1777_Jung_Stilling_123_21.txt

Abends stellten sie die Karren in einen Kreis herum, so dass einer an den andern stiess, die Pferde stellten sie mitten ein, und mein Grossvater mit den Fuhrleuten waren bei ihnen. Wann sie dann gefüttert hatten, so rief er: Zum Gebet, ihr Nachbarn! dann kamen sie alle, und Henrich Stilling betete sehr ernstlich zu Gott. Einer von ihnen hielt die Wache, und die anderen krochen unter ihre Karren an's Trockne, und schliefen. Sie führten aber immer scharf geladen Gewehr und gute Säbel bei sich. Nun trug es sich einmal zu, dass mein Grossvater selbst die Wache hatte; sie lagen im Hessenland auf einer Wiesen, ihrer waren sechs und zwanzig starke Männer. Gegen elf Uhr des Abends hörte er einige Pferde auf der Wiese reiten; er weckte in der Stille alle Fuhrleute und stunde hinter seinem Karren. Henrich Stilling aber lag auf seinen Knien, und betete bei sich selbst ernstlich. Endlich stieg er auf seinen Karren, und sah umher. Es war genug Licht, so, dass der Mond eben untergehen wollte. Da sah er ungefähr zwanzig Männer zu Pferd, wie sie abstiegen und leise auf die Karren losgingen. Er kroch wieder herab, ging unter die Karre, damit sie ihn nicht sähen; gab aber wohl Acht was sie anfingen. Die Räuber gingen rund um die Wagenburg herum, und als sie keinen Eingang fanden, fingen sie an, an einem Karren zu ziehen. Stilling, sobald er das sah, rief: im Namen Gottes schiesst! Ein jeder von den Fuhrleuten hatte den Hahnen aufgezogen und schossen unter den Karren heraus, so dass der Räuber sofort sechse niedersunken; die andern Räuber erschracken, zogen sich ein wenig zurück und redeten zusammen. Die Fuhrleute luden wieder ihre Flinten; nun sagte Stilling, gebt Acht, wenn sie wieder näher kommen, denn schiesst! sie kamen aber nicht, sondern ritten fort. Die Fuhrleute spannten mit Tages Anbruch wieder an, und fuhren weiter; ein jeder trug seine geladne Flinte und seinen Degen, denn sie waren nicht sicher. Des Vormittags sahen sie aus einem Wald wieder einige Reuter auf sie zureiten. Stilling fuhr zuförderst, und die andern alle hinter ihm her. Da rief er: Ein jeder hinter seinen Karren, und den Hahnen gespannt! Die Reuter hielten stille; der vornehmste unter ihnen ritt allein auf sie zu, ohne Gewehr, und rief: Schirrmeister, hervor! Mein Grossvater trat hervor, die Flinte in der Hand und den Degen unterm Arm. Wir kommen als Freunde, rief der Reuter. Henrich traute nicht und stunde da. Der Reuter stieg ab, bot ihm die Hand und sagte: Seid ihr verwichene Nacht von Räubern angegriffen worden? Ja, antwortete mein Grossvater, nicht weit von Hirschfeld auf einer Wiese. Recht so, antwortete der Reuter, wir haben sie verfolgt, und kamen eben bei der Wiese an, wie sie fortjagten und ihr einigen das Licht ausgeblasen hattet; ihr seid wackre Leute. Stilling fragte, wer er wäre? der Reuter antwortete: Ich bin der Graf von Wittgenstein, ich will euch zehn Reuter zum Geleit mitgeben, denn ich habe doch Mannschaft genug dort hinten im wald bei mir. Stilling nahms an, und accordirte mit dem Grafen, wie viel er ihm jährlich geben sollte, wenn er ihn immer durchs Hessische geleitete. Der Graf gelobts ihm, und die Fuhrleute fuhren nach haus. Dieser mein Grossvater hatte im zwei und zwanzigsten Jahr geheuratet, und im 24sten, nämlich 1620 bekam er einen Sohn, Hanns Stilling, dieser war mein Vater. Er lebte ruhig, wartete seines Ackerbaues und diente Gott. Er hatte den ganzen dreissigjährigen Krieg erlebt, und war öfters in die äusserste Armut geraten. Er hat zehn Kinder gezeugt, unter welchen ich der jüngste bin. Ich wurde 1680 gebohren, eben da mein Vater 60 Jahr alt war. Ich habe, Gott sei Dank! Ruhe genossen und mein Gut wiederum von allen Schulden befreiet. Mein Vater starb 1704, im 104ten Jahr seines Alters; ich hab ihn wie ein Kind verpflegen müssen, und liegt zu Florenburg bei seinen Voreltern begraben.

Henrich Stilling hatte mit grösster Aufmerksamkeit zugehöret. Nun sprach er: Gott sei Dank, dass ich solche Eltern gehabt habe! Ich will sie alle nett aufschreiben, damit ichs nicht vergesse. Die Ritter nennen ihre Voreltern Ahnen, ich will sie auch meine Ahnen heissen. Der Grossvater lächelte und schwieg.

Des andern Tages gingen sie wieder nach haus, und Henrich schrieb alle die Erzählung in ein altes Schreibbuch, das er umkehrte, und die hinten weiss gebliebene Blätter mit seinen Ahnen vollpfropfte.

Mir werden die Tränen los, da ich dieses schreibe. Wo seid ihr doch hingeflohen, ihr selge Stunden? Warum bleibt nur euer Andenken dem Menschen übrig! Welche Freude überirrdischer Fülle schmeckt der gefühlige Geist der Jugend! Es gibt keine Niedrigkeit des Standes, wenn die Seele geadelt ist. Ihr meine Tränen, die mein durchbrechender Geist herauspresst, sagts jedem guten Herzen, sagts ohne Worte, was ein Mensch sei, der mit Gott seinem Vater bekannt ist, und all seine Gaben in ihrer Grösse schmeckt! Henrich Stilling war die Freude und Hoffnung seines Hauses; denn ob gleich Johann Stilling einen ältern Sohn hatte, so war doch niemand auf denselben sonderlich aufmerksam. Er kam oft, besuchte seine Grosseltern, aber wie er kam, so ging er auch wieder. Eine seltsame Sache! – Eberhard Stilling