muss ich doch sterben; da freu ich mich nun drauf, wie ich bald werde von hinnen reisen. Lasst mich stolz drauf sein, wie ein ehrlicher Mann mitten unter meinen grossgezogenen frommen Kindern zu sterben. Wenn ichs so recht bedenk', bin ich munterer als wie ich mit Margreten Hochzeit machte.
"Man geht so mit Strümpf und Schuh nicht in Himmel!" sagte der Pastor.
Die wird mein Grossvater auch ausziehen, eh er stirbt, sagte der kleine Henrich.
Ein jeder lachte, selbst Stollbein muste lachen.
Margrete machte der überlegung ein Ende. Sie schlug vor, sie wollte Morgens den Jungen satt füttern, ihm alsdenn ein Butterbrod für den Mittag in die tasche geben, des Abends könnte er sich wieder daheim satt essen; und so kann der Junge Morgens früh nach Florenburg in die Schule gehen, sagte sie, und des Abends wieder kommen. Der Sommer ist ja vor der Tür; den Winter sieht man wie man's macht.
Nun war es fertig. Stollbein ging nach haus.
Zu dieser Zeit ging eine grosse Veränderung in Stillings haus vor, die drei ältesten Töchter heurateten auswärts, und also machte Eberhard und seine Margrete, Wilhelm, Mariechen und Henrich die ganze Familie aus. Eberhard beschloss auch nunmehr sein Kohlbrennen aufzugeben, und bloss seiner Feldarbeit zu warten.
Die Tiefenbacher Dorfschule wurde vacant, und ein
jeder Bauer hatte Wilhelm Stilling im Auge ihn zum Schulmeister zu wählen. Man trug ihm die Stelle auf; er nahm sie ohne Widerwillen an, ob er sich gleich innerlich ängstigte, dass er mit solchem Leichtsinn sein einsames heiliges Leben verlassen und sich unter die Menschen begeben wollte. Der gute Mann hatte nicht bemerkt, dass ihn nur der Schmerz über Dortchens Tod, der kein ander Gefühl neben sich litt, zum Einsiedler gemacht hatte, und dass er, da dieser erträglicher wurde, wieder Menschen sehen, wieder an einem Geschäfte Vergnügen finden konnte. Er legte sichs ganz anders aus. Er glaubte, jener heilige Trieb fange an bei ihm zu erkalten, und nahm daher mit Furcht und Zittern die Stelle an. Er bekleidete sie mit Treue und Eifer, und fing zuletzt an zu mutmassen, dass es Gott nicht ungefällig sein könnte, wenn er mit seinem Pfund wucherte und seinem nächsten zu dienen suchte.
Nun fing auch unser Henrich an in die lateinische
Schule zu gehen. Man kann sich leicht vorstellen, was er für ein aufsehen unter den andern Schulknaben machte. Er war bloss in Stillings Haus und Hof bekannt, und war noch nie unter Menschen gekommen; seine Reden waren immer ungewöhnlich, und wenig Menschen verstunden was er wollte; keine jugendliche Spiele, wornach die Knaben so brünstig sind, rührten ihn, er ging vorbei und sah sie nicht. Der Schulmeister Weiland merkte seinen fähigen Kopf und grossen Fleiss; daher lies er ihn ungeplagt; und da er merkte dass ihm das langweilige Auswendiglernen unmöglich war, so befreite er ihn davon, und wirklich Henrichs Metode Latein zu lernen war für ihn sehr vorteilhaft. Er nahm einen lateinischen Text vor sich, schlug die Worte im Lexicon auf, da fand er dann was jedes für ein teil der Rede sei; suchte ferner die Muster der Abweichungen in der Grammatik u.s.f. Durch diese Metode hatte sein Geist Nahrung in den besten lateinischen Schriftstellern, und die Sprache lernte er hinlänglich schreiben, lesen und verstehen. Was aber sein grösstes Vergnügen ausmachte, war eine kleine Biblioteck des Schulmeisters, die er Freiheit zu brauchen hatte. Sie bestund aus allerhand nützlichen Cöllnischen Schriften; vornemlich: der Reinecke Fuchs mit vortreflichen Holzschnitten, Kaiser Octavianus nebst seinem Weib und Söhnen; eine schöne Historie von den vier Haimons Kindern; Peter und Magelone; die schöne Melusine, und endlich der vortrefliche Hanns Clauert. So bald nun Nachmittags die Schule aus war, so machte er sich auf den Weg nach Tiefenbach und las eine solche Historie unter dem Gehen. Der Weg ging durch grüne Wiesen, Wälder und Gebüsche, Berg auf und ab, und die reine wahre natur um ihn machte die tiefsten feierlichsten Eindrücke in sein offenes freies Herz. Abends kamen dann unsere fünf liebe Leute zusammen; sie speisten, schütteten eins dem andern seine Seele aus, und sonderlich erzählte Henrich seine Historien, woran sich alle, Margrete nicht ausgenommen, ungemein ergötzten. Sogar der ernste pietistische Wilhelm hatte Freude daran, und las sie wohl selbsten Sonntags Nachmittags, wenn er nach dem alten Schloss walfahrtete. Henrich sah ihm denn immer ins Buch wo er las, und wenn bald eine rührende Stelle kam, so jauchzte er in sich selber, und wenn er sah, dass sein Vater dabei empfand, so war seine Freude vollkommen.
Indessen ging doch des jungen Stillings latein lernen vortreflich von statten, wenigstens lateinische Historien zu lesen, zu verstehen, lateinisch zu reden und zu schreiben. Ob das nun genug sei, oder ob mehr erfordert werde, weis ich nicht, Herr Pastor Stollbein wenigstens forderte mehr. Nachdem Henrich ohngefehr ein Jahr in die lateinische Schule gegangen, so fiel es gemeldetem Herrn einmal ein, unsern Studenten zu examiniren. Er sah ihn aus seinem Stubenfenster vor der Schule stehen, er pfif, und Henrich flog zu ihm. Lernst auch brav?
"Ja, Herr Pastor."
Wie viel Verba anomala sind?
"Ich weiss es nicht."
Wie, Flegel, du weist's nicht? Es möchte leicht, ich gäb dir eins auf's Ohr. Sum