders das Haus decken, du hasts ja nicht nötig.

"Margrete! – kann ich, oder jemand anders denn nicht in der Strasse ein ander Unglück bekommen? Ich hab das Gesicht gesehen, ja, das ist wahr! – unsere Nachbarin kann auch diese Vorgeschicht gehört haben; Ist dieses gewiss? wird dann derjenige dem entlaufen, was Gott über ihn beschlossen hat? Hat er beschlossen, dass ich meinen Lauf hier in der Strasse endigen soll, werde ich, armer Dummkopf von Menschen! das wohl vermeiden können? und gar wenn ich mich tot fallen soll, wie werde ich mich hüten können? Gesetzt