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Johann Heinrich Jung-Stilling

Henrich Stillings

Jugend

Eine wahrhafte geschichte

In Westphalen liegt ein Kirchsprengel in einem sehr bergichten Landstriche, auf dessen Höhen man viele kleine Grafschaften und Fürstentümer übersehen kann. Das Kirchdorf heisst Florenburg; die Einwohner aber haben von Alters her einen grossen Eckel vor dem Namen eines Dorfs gehabt, und daher, ob sie gleich auch von Ackerbau und Viehzucht leben müssen, vor den Nachbarn, die blosse bauern sind, immer einen Vorzug zu behaupten gesucht, die ihnen aber auch dagegen nachsagten, dass sie vor und nach den Namen Florendorf verdrängt und an dessen Statt Florenburg eingeführet hätten. Dem sei aber wie ihm wolle, es ist wirklich ein Magistrat daselbst, dessen Haupt zu meiner Zeit Johannes Henrikus Scultetus war. Ungeschlachte, unwissende Leute nannten ihn ausser dem rataus Meister Hanns, hübsche Bürger pflegten doch auch wohl Meister Schulde zu sagen.

Eine Stunde von diesem Orte süd-ostwärts liegt ein kleines Dörfchen Tiefenbach, von seiner Lage zwischen Bergen so genannt, an deren fuss die Häuser zu beiden Seiten des Wassers hängen, das sich aus den Tälern von Süd und Nord her just in die Enge und Tiefe zum Fluss hinsammelt. Der östliche Berg heisst der Giller, geht steil auf, und seine Fläche nach Westen gekehrt, ist mit Maibuchen dicht bewachsen. Von ihm ist eine Aussicht über Felder und Wiesen, die auf beiden Seiten durch hohe verwandte Berge gesperrt wird. Sie sind ganz mit Buchen und Eichen bepflanzt, und man sieht keine Lücke, ausser wo manchmal ein Knabe einen Ochsen hinauf treibt und Brennholz auf halbgebahntem Wege zusammenschleppt.

Unten am nördlichen Berge, der Geissenberg genannt, der wie ein Zuckerhut gegen die Wolken steigt, und auf dessen Spitze Ruinen eines alten Schlosses liegen, steht ein Haus, worin Stillings Eltern und Voreltern gewohnt haben.

Vor ungefähr dreissig Jahren lebte noch darin ein ehrwürdiger Greis, Eberhard Stilling, ein Bauer und Kohlenbrenner. Er hielt sich den ganzen Sommer durch im wald auf, und brannte Kohlen; kam aber wöchentlich einmal nach haus, um nach seinen Leuten zu sehen, und sich wieder auf eine Woche mit speisen zu versehen. Er kam gemeiniglich Sonnabends Abends, um den Sonntag nach Florenburg in die Kirche gehen zu können, wo er ein Mitglied des Kirchenrats war. Hierinnen bestunden auch die mehresten Geschäfte seines Lebens. sechs grossgezogene Kinder hatte er, wovon die zwei ältesten Söhne, die vier jüngsten aber Töchter waren.

Einsmals als Eberhard den Berg herunter kam, und mit dem ruhigsten Gemüte die untergehende Sonne betrachtete, die Melodie des Liedes, Der lieben Sonnen Lauf und Pracht hat nun den Tag vollführet, auf einem Blatt pfif, und dabei das Lied durchdachte, kam sein Nachbar Stähler hinter ihm her, der ein wenig geschwinder gegangen war, und sich eben nicht viel um die untergehende Sonne bekümmert haben mochte. Nachdem er eine Weile schon nahe hinter ihm gewesen, auch ein paarmal fruchtlos gehustet hatte; fing er ein Gespräch an, das ich hier wörtlich beifügen muss.

"Guten Abend, Ebert!"

Dank hab, Stähler! (indem er fortfuhr auf dem Blatt zu pfeifen.)

"Wenn das Wetter so bleibt, so werden wir unser Gehölze bald zugerichtet haben. Ich denke, dann sind wir in drei Wochen fertig."

Es kann sein. (Nun pfif er wieder fort.)

"Es will so nicht recht mehr mit mir fort, Junge! Ich bin schon acht und sechzig Jahr alt, und du wirst halt siebenzig haben."

Das soll wohl sein. Da geht die Sonne hinter den Berg unter, ich kann mich nicht genug erfreuen über die Güte und Liebe Gottes. Ich war so eben in Gedanken drüber; es ist auch Abend mit uns, Nachbar Stähler! der Schatten des Todes steigt uns täglich näher, er wird uns erwischen, ehe wirs uns versehen. Ich muss der ewigen Güte danken, die mich nicht nur heute sondern den ganzen Lebenstag durch mit vielem Beistand getragen, erhalten und versorgt hat.

"Das kann wohl sein!"

Ich erwarte auch wirklich ohne Furcht den wichtigen Augenblick, wo ich von diesem schweren, alten und starren Leib befreit werden soll, um mit den Seelen meiner Voreltern, und anderer heiligen Männer, in einer ewigen Ruhe umgehen zu können. Da werde' ich finden: Doktor Luter, Calvinus, Oecolampadius, Bucerus, und andere mehr, die mir unser seeliger Pastor, Herr Winterberg, so oft gerühmt, und gesagt hatte, dass sie nächst den Aposteln, die frömmsten Männer gewesen.

"Das kann möglich sein! Aber sag' mir, Ebert, hast du die Leute, die du da herzählst, noch gekannt?"

Wie schwazest du? die sind über zweihundert Jahr tot.

"So! – das wäre!"

Dabei sind alle meine Kinder gross, sie haben schreiben und lesen gelernt, sie können ihr Brod verdienen, und haben mich und meine Margrete bald nicht mehr nötig.

"Nötig? – hat sich wohl! – Wie leicht kann sich ein Mädchen oder Junge verlaufen, sich irgend mit armen Leuten abgeben, und seiner Familie einen Klatsch anhängen, wann die Eltern nicht mehr Acht geben können!"

Vor dem allen ist mir nicht bange. Gott Lob! dass mein Achtgeben nicht nötig ist. Ich hab' meinen Kindern durch meine Unterweisung und Leben einen so grossen Abscheu gegen das Böse eingepflanzt, dass ich mich nicht mehr zu fürchten brauche.

Stähler lachte herzlich! eben wie ein Fuchs