1777_Jung_Stilling_123_25.txt

um sie herum und schrie dreimal Schuhuhuhu. Joringel konnte sich nicht regen; er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuss regen. Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem Strauch hervor, gelb und mager, grosse rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze an's Kinn reichte. Sie murmelte und fing die Nachtigal, trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigal war fort; endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer stimme: Grüss' dich Zachiel! wenn es Möndel ins Körbel scheint, bind los Zachiel zu guter stunde! Da wurde Joringel los; er fiel vor dem Weib auf die Knie, und bat, sie möchte ihm seine Jorinde wieder geben; aber sie sagte, er sollte sie nie wieder haben und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. Nu! was soll mir geschehn? Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütet er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloss herum, aber nicht zu nahe dabei; endlich träumte er einmal des Nachts, er fänd eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne grosse Perle war; die Blume bräch er ab, ging damit zum schloss; alles was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder bekommen. Des Morgens als er erwachte, fing er an durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein grosser Tautropfe, so gross wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloss. Nu! es war mir gut! Wie er auf hundert Schritt nahe bei's Schloss kam, da wurde er nicht fest, sondern ging fort, bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume und sie sprang auf; er ging hinein, durch den Hof, horchte wo er die vielen Vögel vernähm. Endlich hört er's; er ging und fand den Saal; darauf war die Zauberinn, fütterte die Vögel in den sieben tausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie, und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viel hundert Nachtigallen; wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, merkt er, dass die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel nimmt und damit nach der tür geht. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume, und auch das alte Weib; nun konnte sie nichts mehr zaubern; und Jorinde stunde da, hatte ihn um den Hals gefasst, so schön als sie ehemals war. Da machte er auch all die andern Vögel wieder zu Jungfern, und da ging er mit seiner Jorinde nach haus, und lebten lange vergnügt zusammen."

Henrich sass wie versteinert, seine Augen starrten grad aus, und der Mund war halb offen. Baase! sagte er endlich, das könnt einem des Nachts bang machen. Ja, sagte sie, ich erzähls auch des Nachts nicht, sonst werde ich selber bang. Indem sie so sassen, pfif Vater Stilling. Mariechen und Henrich antworteten mit einem He! He! Nicht lange hernach kam er; er sah munter und fröhlich aus, als wenn er etwas gefunden hätte; lächelte wohl zuweilen, stand, schüttelte den Kopf, sah auf eine Stelle, faltete die hände, lächelte wieder. Mariechen und Henrich sahen ihn mit Verwunderung an; doch durften sie ihn nicht fragen; denn er täts wohl oft so, dass er vor sich allein lachte. Doch Stillingen war das Herz zu voll; er setzte sich zu ihnen nieder und erzählte; wie er anfing so stunden ihm die Augen voll wasser. Mariechen und Henrich sahen es, und schon liefen ihnen auch die Augen über.

Wie ich von euch in Wald hinein ging, sah ich weit vor mir ein Licht, eben so als wenn Morgens früh die Sonne aufgeht. Ich verwunderte mich sehr. Ei! dachte ich, dort steht ja die Sonne am Himmel; ist das denn eine neue Sonne? Das muss ja was wunderlichs sein, das muss ich sehen. Ich ging drauf an; wie ich vorn hin kam, siehe da war vor mir eine Ebne, die ich mit meinen Augen nicht übersehen konnte. Ich hab mein lebtag so herrlichs nicht gesehen; so ein schöner Geruch, so eine kühle Luft kam da'rüber her, ich kanns euch nicht sagen. Es war so weiss Licht durch die ganze Gegend, der Tag mit der Sonne ist Nacht dagegen. Da standen viel tausend prächtige Schlösser, eins nah beim andern. Schlösser! – ich kanns euch nicht beschreiben! als wenn sie von lauter Silber wären. Da waren Gärten, Büsche, Bäche. O Gott wie schön! – Nicht weit von mir stand ein grosses herrliches Schloss