oft: Der Junge entfleugt uns, die Federn wachsen ihm grösser, als je einer in unserer Freundschaft gewesen; wir müssen beten, dass ihn Gott mit seinem guten Geist regieren wolle. Alle Nachbarn, die wohl in Stillings haus kamen, und den Knaben sahen, verwunderten sich; denn sie verstunden nichts von allem was er sagte, ob er gleich gut deutsch redete. Unter andern kam einmal Nachbar Stähler hin, weilen er von Wilhelmen ein Camisol gemacht haben wollte; doch war wohl seine Hauptabsicht dabei, unter der Hand sein Mariechen zu versorgen; denn Stilling war im Dorf angesehen, und Wilhelm war fromm und fleissig. Der junge Henrich mochte acht Jahr alt sein; er sass in einem Stuhl und las in einem Buch, sah seiner Gewohnheit nach ganz ernstaft, und ich glaube nicht, dass er zu der Zeit noch in seinem Leben stark gelacht hatte. Stähler sah ihn an und sagte: Henrich was machst du da?
"Ich lese."
Kannst du denn schon lesen?
Henrich sah ihn an, verwunderte sich und sprach: Das ist ja eine dumme Frage, ich bin ja ein Mensch. – Nun las er hart, mit Leichtigkeit, gehörigem Nachdruck und Unterscheidung. Stähler entsetzte sich und sagte: Hol' mich der T ... so was hab ich mein lebtag nicht gesehen. Bei diesem Fluch sprang Henrich auf, zitterte und sah schüchtern um sich; wie er endlich sah, dass der Teufel ausblieb, rief er: Gott, wie gnädig bist du! – trat darauf vor Stählern und sagte: Mann! habt ihr den Satan gesehen? Nein, antwortete Stähler. So ruft ihm nicht mehr, versetzte Henrich, und ging in eine andere kammer.
Das Gerücht von diesem Knaben erscholl weit umher; alle Menschen redeten von ihm und verwunderten sich. Selbst der Pastor Stollbein wurde neugierig ihn zu sehen. Nun war Henrich noch nie in der Kirche gewesen, hatte daher auch noch nie einen Mann mit einer grossen weissen Perücke und feinen schwarzen Kleide gesehen. Der Pastor kam nach Tiefenbach hin, und weil er vielleicht eh in ein ander Haus gegangen war, so wurde seine Ankunft in Stillings haus vorhin ruchtbar, wie auch warum er gekommen war. Wilhelm unterrichtete seinen Henrichen also, wie er sich betragen müste, wenn der Pastor käme. Er kam dann endlich, und mit ihm der alte Stilling. Henrich stunde an der Wand grad auf, wie ein Soldat der das Gewehr präsentirt; in seinen gefaltenen Händen hielt er seine aus blauen und grauen tuchenen Lappen zusammen gesetzte Mütze, und sah dem Pastor immer starr in die Augen. Nachdem sich Herr Stollbein gesetzt, und ein und ander Wort mit Wilhelmen geredet hatte, drehte er sich gegen die Wand, und sagte: Guten Morgen Henrich! –
"Man sagt guten Morgen sobald man in die stube kommt."
Stollbein merkte mit wem er's zu tun hatte, daher drehte er sich mit seinem Stuhl neben ihn und fuhr fort: Kannst du auch den Catechismus?
"Noch nicht all."
Wie noch nicht all, das ist ja das erste was die Kinder lernen müssen.
"Nein, Pastor, das ist nicht das erste; Kinder müssen erst beten lernen, dass ihnen Gott Verstand geben möge, den Catechismus zu begreifen."
Herr Stollbein war schon im Ernst ärgerlich, und eine scharfe Strafpredigt an Wilhelmen war schon ausstudirt; doch diese Antwort machte ihn stutzig. Wie betest du denn? fragte er ferner.
"Ich bete: lieber Gott! gieb mir doch Verstand, dass ich begreifen kann, was ich lese."
Das ist recht, mein Sohn, so bete fort!
"Ihr seid nicht mein Vater."
Ich bin dein geistlicher Vater.
"Nein, Gott ist mein geistlicher Vater; ihr seid ein Mensch ein Mensch kann kein Geist sein."
Wie, hast du denn keinen Geist, keine Seele?
"Ja freilich! wie könnt ihr so einfältig fragen? Aber ich kenne meinen Vater."
Kennst du denn auch Gott, deinen geistlichen Vater?
Henrich lächelte. "Sollte ein Mensch Gott nicht kennen?"
Du kannst ihn ja doch nicht sehen.
Henrich schwieg, und hohlte seine wohlgebrauchte Bibel, und wies dem Pastor den Spruch Röm. I.V. 19. und 20.
Nun hatte Stollbein genug. Er hiess den Knaben hinaus gehen, und sagte zu dem Vater: Euer Kind wird alle seine Voreltern übertreffen; fahret fort, ihn wohl unter der Rute zu halten; der Junge wird ein grosser Mann in der Welt.
Wilhelm hatte noch immer seine Wunde über Dortchens Tod; er seufzte noch beständig um sie. Nunmehr nahm er auch zuweilen seinen Knaben mit nach dem alten Schloss, zeigte ihm seiner verklärten Mutter Tritte und Schritte, alles was sie hier und da geredet und getan hatte. Henrich verliebte sich so in seine Mutter, dass er alles was er von ihr hörte, in sein eigenes verwandelte, welches Wilhelmen so wohl gefiel, dass er seine Freude nicht bergen konnte.
Einsmals an einem schönen Herbstabend gingen unsere beide Liebhaber des selgen Dortchens in den Ruinen des Schlosses herum, und suchten Schneckenhäuschen, die daselbst sehr häufig waren. Dortchen hatte daran ihre grösste Belustigung gehabt. Henrich fand neben einer Mauer unter einem Stein ein Zulegmesserchen mit gelben Buckeln und grünen Stiel. Es war noch gar nicht rostig, teils, weil es am Trocknen lag, teils weil es so