. Er durchdachte alle Tage die sie mit einander gelebet hatten, fand in jedem ein Paradies, und verwunderte sich, dass er nicht damalen vor lauter Wonne gejauchzt hatte. Dann nahm er seinen Henrichen in die arme, weinte ihn nass, drückte ihn an seine Brust, und schlief mit ihm. Dann träumte er oft, wie er mit Dortchen im Geisenberger Wald spaziere, wie er so froh sei, dass er sie wieder habe. Im Traum fürchtete er wacker zu werden, und dennoch erwachte er: seine Tränen wurden dann neu und sein Zustand war trostlos. Vater Stilling sah das alles, und doch tröstete er seinen Wilhelmen niemals. Margarete und die Mädchen versuchten es oft, aber sie machten nur übel ärger; denn, alles beleidigte Wilhelmen, was nur dahin zielte ihn aus seiner Trauer zu ziehen. Sie konnten aber gar nicht begreifen wie es doch möglich sein könnte, dass ihr Vater gar keine Mühe anwendete Wilhelmen aufzumuntern. Sie vereinigten sich daher ihren Vater dazu zu ermahnen, so bald Wilhelm einmal im Geisenberger Wald herumirren, und seines Dortchens Gänge und Fusstritte aufsuchen und beweinen würde. Das tat er oft, und daher währete es nicht lange, bis sie gelegenheit fanden ihr Vorhaben auszuführen. Margarete nahm es auf sich, so bald der Tisch abgetragen und Wilhelm fort war, Vater Stilling aber an seinen Zähnen stocherte, und grade vor sich hin auf einen Fleck sah. Ebert, sagte sie, warum lässest du den Jungen so herum gehen? du nimmst dich seiner gar nicht an, redest ihm nicht ein wenig zu, sondern tust als wenn er dich gar nichts anginge. Der arme Mensch sollte vor lauter Traurigkeit die Auszehrung bekommen. Margret, antwortete der Alte lächelnd, was meinst du wohl, dass ich ihm sagen könnte, ihn zu trösten? Sag ich ihm, er sollte sich zufrieden geben, sein Dortchen sei im Himmel, sie sei selig: so kommt das eben heraus, als wenn dir jemand alles, was du auf der Welt am liebsten hast, abnähme, und ich käme dann her und sagte: Gieb dich zufrieden! deine Sachen sind ja wohl verwahrt, über sechzig Jahr bekommst du sie ja wieder, es ist ein braver Mann der sie hat u.s.w. Würdest du nicht recht bös auf mich werden und sagen: Wo lebe ich aber die sechzig Jahr von? Soll ich Dortchens Fehler all aufzählen, und suchen, ihn zu überreden, er habe nichts so gar kostbares verlohren: so würde ich ihre Seele beleidigen, ein Lügner oder Lästerer sein, weiter aber nichts ausrichten, als Wilhelmen mir auf immer zum Feinde machen; Er würde alle ihre Tugenden dagegen aufzählen, und ich würde in der Rechnung zu kurz kommen. Soll ich ihm ein anderes Dortchen aufsuchen? Das müste just ein Dortchen sein, und doch würde es ihm vor ihr eckeln. Ach! es gibt kein Dortchen mehr! – Ihm zitterten die Lippen und seine Augen waren nass. Nun weinten sie wieder alle, vornehmlich darum, weil ihr Vater weinte.
Bei diesen Umständen war Wilhelm nicht im stand sein Kind zu versorgen, oder sonst etwas nützliches zu verrichten. Margarete nahm also ihren Enkel in völlige Verpflegung, futterte und kleidete ihn auf ihre altfränkische Manier aufs reinlichste. Die Mädchen gängelten ihn, lehrten ihn beten und andächtige Reimchen hersagen, und wenn Vater Stilling Samstags Abends aus dem wald kam und sich bei den Ofen gesetzt hatte, so kam der Kleine gestolpert, suchte auf seine Knien zu klettern, und nahm jauchzend das auf ihn gesparte Butterbrod; mauste auch wohl selbsten im Quersack um es zu finden; es schmeckte ihm besser als sonst der allerbeste Reisbrei Kindern zu tun pfleget, wie wohl es allezeit von der Luft hart und vertrocknet war. Dieses vertrocknete Butterbrod verzehrte Henrich auf seines Grossvaters Schos, wobei ihm derselbe entweder das Lied: Gerberli hiess mein Hüneli; oder auch: Reuter zu Pferd, da kommen wir her, vorsang, wobei er immer die Bewegung eines trabenden Pferds mit dem Knie machte. Mit einem Wort! Vater Stilling hatte den Kunstgrif in seiner Kindererziehung, er wuste alle Augenblick eine neue Belustigung für Henrichen, die immer so beschaffen waren, dass sie seinem Alter angemessen, das ist, ihm begreiflich waren; doch so, dass immer dasjenige, was den Menschen ehrwürdig sein muss, nicht allein nicht verkleinert, sondern gleichsam im Vorbeigang gross und schön vorgestellt wurde. Dadurch gewann der Knabe eine Liebe zu seinem Grosvater die über alles ging; und daher hatten denn die Begriffe, die er ihm beibringen wollte, Eingang bei ihm. Was ihm sein Grosvater sagte, das glaubte er ohne weiteres Nachdenken.
Die stille Wehmut Wilhelms verwandelte sich nun vor und nach in eine gesprächige und vertrauliche Traurigkeit. Nun sprach er wieder mit seinen Leuten; ganze Tage redeten sie von Dortchen, sangen ihre Lieder, besahen ihre Kleider, und dergleichen Dinge mehr. Wilhelm fing an ein Wonnegefühl in ihrem Andenken zu empfinden, und einen Frieden zu schmekken der über alles ging, wenn er sich vorstellte, dass über kurze Jahre auch ihn der Tod würde abfordern, wo er denn, ohne einiges Ende zu befürchten, ewig in Gesellschaft seines Dortchens die höchste Glückseligkeit, deren der Mensch nur fähig ist, würde zu geniessen haben. Dieser grosse Gedanke zog eine ganze Lebensänderung nach sich, wozu folgender Vorfall noch ein grosses mit beitrug. Etliche Stunden von Tiefenbach ab, war ein grosses adeliches Haus, welches durch