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hier nicht so viel als bei Findung des Messers; doch hatte er sich, nebst seinem Vater, die Augen rot geweint. Jener Zufall war plötzlich und unerwartet, dieser aber vorbedächtlich überlegt; auch war die Empfindung der Kirchenmusik noch allzu stark in seinem Herzen.

Der alte Stilling bemerkte nun auch die Beruhigung seines Wilhelms. Mit innigem Vergnügen sah er alle das Gute und Liebe an ihm und seinem kind; er wurde dadurch noch mehr aufgeheitert und fast verjüngt.

Als er einsmal im Frühling auf einen Montag Morgen nach dem wald zu seiner Handtierung ging, ersuchte er Wilhelmen ihm seinen Enkel mitzugeben. Dieser gab es zu, und Henrich freute sich zum höchsten. Wie sie den Giller hinauf gingen, sagte der Alte: Henrich, erzähl uns einmal die Historie von der schönen Melusine; ich höre so gern alte Historien; so wird uns die Zeit nicht lang. Henrich erzählte sie ganz umständlich mit der grössten Freude. Vater Stilling stellte sich, als wenn er über die geschichte ganz erstaunt wäre, und als wenn er sie in allen Umständen wahr zu sein glaubte. Dies muste aber auch geschehen, wenn man Henrichen nicht ärgern wollte; denn er glaubte alle diese Historien so fest als die Bibel. Der Ort, wo Stilling Kohlen brannte, war drei Stunden von Tiefenbach; man ging beständig bis dahin im Wald. Henrich, der alles idealisirte, fand auf diesem ganzen Wege lauter Paradies; alles war ihm schön und ohne Fehler. Eine recht düstere Maybuche, die er in einiger Entfernung vor sich sah, mit ihrem schönen grünen Licht und Schatten, machte einen Eindruck auf ihn; alsofort war die ganze Gegend ein Ideal und himmlisch schön in seinen Augen. Sie gelangten dann endlich auf einem sehr hohen Berg zum Arbeitsplatz. Die mit Rasen bedeckte Köhlershütte fiel dem jungen Stilling sogleich in die Augen; er kroch hinein, sah das Lager von Moos und die Feuerstätten zwischen zwei rauhen Steinen, freute sich und jauchzte. Während der Zeit, dass der Grossvater arbeitete, ging er im Wald herum, und betrachtete alle Schönheiten der Gegend und der natur; alles war ihm neu und unaussprechlich reizend. An einem Abend, wie sie des andern Tages wieder nach haus wollten, sassen sie vor der Hütte, da eben die Sonne untergegangen war. Grossvater! sagte Henrich, wann ich in den Büchern lese, dass die Helden so weit zurück haben rechnen können, wer ihre Voreltern gewesen, so wünsch ich dass ich auch wüste, wer meine Voreltern gewesen sind. Wer weis, ob wir nicht auch von einem Fürsten oder grossen Herrn herkommen. Meiner Mutter Vorfahren sind alle Prediger gewesen, aber die eurigen weis ich noch nicht; ich will sie mir alle aufschreiben, wenn ihr sie mir sagt. Vater Stilling lächelte, und antwortete: wir kommen wohl schwerlich von einem Fürsten her; das ist mir aber auch ganz einerlei; du must das auch nicht wünschen. Deine Vorfahren sind alle ehrbare fromme Leute gewesen; es gibt wenig Fürsten die das sagen können. Lass' dir das die grösste Ehre in der Welt sein, dass dein Grossvater, Urgrossvater und ihre Väter alle Männer waren, die zwar ausser ihrem haus nichts zu befehlen hatten, doch aber von allen Menschen geliebt und geehrt wurden. Keiner von ihnen hat sich auf unehrliche Art verheuratet, oder sich mit einer Frauensperson vergangen; keiner hat jemahls begehrt, das nicht sein war; und alle sind grossmütig gestorben in ihrem höchsten Alter. Henrich freute sich und sagte: ich werde also alle meine Voreltern im Himmel finden? Ja, erwiderte der Grossvater, das wirst du; unser Geschlecht wird daselbst grünen und blühen. Henrich! erinnre dich an diesen Abend so lang du lebst. In jener Welt sind wir von grossem Adel; verlier diesen Vorzug nicht! Unser Segen wird auf dir ruhen, so lange du fromm bist; wirst du gottlos werden und deine Eltern verachten, so werden wir dich in der Ewigkeit nicht kennen. Henrich fing an zu weinen, und sagte: Seid dafür nicht bang, Grossvater! ich werde fromm und froh sein, dass ich Stilling heisse. Erzählet mir aber, was ihr von unsern Voreltern wisset. Vater Stilling erzählte: Meines Urgrossvaters Vater hiess Ulli Stilling. Er war ungefähr Anno 1500 gebohren. Ich weiss aus alten Briefen, dass er nach Tiefenbach gekommen, wo er im Jahr 1530 Hans Stählers Tochter geheuratet. Er ist aus der Schweiz hergekommen, und mit Zwinglius bekannt gewesen. Er war ein sehr frommer Mann, auch so stark, dass er einsmalen fünf Räubern seine vier Kühe wieder abgenommen, die sie ihm gestohlen hatten. Anno 1536 bekam er einen Sohn, der hiess Reinhard Stilling; dieser war mein Urgrossvater. Er war ein stiller eingezogener Mann, der jedermann Gutes tat; er heuratete im 50sten Jahr eine ganz junge Frau, mit der er viele Kinder hatte; in seinem 60sten Jahr gebahr ihm seine Frau einen Sohn, den Henrich Stilling, der mein Grossvater gewesen. Er war 1596 gebohren, er wurde 101 Jahr alt, daher hab ich ihn noch eben gekannt. Dieser Henrich war ein sehr lebhafter Mann, kaufte sich in seiner Jugend ein Pferd, wurde ein Fuhrmann und fuhr nach Braunschweig, Brabant und Sachsen. Er war ein Schirrmeister, hatte gemeiniglich 20 bis 30 Fuhrleute bei sich. Zu der Zeit waren die Räubereien noch sehr im Gange, und noch wenig Wirtshäuser an den Strassen; daher nahmen die Fuhrleute Proviant mit sich. Des