1777_Jung_Stilling_123_12.txt

recht von Herzen."

Du weinst oft, als wenn du missmutig wärest; das tut mir dann leid. Ich werde auch traurig. Hast du etwas auf dem Herzen, liebes Kinddas dich quält? Sag es mir. Ich werde dir Ruhe schaffen, es koste auch was es wolle.

"O nein! ich bin nicht missmutig, liebes Kind! ich bin nicht unzufrieden. Ich habe dich lieb, ich habe unsere Eltern und Schwestern lieb, ja, ich habe alle Menschen lieb. Aber ich will dir sagen, wie es mir ist. Wenn ich im Frühling sehe, wie alles aufgeht, die Blätter an den Bäumen, die Blumen und die Kräuter, so ist mir, als wenn es mich gar nicht anginge; es ist mir dann, als wenn ich in einer Welt wäre, worinn ich nicht gehörte. Sobald ich aber ein gelbes Blatt, eine verwelkte Blume, oder dürres Kraut finde, dann werden mir die Tränen los, und mir wird so wohl, so wohl, dass ich es dir nicht sagen kann; und doch bin ich nie freudig dabei. Sonsten machte mich das alles betrübt, und ich war nie fröhlicher, als im Frühling."

Ich kenne das nicht. So viel aber ist doch wahr, dass es mich recht empfindlich macht.

Indem sie so redeten, kamen sie zu den Ruinen des Schlosses auf die Seite des berges, und empfanden die kühle Luft vom Rhein her, und sahen wie sie mit den langen dürren Grashalmen und Epheublättern an den zerfallenen Mauren spielte und darum pfiff. Hier ist recht mein Ort, sagte Dortchen, hier müsst ich wohnen. Erzähle mir doch noch einmal die geschichte vom Johann Hübner, der hier auf dem schloss gewohnt hat. Lass uns aber hier auf den Wall gegen die Mauren über sitzen. Ich dürfte um die Welt nicht zwischen den Mauern sein, wenn du das erzählest, denn ich graue immer, wenn ich's höre. Wilhelm erzählte:

Auf diesem schloss haben vor Alters Räuber gewohnt, die gingen des Nachts ins Land umher, stahlen den Leuten das Vieh und trieben es dort in den Hof; da war ein grosser Stall; und hernach verkauften sie's weit weg an fremde Leute. Der letzte Räuber, der hier gewohnt hat, hiess Johann Hübner. Er hatte eiserne Kleider an, und war stärker, als alle andere Bursche im ganzen land. Er hatte nur ein Auge, und einen grossen krausen Bart und Haare. Am Tage sass er mit seinen Knechten, die alle sehr stark waren, dort an der Ecke, wo du noch das zerbrochene Fensterloch siehst; da hatten sie eine stube, da sassen sie und soffen Bier. Johann Hübner sah mit dem einen Auge sehr weit durchs ganze Land umher. Wenn er dann einen Reuter sah, da rief er: Hehloh! – da reitet ein Reuter! ein schönes Ross, Hehloh! Und dann gaben sie Acht auf den Reuter, nahmen ihm das Ross und schlugen ihn tot. Da war aber ein Fürst von Dillenburg, der schwarze Christian genannt, ein sehr starker Mann; der hörte immer von Johann Hübners Räubereien; denn die Bauern kamen und klagten über ihn. Dieser schwarze Christian hatte einen klugen Knecht, der hiess Hanns Flick; den schickte er über Land, dem Johann Hübner aufzupassen. Der Fürst aber lag hinten im Giller, den du da siehst, und hielt sich da mit seinen Reutern verborgen; dahin brachten ihm auch die Bauern Brod und Butter und Käse. Hanns Flick kannte den Johann Hübner nicht. Er streifte im land herum, und fragte ihn aus. Endlich kam er an eine Schmiede, wo Pferde beschlagen wurden. Da stunden viele Wagenräder an der Wand, die auch beschlagen werden sollten. Auf dieselbe hatte sich ein Mann mit dem rücken gelehnt, er hatte nur ein Auge und ein eisernes Wams an. Hanns Flick ging bei ihm und sagte: Gott grüss dich, eiserner Wams-Mann mit einem Auge! heissest du nicht Johann Hübner vom Geissenberg? Der Mann antwortete: Johann Hübner vom Geissenberg liegt auf dem Rad. Hanns Flick verstunde das Rad auf dem Gerichtsplatz, und sagte: War das kürzlich? Ja, sprach der Mann, erst heute. Hanns Flick glaubte doch nicht recht, und blieb bei der Schmiede, und gab auf den Mann Acht, der auf dem Rade lag. Der Mann sagte dem Schmidt ins Ohr: Er sollte ihm sein Pferd verkehrt beschlagen, so dass das vorderste Ende des Hufeisens hinten käme. Der Schmidt tat es, und Johann Hübner ritt weg. Wie er aufsah, sagte er dem Hanns Flick: Gott grüss dich, braver Kerl! sage deinem Herrn: Er solle mir Fäuste schicken, aber keine Leute die hinter den Ohren lausen. Hanns Flick blieb stehen, und sah, wo er übers Feld in den Wald ritt, lief ihm nach, um zu sehen, wo er bliebe. Er wollte seiner Spur nachgehen, Johann Hübner aber ritt hin und her, die Creuz und Queer, und Hanns Flick wurde bald in den Fusstapfen des Pferdes irre; denn, wo er hingeritten war, da gingen die Fusstapfen zurück; darum verlohr er ihn bald, und wuste nicht, wo er geblieben war. Endlich aber ertappte ihn doch Hanns Flick, wie er mit seinen Knechten dort auf der Heide im Wald lag und geraubt Vieh hütete. Es war in der Nacht am