1777_Jung_Stilling_123_13.txt

Mondschein. Er lief und sagte es dem Fürsten Christian; der ritt in der Stille mit seinen Kerlen unten durch den Wald. Sie hatten den Pferden Moos unter die Füsse gebunden, kamen auch nahe bei ihm, sprangen auf ihn zu, und sie kämpften zusammen. Fürst Christian und Johann Hübner hieben sich auf die eisernen Hüte und Wämsger, dass es klang; endlich aber blieb Johann Hübner tot, und der Fürst zog hier ins Schloss. Den Johann Hübner begruben sie da unten in die Ecke, und der Fürst legte viel Holz um den grossen Turm, auch untergruben sie ihn. Er fiel am Abend um, wie die Tiefenbacher die Kühe molken; das ganze Land zitterte umher von dem Fall. Da siehst du noch den langen Steinhaufen, den Berg hinab; das ist der Turm, wie er gefallen ist. Noch jetzt spukt hier des Nachts zwischen elf und zwölf Uhr Johann Hübner mit dem einzigen Auge. Er sitzt auf einem schwarzen Pferd und reitet um den Wall herum. Der alte Neuser, unser Nachbar, hat ihn oft gesehen. Dortchen zitterte, und fuhr zusammen, wenn ein Vogel aus einem Strauch in die Höhe flog. Ich höre die Erzählung noch immer gern, sagte sie; wenn ich hier so sitze, und wenn ich es noch zehnmal höre, so werde ich es doch nicht müde. Lasst uns ein wenig um den Wall spazieren. Sie gingen zusammen um den Wall und Dortchen sang:

Es leuchten drei Sterne über ein Königes Haus.

drei Jungfräulein wohnten darin::

Ihr Vater war weit über Land hinaus

Auf ein'm weissen Rösselein.

Sternelein blinzet zu Leide.

Siehst du es, das weisse Rösslein, noch nicht,

Ach Schwesterlein, mutig im Tal?::

Ich sehe es, mein's Vaters Rösselein, licht,

Es trabet da mutig im Tal.

Sternelein blinzet zu Leide.

Ich sehe es, das Rösslein, mein Vater nicht drauf.

Ach Schwesterlein! Vater ist tot!::

Mein Herzel ist mir es betrübet.

Wie ist mir der Himmel so rot!

Sternelein blinzet zu Leide.

Da trat ein Reuter im blutigen Rock

In's dunkle Kämmerlein klein::

Ach, blutiger Mann, wir bitten dich hoch,

Lass leben uns Jungfräuelein.

Sternelein blinzet zu Leide!

Ihr könnt nicht leben, ihr Jungfräulein zart;

Mein Weiblein frisch und schön::

Erstach mir eu'r Vater im Garten so hart,

Ein Bächlein von Blut floss daher.

Sternelein blinzet zu Leide.

Ich fand ihn, den Mörder, im wald grün,

Ich nahm ihm sein Rösslein ab::

Und stach ihm das Messer ins Herz;

Er fiel drauf den Felsen herab.

Sternelein blinzet zu Leide!

Auch hatte'st du die liebe Mutter mein

Getödtet am holigen Weg::

Ach, Schwesterlein, lasset uns frölich sein!

Wir sterben ja wundergern.

Sternelein blinzet zu Leide!

Der Mann nahm ein Messer scharf und spitz,

Und stiess es den Jungfräulein zart::

In ihr betrübtes Herzelein,

Zur Erde fielen sie hart.

Sternelein blinzet zu Leide!

Da fliesset ein klares Bächelein hell

herunter im grünigen Tal::

Fliess krumm herum, du Bächlein hell,

Bis in die weite See!

Sternelein blinzet zu Leide!

Da schlafen die Jungfräulein alle drei

Bis an den jüngsten Tag::

Sie schlafen da in kühliger Erd'

Bis an den jüngsten Tag.

Sternelein blinzet zu Leide!

Nun begann die Sonne unterzugehen, und Dortchen mit ihrem Wilhelm hatten recht die Wonne der Wehmut gefühlt. Wie sie den Wald hinab gingen, durchdrang ein tödtlicher Schauer Dortchens ganzen Leib. Sie zitterte von einer kalten Empfindung, und es ward ihr sauer Stillings Haus zu erreichen. Sie verfiel in ein hitziges Fieber. Wilhelm war Tag und Nacht bei ihr. Nach vierzehn Tagen sagte sie des Nachts um zwölf Uhr zu Wilhelmen: Komm, lege dich zu Bette. Er zog sich aus, und legte sich zu ihr. Sie fasste ihn in ihren rechten Arm, er lag mit seinem Kopf an ihre Brust. Auf einmal wurde er gewahr, dass das Pochen ihres Pulses nachliess, und dann wieder ein paarmal klopfte. Er erstarrte und rief seelzagend! Mariechen! Mariechen! Alles wurde wacker und lief herzu. Da lag Wilhelm und empfieng Dortchens letzten Atemzug in seinen Mund. Sie war nun tot. Wilhelm war betäubt, und seine Seele wünschte nicht wieder zu sich selbst zu kommen; doch endlich stieg er aus dem Bette, weinte und klagte laut. Selbst Vater Stilling und seine Margrete gingen zu ihr, und hielten ihr die Augen fest zu, und schluchzeten. Es sah betrübt aus, wie die beiden alten Grauköpfe nass von Tränen zärtlich auf den verblichenen Engel blickten. Auch die Mädchen weinten laut, und erzählten sich untereinander alle die letzten Worte und Liebkosungen die ihnen ihre seelige Schwägerin gesagt hatte. Wilhelm Stilling hatte mit seinem Dortchen in der stark bevölkerten Landschaft allein gelebt; nun war sie tot und begraben, und er fand daher, dass er jetzt ganz allein in der Welt lebte. Seine Eltern und Geschwister waren um ihn, ohne dass er sie bemerkte. In dem gesicht seines verwaiseten Kindes, sah er nur Dortchens Lineamente; und wenn er des Abends schlafen ging, so fand er sein Zimmer still und öde. Oft glaubte er den rauschenden Fuss Dortchens zu hören, wie sie ins Bette stieg. Er fuhr dann in einander, Dortchen zu sehen, und sah sie nicht