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seinen Errettern so lebhaft, dass man beinahe das Fahrzeug, das ihnen zu ihrer eignen Zurückfahrt zu dem Schiffe unentbehrlich war, hätte entwischen lassen: besonders wurde Belphegor für seine mutige Handlung mit Liebkosungen überschüttet und in Umarmungen fast erdrückt. Man besichtigte das Tau und wurde mit Erstaunen überzeugt, dass es entzweigeschnitten war. Jedermann war deswegen um so viel mehr begierig, die besonderen Umstände von der Losreissung des Bootes zu wissen: man stürmte von allen Seiten auf den Erretteten mit fragen zu, und er versicherte sie, dass er weiter nichts von dem traurigen Vorfalle sagen könne, als dass die vier übrigen, die sie im Boote bei ihm zurückgelassen, unter dem Vorwande, dass sie Enten auf einem nahen Sumpfe schiessen wollten, aller seiner Vorstellungen und Verweise ungeachtet, ausgestiegen wären und mit einem Jagdmesser hinterlistig den Tau entzweigehauen hätten, um ihn der Willkühr des Stroms zu übergeben. Die Ursachen ihrer Bosheit waren ihm unbekannt: wenn er aber eine vermuten sollte, so musste es nach seiner Meinung Unzufriedenheit sein, dass man IHM die Aufsicht über das Boot anvertraut und ihn einen Fremden jenen Eingebornen vorgezogen habe. Die Spanier, die man jetzt für ein Paar Offiziere erkannte, wüteten wider die Bösewichter, und am meisten darüber, dass sie sich durch die Flucht ihrer Strafe entzogen hatten.

Unterdessen flog der Gerettete, den seine Dankbarkeit noch ganz begeisterte, noch einmal auf Belphegorn zu und versuchteals er merkte, dass er kein Spanisch verstandeine Sprache zu finden, worinne er ihm seine Empfindungen frei und geläufig auszudrücken wusste: es gelang ihm, und dann empfieng Belphegor eine feurig warme Danksagung, eine so freundschaftlich warme, als sie ihm sein vertrautester Freund hätte geben können, und oben drein die Versichrung, dass er nebst seiner Gefährtinn in Kartagena so lange bei ihm bewirtet werden sollte, als es ihm nur gefiele. – Die Vorsicht lebt noch, sprach der dankbare Mann mit frölichem Tone: sie hat mir mit meinem Bootchen aus dem grimmigen Flusse geholfen, warum sollten sie mir denn nicht nach Kartagena wieder verhelfen, um dir für deine Wohltat zu danken? – Ja die Vorsicht lebt noch: wenn wir zum Schiffe kommen, Brüderchen, so wollen wir ihr zu Ehren eine Flasche zusammen ausleeren.

Das Boot wurde unterdessen bestiegen, und man ruderte den Strom hinab, um wieder zu dem Schiffe zurückzukehren, und jeder spannte dabei seine Geschicklichkeit und seine Kräfte an. Sie erreichten das Schiff, und Belphegor wurde mit Akanten von ihrem neuen Freunde auf das herrlichste bewirtet: die Flasche lösste allen die Zunge, und jedes liess seinen Gedanken und Worten ungehinderten Lauf: man erzählte sich und erzählte sich so lange bis der Bewirter die Flasche vor Hastigkeit hinwarf und Belphegorn um den Hals flog. – Brüderchen, schrye er, bist DU es? bist DU es? Gewiss? DU, Brüderchen? der mich, deinen MEDARDUS, in dem abscheulichen Palaste zu NIEMEAMAYE mitten in den Flammen zurückliess? – Sagte ich doch: die Vorsicht lebt noch: wir dachten einander nimmermehr wieder zu finden, aber siehe! hier sind wir beisammen. Wer hätte das denken sollen? – Und Du auch, Akantchen? – Wohl uns! wenn wir erst wieder in Kartagena sind! Dann solls euch gehen! – so gut, als ihrs jetzt schlecht gehabt habt! Glückliches Wiedersehn, und nimmermehr wieder Verlieren! – und so trank er munter sein Glas aus. –

Aber, sprach Belphegor, wenn die Vorsicht noch lebt, wie Du noch immer fest glaubst, warum liess sie mich erst so lange Zeit zweifeln, ob überhaupt eine existirte? Warum musste ich geschunden, zerschnitten, gesengt und beinahe gefressen werden, um davon überzeugt zu werden? und noch kann unser Wiedersehn eben so sehr die wirkung eines Ohngefehrs, eines zufälligen Schicksals als einer Vorsicht sein? Meine Leiden machen meinen Glauben an sie kein Haarbreit stärker; ja so garsie schwächen ihn. –

Bist Du noch so ein Grübelkopf, Brüderchen? unterbrach ihn Medardus. Ersäufe Zweifel und Grillen in der Flasche: genug, ich glaube, dass eine Vorsicht ist, und wers nicht glaubt, den soll der Teufel holen! – Nun, Brüderchen! – und so stiess er an sein Glasalle, die eine Vorsicht glauben, sollen leben! –

Man merkte es, dass die Flasche den jovialischen Medardus begeistert hatte; und da Belphegors Rausch ein trüber melancholischer Rausch war, so hätten beide beinahe über Schicksal und Vorsicht in einen unseligen Zwist verwickelt werden können, wenn nicht Akantens Dazwischenkunft sie getrennt und im Frieden erhalten hätte.

Als der Rausch ausgeschlafen war, so kehrte zwar die alte Vertraulichkeit wieder zurück, allein Belphegor blieb doch trübsinnig. Akante heiterte sich mit jeder Stunde wieder auf: mit jeder Erzählung, die ihr Medardus von dem Reichtume und den Schönheiten zu Kartagena machte, mit jeder Aussicht auf Ruhe, Bequemlichkeit, Ergötzlichkeit, die er ihr eröffnete, verschwand das Andenken der überstandnen Beschwerlichkeiten, und es verstärkte sich ihre Munterkeit und Lebhaftigkeit; sie quälte sich nicht, ob diese angenehme Erwartungen ein Geschenk des Schicksals oder der Vorsehung sein möchten: genug, sie sollte sie geniessen, und war damit zufrieden, dass sie sie geniessen sollte. Belphegor hingegen lief täglich und stündlich die traurige geschichte seines vergangnen Lebens durch, fand überall gelegenheit zu klagen und mit seinem Glauben sich auf die Seite eines blinden Schicksals zu neigen, wozu Medardus mit seinem unumschränkten Vertrauen auf eine Vorsehung nicht wenig beitrug, weil er ihm dadurch immer