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gelegenheit gab, zu seinen Zweifeln und dem Nachdenken darüber zurückzukehren.

Indessen hatte das Schiff seinen Weg nach Panama angefangen und jede Stunde, die Medardus missen konnte, brachte er mit Belphegorn zu, um einander zu erzählen und Anmerkungen darüber zu machen.

Was findest Du nun in meinem ganzen Lebenslauf? fragte Belphegor eines Abends, als er seine geschichte von dem Brande in NIEMEAMAYE bis auf den gegenwärtigen Augenblick geendigt hattewas findest Du darinne, blindes Schicksal oder überlegte Vorsehung? Ich wollte durch eine Reihe Beschwerlichkeiten dahin, die Neid und Bosheit meistens nur gelegentlich über mich ausgossen: keins hängt mit dem andern zu einem gewissen Zwecke zusammen, sondern ich wurde gequält, weil die Menschen nun einmal so gemacht sind, dass sie nach ihren Gesinnungen und Leidenschaften, die auch nicht ihr Werk sind, nicht anders als mich quälen mussten. Die Barbaren, die mich und Akanten nach einer langsamen Marter fressen, oder die uns ihren Göttern opfern wolltenwas können diese dazu, dass sie diess nicht eben so sehr, wie wir, für die schrecklichste Grausamkeit halten? Eine fortgesetzte Reihe von begebenheiten, nebst ihren ursprünglichen natürlichen Anlagen, Trieben und Neigungen, stellten ihnen allmählich jenes als zulässig und dieses als vortreflich vor, so wie uns eine andre lange Reihe von begebenheiten die Handlung, einen Menschen zu schlachten, als abscheulich abmalte. Was für ein Plan ist es aber, Menschen so anzulegen, dass aus ihrem ersten Triebe der Selbsterhaltung Leidenschaften aufwachsen müssen, die solche barbarische Grundsätze erzeugen? Was sind diese in jenem vorgeblichen Plane? Zweck oder Mittel? – Zweck können sie nicht sein: denn welche idee, Kreaturen zu schaffen, damit sie einander fressen! – Mittel eben so wenig: denn wozu führen solche Untaten im Ganzen oder im Einzelnen? – Entweder müsste also hier in dem Plane der begebenheiten ein törichter Zweck oder ein törichtes Mittel angenommen werden, oder die ganze Sache muss ein zufälliger, nicht intendirter Umstand sein; und, und! – vielleicht war die ganze Reihe meines, deines Lebens, die begebenheiten der ganzen Erde nichts als diesesWirkungen des Zufalls und der notwendigkeit, wo Leute, die diese Wörter nicht leiden konnten, Zweck und Mittel herauskünstelten, und, wie die Wahrsager, auch zuweilen diese beiden Sachen selbst herausbrachten. –

Brüderchen, Du schwatzest zu subtil: Du grübelst und grübelst, und hast am Ende nichts als Unruhe und Ungewisheit zum Lohne: ICH glaube frisch weg, ohne mich links oder rechts umzusehen, dass alles gut und weise angeordnet ist, und wenn mich die Kerle, die Dich verschlingen wollten, schon halb hinuntergeschluckt hätten, so dächte ich doch: wer weiss, wozu das gut ist? Ich komme am besten dabei zu rechte: ist auch wirklich alles notwendigkeit und Zufall; muss ich mich von diesen beiden Mächten herumstossen lassenwohlan! ich wills gar nicht wissen, dass sie mich blind herumstossen. Der Kopf wird so dadurch wirblicht genug, soll ich mir ihn noch durch Grübeleien wirblicht machen? – Nein! jede Freude genossen, wie sie sich anbietet, jeden Puff angenommen, wie er kommt, und immer gedacht: wer weiss, wozu er gut ist? – das heisst klug gelebt! – Und das kannst Du mir doch nicht läugnen, Brüderchen, dass die gottlosen Kerle, die mich mit dem Boote fortwandern liessen, mich in die Angst versetzen mussten, damit ich dich wiederfände? Wäre ich in dem Palaste zu Niemeamaye nicht beinahe verbrannt, hätte ich nicht so viele Gefahren zur See und in Amerika ausgestanden, so wäre ich jetzt nicht bei Dir, so freueten wir uns jetzt nicht

Bester Freund! unterbrach ihn Belphegor: dieser Zweck ist auf deiner Seite erreicht, aber auf der meinigen nicht. In dem Sturme der Leidenschaften, unter dem Gefühle der Widrigkeiten wütete meine Seele, wie ein Betrunkener; alles war mir schwarz, ich deklamirte, aber ich räsonnirte nicht. Jetzt da sich durch dein Wiedersehn meine Aussichten erheitern, da der Taumel des widrigen Gefühls verfliegt, jetzt tritt eine Stille ein, die tausendmal quälender als der Sturm istüberlegtes Räsonnement in dem trüben Tone, in welchem ich vorher deklamirte: kurz, ich bin aus dem Getümmel der Schlacht, Wunden und Schmerzen herausgerissen worden, um an mir selbst zu nagen. Soll dieses Zweck oder Mittel von einem künftigen Zwekke sein? – und so wird wohl der letzte, auf dem alles abzielt, der Tod sein.–

Wer weiss, wozu Dir das gut ist, Brüderchen? sprach Medardus. Du musst nur Mut schöpfen

Lieber Mann! heisst das nicht zu einem lahmen fuss sagen: hinke nicht? – Führe ICH die Federn meines Denkens und Empfindens an der Schnure, um sie nach Wohlgefallen lenken zu können? –

Brüderchen, mir war bange, als ich in dem Palaste zu Niemeamaye mitten unter den Flammen, wie in einem Feuerofen, steckte: aber ich dachte doch, wenn Du gleich zu Pulver verbrennst, wer weiss, wozu das gut ist? wo nicht Dir, doch einer lebendigen Kreatur auf der Erde jetzt oder in Zukunft; und siehst Du? ich kam glücklich durch. –

Aber wie kamst Du durch, Freund? –

Durch einen besonderen Zufall. Du weisst, der Bösewicht, der mit Dir nach Niemeamaye kam, um mich schändlicher Weise zu tödten, wurde zu einem ewigen Gefängnisse verdammt, weil wir kein Blut vergiessen wollten, ob er gleich den Tod verdient hatte. In dem Tumulte