bedeckt gelegen, dass es nicht drauf regnen konnte. Henrich war froh über diesen Fund, lief zu seinem Vater und zeigte es ihm. Wilhelm besah es, wurde blass, fing an zu schluchsen und zu heulen. Henrich erschrack, ihm stunden auch schon die Tränen in den Augen, ohne zu wissen warum; auch durfte er nicht fragen. Er drehte das Messer herum, und sah dass auf der Klinge mit Etzwasser geschrieben stunde, Johanna Dorotea Catarina Stillings. Er schrie laut, und lag da wie ein Todter. Wilhelm hörte sowohl das Lesen des Nahmens, als auch den lauten Schrei; er setzte sich neben den Knaben, schüttelte an ihm, und suchte ihn wieder zurechte zu bringen. Indem er damit beschäftiget war, wurde ihm wohl in seiner Seele; er fand sich getröstet; er nahm den Knaben in seine arme, drückte ihn an seine Brust, und empfand ein Vergnügen das über alles ging. Er nahete sich zu Gott wie zu seinem Freund, und meinte bis in die Herrlichkeit des himmels aufgezogen zu sein und Dortchen unter den Engeln zu sehen. Indess kam Henrich wieder zu sich, und fand sich in seines Vaters Armen. Er wusste sich nicht zu besinnen, dass ihn sein Vater jemals in den Armen gehabt. Seine ganze Seele wurde durchdrungen, Tränen der stärksten Empfindung flossen über seine schneeweisse volle Wangen herab. Vater, habt ihr mich lieb? – fragte er. Niemals hatte Wilhelm mit seinem kind weder gescherzt noch getändelt; daher wuste der Knabe von keinem andern Vater als einem ernstaften und strengen Mann, den er fürchten und verehren muste. Wilhelms Kopf sank Henrichen auf die Brust; er sagte: ja! und weinte laut. Henrich war ausser sich, und eben im Begriff wieder ohnmächtig zu werden; doch der Vater stunde plötzlich auf und stellte ihn auf die Füsse. Kaum konnte' er stehen. Komm, sagte Wilhelm, wir wollen ein wenig herumgehen. Sie suchten das Messer, konnten es aber gar nicht wieder finden; es war ganz gewiss zwischen den Steinen tief hinab gefallen. Sie suchten lange, aber sie fundens nicht. Niemand war trauriger als Henrich; doch der Vater führte ihn weg und redete folgendes mit ihm.
Mein Sohn! du bist nun bald neun Jahr alt. Ich hab dich gelehrt und unterrichtet so gut ich gekonnt habe; du hast nun bald so viel Verstand, dass ich vernünftig mit dir reden kann. Du hast noch vieles in der Welt vor dir, und ich selber bin noch jung. Wir werden unser Leben auf unserer kammer nicht beschliessen können; wir müssen wieder mit Menschen umgehen; ich will wiederum Schule halten, und du sollst mit mir gehen und ferner lernen. Befleissige dich auf alles wozu du Lust hast, es soll dir an Büchern nicht fehlen; doch aber, damit du etwas gewisses habest, womit du dein Brod erwerben könnest, so must du mein Handwerk lernen. Wird dich denn der liebe Gott in einen bessern Beruf setzen, so hast du ursache ihm zu danken; niemand wird dich verachten, dass du mein Sohn bist, und wenn du auch ein Fürst würdest. Henrich empfand Wonne über seines Vaters Vertraulichkeit; seine Seele wurde unendlich erweitert; er fühlte eine so sanfte unbezwingbare Freiheit, dergleichen sich nicht vorstellen lässt, mit einem Wort, er empfand jetzt zum erstenmal, dass er ein Mensch war. Er sah seinen Vater an, und sagte: Ich will alles tun, was ihr haben wollt. Wilhelm lächelte ihn an, und fuhr fort: Du wirst glücklich sein; nur must du nie vergessen mit Gott vertraulich umzugehen; der wird dich alsdenn in seinen Schutz nehmen und dich für allem Bösen bewahren. Unter diesen Gesprächen kamen sie wieder nach Haus und auf ihre kammer. Von dieser Zeit an schien Wilhelm ganz verändert; sein Herz war wieder geöfnet worden, und seine frommen Gesinnungen hinderten ihn nicht unter die Leute zu gehen. Alle Menschen, auch die wildesten, empfanden Ehrfurcht in seiner Gegenwart; denn sein ganzer Mensch hatte in der Einsamkeit einen unwiderstehlichen, sanften Ernst angenommen, aus dem eine reine einfältige Seele hervorblickte. Oefters nahm er auch seinen Sohn mit, zu dem er eine ganz neue, warme Liebe spürte. Beim Finden des Messers war er Dortchens ganzen Charakter an dem Knaben gewahr geworden; es war sein und Dortchens Sohn; und über diesen Aufschluss stürzte alle seine Neigung auf Henrichen, und er fand Dortchen in ihm wieder.
Nun führte Wilhelm seinen Henrichen zum erstenmal in die Kirche. Er erstaunte über alles was er sah; sobald aber die Orgel anfing zu gehen, da wurde seine Empfindung zu mächtig, er bekam gelinde Zückungen; eine jede sanfte Harmonie zerschmolz ihn, die Molltöne machten ihn in Tränen fliessen, und das rasche Allegro machte ihn aufspringen. Wie erbärmlich auch sonst der gute Organist sein Handwerk verstund, so war es doch Wilhelmen unmöglich seinen Sohn davon abzubringen, nicht nach geendigter Predigt den Organisten und seine Orgel zu sehen. Er sah sie, und der Virtuose spielte ihm zu Gefallen ein Andante, welches vielleicht das erstemal in der Florenburger Kirche war, dass dieses einem Baurenjungen zu Gefallen geschah.
Nun sah auch Henrich zum erstenmal seiner Mutter Grab. Er wünschte nur ihre noch übrige Gebeine zu sehen; da das aber nicht geschehen konnte, so setzte er sich auf den Grabeshügel, pflückte einige Herbstblumen und Kräuter auf demselben, steckte sie vor sich in seine Knopflöcher und ging weg. Er empfand