ihn in seiner Ruhe stören, weil er sie im Laster und der Unterdrükkung stören wollte.
Seine Geschäfte führten ihn oft in solche Verbindungen, dass er das ganze Spiel der Leidenschaften und des Eigennutzes in dem deutlichsten Lichte sehen konnte: er fand, dass auch in dieser neuen Welt, wie in der alten, der Neid beständig den Bogen gespannt hielt, und jeder seine Obermacht zur Unterdrückung missbrauchte. Anfangs liess er sich zwar von der Klugheit zurückhalten, allein in kurzem häuften sich die Reizungen so sehr, dass sein Unwille alle Klugheit überstimmte: er riss ihn hin und stürzte ihn in tausend Unannehmlichkeiten und eben so viele Gefahren.
Der Herr, in dessen Diensten er stand, war ein Kreole20 und hatte deswegen den Hass aller gebornen Spanier auszustehn: bei jeder gelegenheit, wo von einem unter diesen das Interesse oder die Ehre seines Herrn gekränkt wurde, focht Belphegor mit allen Kräften seiner Beredsamkeit und seines Leibes, ihn zu verteidigen. Sein Eifer machte ihn bei seinem Herrn beliebt und wurde dadurch um so viel stärker angefacht.
So lange er wider die Ungerechtigkeiten und den Stolz der gebornen Spanier deklamirte und mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit auf die Verachtung loszog, die sie gegen alle Kreolen blicken liessen, auch zuweilen dadurch, dass er zu heftig die Partie der Kreolen nahm, sich blaue, braune, gelbe und rote Flecken, Wunden und Beulen verursachte, so überhäufte ihn sein Herr mit Liebkosungen und Geschenken, Belphegor empfieng die freundlichsten gütigsten Blicke unter allen im ganzen haus, sein Gespräch war die liebste, die einzige Unterhaltung seines Herrn, und dieser konnte ihm stundenlang zuhören, wenn er eine Strafpredigt über Welt und Menschen hielt und die Züge in seinen Gemälden des kindischen menschlichen Stolzes von gebornen Spaniern entlehnte: sobald er aber Einen Zug der Unterdrückung einfliessen liess, die der Kreole so gut als der Spanier beging, so schwieg man anfangs still, und wenn er seine Schilderungen mit solchen Dingen gar zu sehr überladete, so wurde die Unterhaltung abgebrochen. Belphegor, der seinen Herrn, im Durchschnitte gerechnet, für gut hielt, dünkte sich verpflichtet, ihm auch die kleinen Flecken abzuwischen, die die Grundfläche seines Charakters beschmuzten und die sich nur durch die Länge der Gewohnheit so tief eingefressen hatten, dass er sie, wie alle Menschen seines Schlages um ihn, für keine Flecken hielt. Dahin gehörte vorzüglich diese Art von Grausamkeit, die auch Menschen begehen, wenn sie nichts als gerecht sind, andern zwar sehr pünktlich ihre eignen Obliegenheiten entrichten, aber auch mit der äussersten Strenge ihr Recht von andern verlangen. Da diese Strenge sich am meisten da äussert und auch, ohne gerichtliche Straffälligkeit, am meisten da äussern kann, wo eine alte verjährte Unterdrückung zum Recht geworden ist, und ein Trupp armseliger Kreaturen, so bald sie zu existiren anfangen, schon die Möbeln eines andern sind – kurz, wo Leibeigenschaft und Sklaverei herrschen; so fand Belphegor für seinen Strafeifer nirgends reichlichern Stoff als in seinen gegenwärtigen Umständen. Die Indianer, diese armen Lastträger, diese Soufre-douleurs von Amerika, und man möchte sagen, der ganzen Menschheit, reizten seinen Unwillen am heftigsten. Er sah, dass alles sich vereinigte, auf die Kosten dieser Elenden wohl zu leben, und sein Ungestüm, da er so viele Nahrung fand, brach von neuem los. – Ihr seid Unmenschen, sprach er einst zu seinem Herrn; ihr macht eure Schultern leicht und legt alle Lasten der Menschlichkeit diesen Kreaturen ohne Mitleid auf: ihr drückt sie, weil sie keine rechten Christen sind, ohne zu bedenken, dass sie Menschen sind. Lasst diesen Unglückseligen ihren Pachacamac21 oder wie sie ihn sonst nennen wollen, und erleichtert ihnen die Mühe zu leben, und ihr seid ihre wahren Wohltäter. Ist es nicht ewige Schande, eine halbe Welt zu erobern, ihre Einwohner zu Sklaven zu machen und dann noch an ihrem dürftigen Unterhalte zu saugen? – Aber warum konnte nun die natur ihr Werk so anlegen, dass alle diese Härte eine notwendige Folge von seiner Einrichtung sein musste? dass ein teil der Menschen von dem andern nicht allein zur Arbeit gezwungen, sondern auch überdiess noch hart behandelt werden musste? dass ein teil ganz erniedrigt werden musste, damit der andre desto höher sich emporhebe? – O Gott! mir schwellen alle meine Adern, wenn ich diesen tollen Lauf der Welt überdenke! – Was sind diese Befehlshaber, diese Corregidoren anders als privilegirte Unterdrücker! Was seid ihr, die ihr den Reichtum des Landes der Erde abgewinnt, anders, als immerwährende Unterdrücker? als vom Recht geschüzte Unterdrücker, wenn ihr auch noch so gelinde verfahrt? Und wenn der Elende diese beiden Ruten bis zum Verbluten gefühlt hat, dann setzt noch der geistliche Blutsauger den Rüssel an und zieht dem armen Einfältigen den wenigen Saft aus, der ihm übrig blieb, verkauft ihm schnöde nichtsnutze Possen und pflanzt ihm den hässlichsten Aberglauben ein, damit ihn Gewissen und Blödsinn zum Kaufe zwingen. – Ist es erhört, o natur, dass du eine Gattung von deinen Geschöpfen so ganz stiefmütterlich vernachlässigen konntest? Waren die Indianer nicht auch dein Werk? Und doch liessest du sie vielleicht viele tausend Jahre in Dummheit und dem grausamsten Aberglauben herumkriechen, Sklaven ihrer Tyrannen und ihrer Götter sein, dann sie zu tausenden erwürgen, in das Joch der Europäer stecken und nun langsam von allen Seiten bis zur Vernichtung quälen: du schufest sie, um sie langsam aufzureiben. –
Einen solchen Sermon hielt natürlicher Weise sein Herr nicht länger aus, als bis er sich das erstemal getroffen fühlte