. Das vernünftigste Urteil, und zugleich auch das wahrscheinlichste, war wohl, dass der Frauen von dem vielen und ungewohnten Essen etwas übel geworden, und man beruhigte sich auch dabei. Vater Stilling zog aber, seiner Gewohnheit nach, die Lehre aus dieser Erzählung, dass es am besten sei, seinen Kindern Religion und Liebe zur Tugend einzuprägen, und dann im gehörigen Alter ihnen die freie Wahl im Heuraten zu vergönnen, wenn sie nur so wählten, dass die Familie nicht wirklich dadurch geschimpft würde. Ermahnen, sagte er, müssen freilich die Eltern ihre Kinder; allein Zwang hilft nichts mehr, wenn der Mensch sein männliches Alter erreicht hat; er glaubt alsdenn alles so gut zu verstehen als seine Eltern.
Während dieser weisen Rede, wobei alle Anwesenden höchst aufmerksam waren, sass Wilhelm in tiefen Betrachtungen. Er hatte eine Hand an den Backen gelegt, und sah starr gerade vor sich hin. Hum! sagte er, alles, was die Frau erzählt hat, scheint mir verdächtig. Im Anfang sagte sie, ihr Vater wäre Pastor zu ... zu ...
Mariechen. Zu Holdingen im Barchinger Land.
Ja, da war es. Und am Ende sagte sie, ihr Vater sei ein Schuhflicker gewesen. Alle Anwesende schlugen die hände zusammen, und entsetzten sich sehr. Nun erkannte man, warum die Frau weggelaufen war; man entschloss sich also, an jeder tür und Oefnung im haus vorsichtige Klinken und Klammern zu machen, und das wird auch niemand der Stillingschen Familie verdenken, wer einigermassen den Zusammenhang der Dinge einzusehen gelernt hat.
Dortchen redete die ganze Zeit durch nichts. Warum? kann ich eben nicht sagen. Sie säugte ihren Henrich alle Augenblicke, denn das war nun einmal ihr Alles. Der Junge war auch hübsch dick und fett. Die erfahrenste Nachbarinnen konnten schon gleich nach der Geburt in dem gesicht des Kindes eine völlige Aehnlichkeit mit seinem Vater entdecken. Besonders aber wollte man auch schon auf dem linken obern Augenlied die Grundlage einer künftigen Warze spüren, als welche der Vater daselbst hatte. Dennoch aber musste eine verborgene Parteilichkeit alle Nachbarinnen zu diesem falschen zeugnis bewogen haben; denn der Knabe hatte und bekam der Mutter Gesichtszüge und ihr sanftes gefühliges Herz gänzlich.
Vor und nach verfiel Dortchen in eine sanfte Schwermut. Sie hatte an nichts in der Welt Vergnügen mehr, aber auch an keinem Teile Verdruss. Sie genoss beständig die Wonne der Wehmut, und ihr zartes Herz schien sich ganz in Tränen zu verwandeln, in Tränen ohne Harm und Kummer. Ging die Sonne schön auf, so weinte sie, und betrachtete sie tiefsinnig; sprach auch wohl zuweilen: Wie schön muss der sein, der sie gemacht hat! Ging sie unter, so weinte sie. Da gehet der tröstliche Freund wieder von uns, sagte sie dann oft, und sehnte sich weit weg in den Wald, zur Zeit der Dämmerung. Nichts aber war ihr rührender, als der Mond; sie fühlte dann was unaussprechliches, und ging ganze Abende unten an dem Geisenberg. Wilhelm begleitete sie fast immer und redete sehr freundlich mit ihr. Sie hatten beide etwas ähnliches in ihrem Charakter. Sie hätten die ganze Welt voll Menschen missen können, nur eins das andere nicht; dennoch empfanden sie jedes Elend und jeden Druck des Nebenmenschen.
Beinahe andertalb Jahr war Henrich Stilling alt, als Dortchen an einem Sonntag Nachmittag ihren Mann ersuchte, mit ihr nach dem Geisenberger schloss zu spazieren. Noch niemalen hatte ihr Wilhelm etwas abgeschlagen. Er ging mit ihr. So bald sie in den Wald kamen, schlungen sie sich in ihre arme und gingen Schritt vor Schritt unter dem Schatten der Bäume, und dem vielfältigen Zwitschern der Vögel den Berg hinauf. Dortchen fing an:
"Was meinst du, Wilhelm, sollte man sich wohl im Himmel kennen?"
O ja! liebes Dortchen! Christus sagt ja, von dem reichen Mann, dass er Lazarum in dem Schoosse Abrahams gekannt habe, und noch dazu war der reiche Mann in der Hölle; daher glaube ich gewiss, wir werden uns in jener Ewigkeit kennen.
"O Wilhelm! wie sehr freue ich mich, wenn ich daran denke, dass wir dann die ganze Ewigkeit durch ganz ohne Kummer, in lauter himmlischer Lust und Vergnügen werden bei einander sein! Mich dünkt auch immer, ich könnte im Himmel ohne dich nicht seelig sein. Ja, lieber Wilhelm! gewiss! gewiss werden wir uns da kennen! Hör einmal, ich wünsche das nun so herzlich! Gott hat ja meine Seele und mein Herz gemacht, das so wünschet; er würde es nicht so gemacht haben, wenn ich unrecht wünschte, und wenn es nicht so wäre! Ja, ich werde dich kennen, und dich unter allen Menschen suchen, und dann werde ich seelig sein!"
Wir wollen uns bei einander begraben lassen, so brauchen wir nicht lange zu suchen.
"O möchten wir doch in einem Augenblick sterben. Aber wo bliebe dann mein lieber Junge?"
Der würde hier bleiben, und wohl erzogen werden, und endlich zu uns kommen.
"Ich würde aber doch viele sorge um ihn haben, ob er auch fromm werden würde."
Höre, Dortchen! du bist schon lange her, so besonders schwermütig gewesen. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, du machst mich mit dir betrübt. Warum bist du so gern mit mir allein! Meine Schwestern glauben, du habest sie nicht lieb.
"Doch liebe ich sie